Ein sommer auf der Schönfeldalm

Johannes und sein Abenteuer auf der Alm

von Redaktion

von aglaja adam

Spitzingsee – Ausschlafen wird überschätzt. Zumindest, wenn man Johannes Weiß aus Schliersee fragt. Spätestens um sieben Uhr ist er auf den Beinen, Sommerferien hin oder her. Wobei auf die Beine kommen erst mal schwierig wird. Die Schlafstätte des 13-Jährigen liegt unterm Dach der Hütte auf der Schönfeldalm, sie ist nur mit einer Leiter erreichbar und liegt auf 1450 Metern oberhalb des Spitzingsees. Eine Matratze passt gerade so hinein. Wenn Johannes auf dem Rücken liegt, kann er den Dachbalken berühren. Nachts sieht er durch das kleine Fenster die Sterne am Himmel glitzern, die Berggipfel leuchten im Mondenschein. „Mehr brauch’ i ned“, sagt er.

Wenn er morgens die Leiter hinunterklettert, beginnt der Tag, und der ist immer ein Abenteuer. Ein Abenteuer mit vielen Kühen. Seine Viecher kennt Johannes, die fünf Milchkühe, die acht Kälber und die 14 Jungtiere. Er ist der „Kiabua“. „I mogs alle“, sagt er und erzählt, dass jede Kuh ihren Charakter hat, es gibt Verschmuste, Bockige, Wilde.

Zum Frühstück isst er schnell ein Brot, trinkt Milch. Das Leben ist einfach auf der Alm. „Fast schon primitiv“, sagt Angela Fuchs, 68, die Oma von Johannes. Eine Dusche gibt es nicht, die Toilette ist im Stall, „manuell betrieben“, wie sie den Eimer mit Wasser zum Spülen schmunzelnd umschreibt. Sie hat schon viele Sommer auf dem Berg verbracht. Sie freut sich, dass ihr Enkel infiziert ist mit dem Almfieber: „Der hat’s im Blut.“ Und besonders freut es sie, dass Johannes anpacken kann. Denn Arbeit gibt es genug.

Vor neun Uhr müssen die Milchkühe in den Stall getrieben werden, zum Melken. Johannes schlüpft in die Gummistiefel. Opa Josef, 73, wartet schon. Die beiden Männer stapfen los, steil bergauf. Die Kühe sind nachts draußen, da ist es schön kühl, und sie können in Ruhe fressen. Auf der Suche nach frischem Gras, duftenden Blumen und Almkräutern wandern sie den Bergkamm hinauf. Freiwillig wollen die Tiere nicht in den Stall. Johannes treibt sie mit einem Stock an, ruft: „Ronja, Sterni, Mokka, Puma und Flinserl, geht’s weiter!“ Heute scheint die Sonne, die Kühe laufen brav mit. Schwieriger ist es, wenn es regnet und neblig ist. Dann muss Johannes lauschen, wo die Glocken der Kühe zu hören sind.

Die Viecher der Familie Weiß haben alle einen Namen. Und Hörner. „Der Herrgott wird scho’ an Grund g’habt ham, warum dass er eana Hörner g’ schenkt hod“, erklärt der 13-Jährige. Er findet sowieso, dass die Milch von Kühen, die ihre Hörner behalten dürfen, besser schmeckt.

Wenn Johannes vom Leben und den Bräuchen auf der Alm spricht, klingt alles so einfach und logisch. Landwirtschaft ist für ihn keine Wissenschaft, er hat sie mit der Muttermilch aufgesogen. Schon im Bauch von der Mama war er mit auf der Alm. Elf Sommer war Mama Agnes, 45, alleine oben auf der Alm. Johannes’ ältere Geschwister Franziska, 22, und Florian, 21, waren mit dabei. Damals leiteten Oma Angela und Opa Josef den Hof unten in Schliersee mit 25 Stück Milchvieh im Stall. Dann kam 2004 die Hofübergabe. Seitdem sind die Rollen getauscht. Johannes’ Eltern müssen den Betrieb unten am Laufen halten, Oma und Opa gehen hoch auf die Alm. Schon als Kleinkind haben sie Johannes mitgenommen.

„Das machen wir aus Pflichtbewusstsein“, sagt Oma Angela. Die Almen prägen die Landschaft der bayerischen Berge. Die Senner sorgen mit den Wiesen und Weiden dafür, dass seltene Blumen und Insekten Lebensraum finden. Im Sommer laden die liebevoll gepflegten Flächen zu Wanderungen ein. Ohne die Almbauern würde sich der Wald bald die Berge zurückholen. „Das wär’ schad‘“, findet sie.

Wer sie am Melkstand sieht, beim Buttermachen oder beim Blaubeereneinkochen, der fühlt, da ist mehr als Pflichtgefühl. Die Familie treibt eine Leidenschaft, schon seit Generationen. Ihre Hütte ist über 300 Jahre alt. Die Oma kann sich gut erinnern, wie sie selbst als junges Mädel oben war. An die Zeiten, als Johannes’ Mutter jeden Sonntagabend weinte, wenn sie wieder mit runter musste, weil am nächsten Tag Schule war. An die eigene Mutter, die bis ins hohe Alter die Kühe mit der Hand gemolken hat. Bis sie sich am Arm verletzte. Da wurde eine elektrische Melkmaschine angeschafft. Das ist auch schon wieder fast drei Jahrzehnte her.

Jetzt sitzt sie am Melkstand. Johannes schaut zu, streichelt die Kühe, spricht mit ihnen. Melken kann er, klar, auch mit der Hand. Aber die Aufgaben sind verteilt. Seine ist es, das Melkgeschirr abzuspülen. „Ois macht koan Spaß“, sagt er. Aber so ist das Leben, das weiß der 13-Jährige.

Er hat das, wonach sich viele sehnen: Zufriedenheit und die Gewissheit, genau am richtigen Ort zu sein. Urlaub, das sei nichts für ihn, sagt er. Er war mal mit seiner Familie in den Osterferien weg. „Da hods mi nach zwoa Dag’ heim’zogn.“ Johannes mag den späten Herbst, wenn die Kühe im Stall unten in Schliersee ihre Kälber werfen. Er mag auch den Winter, Weihnachten und Plätzchenbacken. Aber im Frühling, wenn die Vegetation erwacht, kommt die Unruhe. Der Almauftrieb im Juni ist wie eine Erlösung.

Während der Schulzeit verbringt Johannes im Frühsommer jedes Wochenende auf der Alm, die ersten vier Wochen auf der Niederalm Valepp auf 1000 Höhenmetern, bis die Wiesen abgegrast sind. Dann geht es für acht Wochen hoch auf die Schönfeldalm. Und im September noch mal hinunter auf die Valepp, bis zum Almabtrieb.

In den Sommerferien kehrt Johannes nur in Ausnahmefällen tageweise ins Tal zurück. Sehnsucht nach den Schulfreunden hat er nicht. „Die dadn mir hier herobn bloß im Weg umgehn“, sagt er und lacht. Er hält es gut aus mit sich selbst, mit Oma und Opa in der kleinen 20 Quadratmeter großen Hütte. Mit den Kühen und den Touristen, die an sonnigen Tagen über die Alm spazieren. Außerdem gibt es noch die Senner aus den anderen fünf Hütten. Denn die Schönfeldalm ist im Besitz von sechs Landwirten aus dem Landkreis Miesbach, jeder hat seine Hütte, auf den insgesamt 170 Hektar Weide drum herum ist Platz für 180 Stück Vieh.

In diesem Sommer ist erstmals seit Langem wieder jede Hütte bewirtschaftet. „Jahrelang waren wir die Einzigen, die oben geblieben sind“, sagt Agnes Weiß. Denn nicht jeder Landwirt hat einen Sohn, der freiwillig hilft, und Großeltern, die es als ihre Pflicht ansehen. Viele stellen Senner auf Zeit ein. Reich werden diese nicht, meist gibt es nur eine Aufwandsentschädigung. Dennoch kann sich Marianne Eberhard vom Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern in Holzkirchen seit einigen Jahren kaum vor Anfragen retten. Von Schülern und Schulabgängern bis zu Rentnern gingen Bewerbungen ein. „Zum Arbeiten auf die Alm ist in“, sagt sie.

Raus aus der Hektik des Alltags, ein Leben im Einklang mit der Natur, das erhoffen sich viele von der Auszeit in luftigen Höhen. Diese atemlose Sinnsuche, das Drehen um sich selbst, das Großstadtmenschen oft umtreibt, Johannes kennt das nicht. Er ist dort angekommen, wo viele mit einem Almsommer hinwollen, im Hier und Jetzt. Und jetzt wird Käse gemacht. Dafür braucht er keine Hilfe. Er wärmt die Milch in einem Topf auf dem Ofen. Schüttet das Lab hinzu, ein Enzymgemisch, das dafür sorgt, dass die Milch stockt und zu Käse wird. Nebenbei erklärt er, wie die Milch zur Butter wird. Holt eine Milchzentrifuge, zeigt, wo der Rahm rauskommt, aus dem die Butter gerührt wird, und wo die Magermilch, die er den Kälbern zum Trinken gibt. Dann zerteilt er mit dem Käsemesser die gestockte Milch. Jeder Handgriff sitzt. Er füllt den Käse in Formen, damit die Flüssigkeit abtropfen kann. „Des is’ wia Radfahrn, einmal g’lernt vergisst es nimmer“, sagt er.

Johannes ist mit allen Abläufen vertraut. Er kennt die Ruhe, die abends einkehrt, wenn alles getan ist. Dann sitzt er oft mit Oma und Opa in der Stube und spielt Mensch-ärgere-Dich-nicht. Einen Fernseher gibt es nicht, auch kein Internet oder Handyempfang. Johannes stört das nicht. Er geht einfach ins Bett, wenn es langweilig wird. Der nächste Tag bringt genug Abenteuer.

Für ihn ist der Sommer auf der Alm ein Traum, für den er sogar länger in die Schule gehen mag. Die zehnte Klasse im M-Zweig will er machen, denn das bedeutet einmal Sommerferien mehr. Einmal mehr wochenlang mit den Kühen oben auf seinem Berg.

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