Houston – Bryan Curtis fährt normalerweise zum Spaß mit seinem Jet-Ski. Jetzt hat er es zum Rettungsfahrzeug gemacht. Curtis lebt in Conroe, einer Stadt nördlich der Millionenmetropole Houston. Er ist einer der vielen Zivilisten, die bei der Rettung der Flutopfer helfen, die Wirbelsturm „Harvey“ mit seinen ungeheuren Wassermassen zurückgelassen hat. „Ehrlich gesagt, denke ich momentan überhaupt nicht an mich selbst“, sagt Curtis. „Es geht nur darum, dass die Menschen Hilfe brauchen, ich bin hier, um zu helfen, ich will etwas beitragen.“
Beispiellos nennen Experten die Lage im US-Bundesstaat Texas. Das Ausmaß der Katastrophe überfordert die staatlichen Rettungskräfte völlig. Und trotz deutlicher Abschwächung bringt „Harvey“ weiter Massen von Wasser. Bestätigt sind bislang zwei Todesfälle. Bis zu 30 000 Menschen werden vorübergehend obdachlos sein. Heute will US-Präsident Donald Trump das Katastrophengebiet besuchen.
Mit einer Verschnaufpause ist nicht zu rechnen – im Gegenteil: Nach jüngsten Vorhersagen des Wetterdienstes könnte es noch bis Donnerstag oder sogar Freitag heftig weiterregnen. Erwartet wird, dass stellenweise bis zu 127 Zentimeter Regen fallen – eine noch nie da gewesene Menge. An mehreren Staudämmen wurde in der Nacht zum Montag zur Entlastung der Anlagen Wasser abgelassen, was die Überflutungen weiter verschärfte. Viele Orte würden bald nur noch mit Booten zu erreichen sein, warnten die Behörden. Manche Gebiete seien vielleicht auf Monate unbewohnbar. Die Stadt Dallas machte ihr Kongresszentrum zu einer Herberge für Flutopfer. Bis zu 5000 Menschen können dort unterkommen.
Auf Ersuchen des texanischen Gouverneurs Greg Abbott hat Präsident Trump bereits am Freitag für Teile von Südtexas den Notstand ausgerufen. Das Nationale Hurrikan-Zentrum (NHC) stufte „Harvey“ zwar immer weiter herunter, die sintflutartigen Regenfälle halten aber an: von der Stadt Corpus Christi im Osten bis Houston im Westen. Der Internationale Flughafen der Stadt wurde am Sonntag bis auf Weiteres geschlossen. Auch die Schulen machen mindestens bis zum 5. September dicht.
Bis in die Innenstadt Houstons hinein sind Straßen unpassierbar, nach Behördenangaben alle Autobahnen in der Umgebung überschwemmt. Helfer in Booten retteten Menschen aus überfluteten Häusern, andere Einwohner wurden mit Hilfe von Hubschraubern von Dächern in die Luft geseilt und in Sicherheit gebracht. „Wir gehen der Reihe nach durch die Stadtteile und machen uns über Lautsprecher bemerkbar“, sagt der örtliche Beamte Alan Rosen dem Lokalsender KTRK. „Wir versuchen, die Leute auf uns aufmerksam zu machen und rufen: ,Hey, seid ihr bereit zur Evakuierung?‘“ Es gebe aber nicht genügend Mittel, um jeden zu retten, klagt er. „Wir tun wirklich alles, was wir können.“ Mindestens zwei Menschen starben: Eine Frau aus Houston blieb mit ihrem Auto in den Fluten stecken und ertrank beim Aussteigen. Das zweite Todesopfer fanden Helfer in der Küstenstadt Rockport bei Corpus Christi.
Wie dramatisch die Lage ist, drückt sich in einem Foto aus, das auf Twitter veröffentlicht wurde: Es zeigt Bewohner eines Pflegeheimes in Dickinson bei Houston, denen im Sitzen das Wasser mindestens bis zur Taille steht. Gepostet wurde es vom Schwiegersohn der Eigentümerin des Heimes, die es ihrer Tochter am Sonntagmorgen geschickt hatte, um Hilfe zu bekommen. CNN berichtet, dass alle Senioren später von Nationalgardisten in Sicherheit gebracht wurden. dpa