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Die Hüter der alten Obstsorten

Ihre Lieblingssorte: Expertin Daniela Dirr mit dem Berner Rosenapfel. © Oliver Bodmer (4)

Oberschleißheim – Daniela Dirr hebt einen Apfel aus dem Gras, den der Baum schon abgeworfen hat. Etwas matt ist er, eigentlich leicht zu übersehen. Aber nicht für eine Expertin. Sie weiß, dass sie es hier mit einem Berner Rosenapfel zu tun hat. Mit ihrem Hemdsaum wischt sie ein paar Mal über den Apfel – und plötzlich glänzt er leuchtend rot. Genüsslich beißt sie rein. Im Supermarkt hätte dieser Zauberapfel vermutlich keine Chance. Etwas zu bitter und zu druckempfindlich ist er. Dafür hat er aber eine Superkraft: eine hohe Menge Polyphenole. Sie schützen den Apfel und binden Allergene. Deshalb vertragen auch Menschen mit Apfelallergie die alten Sorten wie den Berner Rosenapfel gut. Gerade diese Superkraft ist aber aus vielen gängigen Sorten rausgezüchtet worden. „Vielleicht weil man gedacht hat, dass es mehr dem allgemeinen Geschmack entspricht, wenn Äpfel weniger bitter sind“, sagt Dirr. Wenn es nach ihr geht, dürfte es gerne mehr Berner Rosenäpfel auf der Welt geben.

Oder eine der vielen anderen alten Sorten, die im Obstgarten im Schloss Schleißheim angebaut werden. Daniela Dirr ist gartentechnische Leiterin und weiß, wie unterschiedlich Äpfel schmecken können. Einige sind würzig, andere eher weinhaltig, manche extrem saftig, andere ein bisschen säuerlich. Und dann diese wunderschönen alten Namen! Goldparmäne, Winterrambur, Goldrenette von Blenheim. Der Bell Fleur ist bekannt für sein festes Fruchtfleisch, die Zuccalmaglios Renette sehr saftig und ein bisschen säuerlich. „Die Namen zeigen, wie viel Arbeit und Liebe die Züchter in ihre Obstbäume gesteckt haben“, sagt Daniela Dirr.

630 Obstbäume stehen auf dem Schlossgelände, die meisten im anderthalb Hektar großen Muttergarten. Neben den alten Apfelsorten wachsen hier auch Birnen mit so schönen Namen wie Harrow Delight oder Prince Jumbo. „Wir haben das längste Birnenspalier in Deutschland“, erzählt Dirr. 700 Meter lang ist es. Es muss von Spezialisten geschnitten werden, damit es in dieser Länge wachsen kann. Außerdem gibt es Trauben, Kirschen, Zwetschgen, Quitten, Mirabellen.

Einige der alten Sorten stammen noch aus der Zeit des Kurfürsten Max Emanuel im 18. Jahrhundert. „Damals gab es hier etwa 3500 Obstbäume“, erzählt Dirr. Einige davon waren sehr verwahrlost. Vor einigen Jahren tauchte dann eine Liste aus dem Jahr 1862 auf – verfasst von dem berühmten Pomologen Johann Georg Conrad Oberdieck. Seitdem werden die alten Sorten wieder verstärkt gezüchtet. Viele sind leider unwiderbringlich verloren. Es sei denn, es gibt noch einen Baum, der die Sorte trug – dann würde sie sich mit viel Arbeit wiederbeleben lassen, erklärt die Expertin.

„Die alten Sorten sind sehr frostresistent und robuster als Äpfel in Apfelplantagen“, erklärt Daniela Dirr. Auch die Trockenheit haben die alten Sorten besser weggesteckt, weil die Bäume sehr tiefe Wurzeln haben. Aber zu schaffen gemacht hat ihnen der Hitzesommer natürlich, sagt Dirr. Viele haben schon Obst abgeworfen, die Äpfel sind etwas kleiner ausgefallen und die Ernte wird nicht so groß werden wie in den vergangenen Jahren. Trotzdem wird es jede Menge Arbeit für Sabine Behrens. Sie hat nur ein oder zwei Helfer, um alle Obstbäume leer zu pflücken.

Denn Anfang Oktober beginnt der Verkauf in der Schleißheimer Obstarche. Die alten Obstsorten sind gefragt – nicht nur bei Allergikern. Es bilden sich regelmäßig lange Schlangen, wenn Behrens den Verkaufsraum aufsperrt. Wundert sie kein bisschen. „Wer hier einmal probiert hat, kommt wieder.“ Das Aroma der alten Obstsorten sei einfach viel intensiver. „Und der Geschmack ist toll.“

Was sie aber genauso begeistert wie das Obst sind die Szenen, die sie in der Obstarche manchmal beobachten kann. „Bei vielen Menschen werden Kindheitserinnerungen wach, wenn sie in einen der Äpfel beißen.“ Denn fast alle hatten einen Opa mit einem dieser alten Apfelbäume im Garten. Außerdem kann Behrens dann beobachten, wie Fremde miteinander ins Gespräch kommen oder sich Besucher gegenseitig beim Obst-Abtransport helfen. „Das ist jedes Mal eine sehr schöne Stimmung beim Verkauf“, sagt sie. Und der Beweis dafür, wie sehr Genuss verbindet.

Freitag, 2. Oktober 2026
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