Volkskrankheit Alzheimer

„Mein Hirnkastl funktioniert immer weniger“

von Redaktion

von Armin Geier

München – Es ist Sonntagvormittag: Erich Reindl, 81, nimmt vorsichtig am Esszimmertisch Platz. Er lächelt, blickt sich zeitgleich immer wieder im Raum um. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein gesunder Mensch. Er ist gepflegt, gut angezogen. Seine Frau schenkt ihm ein Glas Wasser ein.

-Wie war das, als Sie damals die Demenz-Diagnose bekamen? Ein Schock?

Erich Reindl: Ich habe damit gerechnet. Leider.

-Warum das?

Erich Reindl: Weil das bei mir in der Familie liegt.

Elfriede Reindl: Die Tante meines Mannes hatte die gleiche Erkrankung. Und wir haben ja vorher gemerkt, dass etwas nicht stimmt.

-Wie merkt man das? Es heißt oft, Patienten vergessen ihre Schlüssel oder Ähnliches.

Elfriede Reindl: Nein, es waren weniger die Schlüssel. Er wusste plötzlich nicht mehr, was er am Wochenende gemacht hatte. Beide Tage waren wie weg. Oder er stellte immer wieder die gleiche Frage.

-Ihnen war also klar, was kommt?

Elfriede Reindl: Ja, und ich habe auch gleich entschieden, meinen Mann nicht zu verstecken. Es darf ruhig jeder im Viertel wissen, dass er an Alzheimer leidet.

-Um auf die Volkskrankheit aufmerksam zu machen?

Elfriede Reindl: Das auch. Hier hat sich ja gesellschaftlich zum Glück schon viel verbessert. Aber auch einfach nur, damit die Leute wissen, was zu tun ist, wenn er verloren geht (ihr Mann nickt bei diesen Worten heftig).

-Gehen Sie denn verloren?

Erich Reindl: Manchmal schon. Da ist es einfach leer bei mir.

Elfriede Reindl: Mittlerweile ist die Krankheit so fortgeschritten, dass Erich den Müll rausbringt und dann plötzlich nicht mehr weiß, wo er ist – die Container nicht findet. Dann läuft mein Mann hier durch die Wohnanlage. Da ist es halt wichtig, dass die Menschen über sein Leiden Bescheid wissen.

Erich nickt wieder.

-Sie lassen ihn also nicht immer in der Wohnung?

Elfriede Reindl: Um Gottes willen, nein! Ich will ja, dass er weiter irgendwie am Tagesablauf teilnimmt. Das ist wichtig. Besonders für ihn. Er kann zum Glück noch einigermaßen gehen. Das war schon mal schlechter.

-Warum das?

Elfriede Reindl: Das weiß ich nicht. Vielleicht lag es an bestimmten Medikamenten. Es gab eine Phase, da stürzte mein Mann ständig. Teils sechs, sieben Mal. Das ist aber auch ein typisches Symptom von Alzheimer. Da konnte ich ihn natürlich nie auch nur zehn Minuten alleine lassen.

Erich Reindl grinst. Er hebt seine Hand, schaut seine Frau an. Dann sagt er leise: „Ich war früher Leichtathlet. Da tut es weh, wenn man sich nicht mehr so bewegen kann.“

-Wie lebt man damit, wenn man merkt, dass der geliebte Partner sich immer mehr entfernt?

Elfriede Reindl: Darüber denkt man lieber nicht nach. Es schmerzt natürlich, wenn mein Mann manchmal mit mir in der dritten Person spricht. Dann erzählt er mir, dass ihm die Elfriede gesagt hat, er solle den Tisch decken. Dann weiß ich nicht, wer ich in diesem Moment für ihn bin. Aber man hofft immer auf den nächsten Tag. Auf eine gute Tagesform.

-Wenn es ein guter Tag ist, was macht man dann?

Elfriede Reindl: Wir gehen gern essen und dann spazieren. Früher sind wir auch viel zum Schliersee gefahren – aber das geht nicht mehr. Erich Reindl: Und meine Enkelin nimmt mich manchmal mit ins Volkstheater. Elfriede Reindl: Stimmt. Und du malst.

Erich Reindl: Ja, ich male.

Elfriede Reindl: Aber das geht seit einer Weile auch nicht mehr.

Erich steht in diesem Moment auf, marschiert in den Flur. „Kommen Sie!“ Er will einige seiner Bilder zeigen, die dort an der Wand hängen – zwischen alten Familienbildern. Stolz erklärt er, dass er alles alleine gemacht hat. Die Bilder sind schön. Nicht kindlich, dennoch farbenfroh.

-Spüren Sie, dass Sie jeden Tag mehr vergessen?

Erich Reindl: Ich merke, dass mein Hirnkastl immer weniger funktioniert. Es ist zäh da drin. Da ist viel einfach weg. Auch die Zeit.

-Die Zeit?

Erich Reindl: Ja, da denke ich dann, ich habe heute gearbeitet. Ich war früher bei Mannesmann im Außendienst. Und da fühlt sich alles an, als wäre ich heute mit meinem Kollegen unterwegs gewesen. (Erich Reindl ist seit Jahren Rentner, Anm. der Redaktion)

Elfriede Reindl: Und dann erzählt er mir, wie anstrengend sein Tag heute war. Ein anderes Beispiel ist, wenn ich beispielsweise fünf Minuten im Keller bin, etwas hole und dann zurückkomme: Da steht mein Mann schimpfend an der Tür und fragt, wo ich die letzten sechs Stunden war. Dieses Zeitgefühl ist weg. Ich will ehrlich sein: Da fließen auch mal Tränen, wenn sich sein Zustand wieder etwas verschlechtert. Bei uns beiden.

-Kann man diese Angst besiegen?

Elfriede Reindl: Nein. Jeder Tag ist für uns eine Herausforderung. Oft bin ich völlig überlastet, kann nicht mehr. Dann schimpfe ich ihn auch mal.

-In welchem Zusammenhang?

Elfriede Reindl: Wenn er beispielsweise immer wieder die gleiche Frage stellt. Dann werde ich wütend. (Sie blickt bei diesen Worten zur Seite).

-Man hört, dass Ihnen das leidtut.

Elfriede Reindl: Natürlich. Später dann. Mein Mann ist wie ein kleines Kind. Er kann halt nichts mehr alleine machen. Er macht das ja nicht absichtlich. Aber die Belastung für uns Angehörige ist halt auch immens. Da ist man manchmal kurz vorm Explodieren.

-Das weiß jeder Betroffene. Sie kümmern sich um alles: einkaufen gehen, sauber machen, ihren Mann waschen und ankleiden.

Elfriede Reindl: Ja, ich werde das machen, so lange ich kann. Aber ich bringe meinen Mann auch hin und wieder in die Tagespflege. Da kümmert man sich um ihn, da wird er gefordert und ich kann diese Aufgaben alle erledigen – ohne Sorge um ihn.

Erich lacht bei diesen Worten. Er blickt sich wieder im Zimmer um, langsam hebt er die Hand und sagt: „Ich bin so froh, dass ich meine liebe Frau habe. Sie ist für mich da.“

Elfriede Reindl: Ja, das werde ich auch weiterhin sein, Erich.

-Es gibt keine Heilung. Irgendwann wird ihr Mann voll pflegebedürftig sein…

Elfriede Reindl: Das ist mir natürlich klar. Aber wir sind seit 57 Jahren verheiratet. Da gehört man zusammen. Egal, was kommt. Fest steht aber auch: Wenn ich es nicht mehr schaffe, ihn zu versorgen, muss ich ihn in ein Heim bringen. Das wird schwer.

-Und wenn er Sie nicht mehr erkennt? Nicht mehr weiß, wer Sie sind?

Elfriede Reindl: Dann habe ich noch meine Erinnerungen. Abschied muss jeder irgendwann nehmen. Und der tut immer sehr weh. Jedem.

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