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Rätselhaftes Bremsmanöver

Vietnam Airlines: Neue Erkenntnisse zu Beinahe-Unglück am Flughafen

Rettungskräfte stehen nach der dramatischen Landung bereit. © Youtube/Privat

Gefährlich spät: Der Dreamliner wirbelt beim Abheben jenseits der Startbahn Staub auf.

Deutliche Bremsspuren am Rumpf der Boeing 787-9. Dieses Bild veröffentlichte die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. © BFU

München – Die Passagiere an Bord der Boeing 787-9, die am 15. August von München nach Vietnam fliegen wollten, machten sich auf das Schlimmste gefasst. Für die Notlandung mussten sie sich in die „Brace-Position“ bringen – Schuhe aus, Gurt fest, Oberkörper nach vorne, Kopf tief. „Wir dachten, unser letztes Stündlein hätte geschlagen“, sagte eine Frau hinterher. Verletzt wurde niemand – aber der Beinahe-Unfall der Vietnam Airlines machte weltweit Schlagzeilen.

Jetzt liegt der Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BfU) in Braunschweig vor. Ein Sprecher der BfU betont, dass es sich lediglich um eine Darstellung des Sachstands handelt – wer oder was den Beinahe-Unfall verursacht hat, könnte frühestens in einem Jahr feststehen.

Klar ist: An Bord der Maschine befanden sich vier Piloten, zwölf Kabinenbesatzungsmitglieder und 271 Passagiere. Um 11.35 Uhr verließ das Flugzeug die Parkposition 103 am Terminal 1. Die Startmasse betrug gut 240 Tonnen, zulässig wären 247 Tonnen. „Die Startmasse befand sich also im Rahmen“, sagt ein BfU-Sprecher. Zunächst lief alles normal, die Startfreigabe wurde um 11.55 Uhr erteilt, eine Minute später wurde der Startmodus aktiviert. Doch nach wenigen Sekunden zeichnete der Flugschreiber „eine Bremspedalbewegung der beiden linken Bremspedale“ auf. Über 18 Sekunden wurden die Bremspedale gehalten – eine lange Zeit für die Geschwindigkeit von etwa 311 km/h, mit der das Flugzeug unterwegs war. „Da verliert man viel von der Startbahn“, sagt Sebastian Kloth, der selbst Pilot und Experte für Unfalluntersuchung bei der Pilotenvereinigung Cockpit e.V. ist. Durch das Abbremsen sei das Flugzeug zu langsam gewesen, um abheben zu können. Kurz vor dem Abheben erhöhte der Copilot daher den Triebwerksschub manuell.

Die Folge war laut BfU, dass das Flugzeug über die Startbahn hinausschoss, auf das Gras dahinter geriet, und noch im letzten Moment abheben konnte – 240 Meter hinter der Pistenschwelle. Heck und Fahrwerk kollidierten mit 20 Lampen des Beleuchtungssystems an der Startbahn, ein sogenannter Tail Strike. Dabei wurde auch der Rumpf beschädigt.

Warum wurde beim Start mehrfach gebremst? Untersucher der BfU versuchen zu klären, ob die Bremsen, die auf minimale Bewegung reagieren, vom Piloten oder vom System betätigt wurden.

Um 12 Uhr setzte die Flugbesatzung eine Pan-Pan-Meldung ab. Das ist ein internationales Dringlichkeitssignal im Flugfunk, das bei einer ernsten Gefahrenlage abgesetzt wird, bei der jedoch keine unmittelbare Lebensgefahr oder akute Gefahr für das Fahrzeug besteht, heißt es bei Wikipedia. Pilot Sebastian Kloth zufolge handelt es sich um eine Stufe unter dem akuten Notruf Mayday. In den folgenden Funksprüchen ist von einem „technical problem“ die Rede, die Besatzung kündigt an, nach München zurückzufliegen und vorher Treibstoff abzulassen. Zu diesem Zeitpunkt tauschten die Piloten Plätze: Bislang saß ein 64-jähriger Pilot, der verantwortliche Luftfahrzeugführer, auf dem Platz, auf dem auch gebremst wurde. Er hat mehr als 27.000 Stunden Flugerfahrung, davon fast 7800 als Kapitän einer Boeing 787. Jetzt übernahm sein 55-jähriger, ebenfalls erfahrener Kollege. Laut Kloth kommt ein Pilotentausch durchaus vor. Was die Besatzung besprochen hat, ist nicht dokumentiert – diese Aufzeichnungen werden automatisch nach zwei Stunden gelöscht. Zweimal flog die Maschine am Münchner Tower vorbei, damit das Bodenpersonal die Schäden begutachten kann. Fast zwei Stunden kreiste der Dreamliner über den Airport, ließ 62 Tonnen Kerosin ab, um die Landung zu erleichtern. Um 13.56 Uhr setzte die Boeing auf der Piste 26R auf. Am Boden wurde festgestellt, dass vier Reifen des linken Hauptfahrwerks beschädigt wurden.

Pilot Kloth spricht von „großem Glück“, dass der Vorfall in München passiert ist. Denn dort ist hinter der Startbahn Wiese und mehr Platz, als der internationale Standard vorschreibt. An anderen Flughäfen wäre die Maschine möglicherweise in ein Gebäude gekracht – und die Folgen verheerend gewesen.CARINA ZIMNIOK

Freitag, 2. Oktober 2026
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