Berlin – Es kann das größte Fernseh-Ereignis des Jahres werden: Das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) dürfte an diesem Sonntag um 20.15 Uhr gut und gerne 15 bis 20 Millionen Menschen vor die TV-Bildschirme locken. Man fragt sich: Kann Martin Schulz seine Emotionen im Zaum halten? Oder zeigt Angela Merkel ausnahmsweise Nerven? Bis jetzt hat die Kanzlerin alle Angriffe des Herausforderers abtropfen lassen. Schon während dem einzigen TV-Duell im Wahlkampf werden die Demoskopen versuchen, die entscheidende Frage zu beantworten: Wer geht als Sieger aus dem Studio in Berlin-Adlershof?
Auf Martin Schulz liegt der größere Druck: Viele halten den direkten Schlagabtausch mit Merkel für seine vielleicht letzte Chance, den Umfragetrend bis zum 24. September zu drehen. Seit Wochen liegt die SPD wie festgenagelt rund 15 Punkte hinter der Union. Viele sind nach einem schlappen Wahlkampf unentschlossen. Die früheren TV-Duelle zeigten aber: Die Show beeinflusst die Wählergunst kaum.
Schon um die Modalitäten des Duells gab es Streit. Merkel drohte, gar nicht erst anzutreten, falls die vier ausstrahlenden Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1 wie geplant das Format verändern, um mehr Fahrt in den Schlagabtausch zu bringen. Die Moderationspaare Peter Klöppel (RTL) und Maybrit Illner (ZDF) sowie Sandra Maischberger (ARD) und Claus Strunz (ProSieben/Sat.1) sollten nacheinander in zwei Blöcken Fragen stellen, die Kanzlerin legte ihr Veto ein. Am Ende setzte sie sich durch, der Modus (siehe Kasten) bleibt unverändert.
Schulz sieht sich benachteiligt und wird von Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender bestätigt, der den Merkel-Leuten Erpressung vorwarf: „Das Kanzleramt verlangt ein Korsett für die Kanzlerin, in dem sie sich nicht bewegen muss. Und zugleich eines für Schulz, in dem er sich nicht bewegen darf.“
Die Regeln sind klar: Beide bekommen gleich viel Redezeit. Weder Merkel noch Schulz dürfen dabei etwas in eine der acht Kameras halten. Die Auslosung hat Merkel gewonnen – sie bekommt wie schon 2013 die Schlussfrage. Wohl in der Hoffnung, dass dieses Statement bei den Zuschauern am besten im Gedächtnis haften bleibt.
Vielleicht noch wichtiger als die Inhalte sind beim Duell Gestik, Mimik und Tonfall. Verheddert sich ein Kandidat in Details, schwitzt, stottert? Knöpft sich der Herausforderer die Kanzlerin richtig vor? Am vergangenen Wochenende war Schulz in den Attacke-Modus gewechselt, warf Merkel aggressiv Abgehobenheit vor. Solche persönlichen Angriffe sind oft ein schmaler Grat: Übertriebene Härte kann abstoßend wirken. So sagt Schulz nun vor dem Duell: „Ich habe nicht die Absicht, Frau Merkel persönlich zu attackieren. Ich respektiere Frau Merkel sehr, ich kenne sie gut.“ Seit einiger Zeit steht ihm der frühere Schröder-Vertraute und Ex-„Bild“-Vize Bela Anda zur Seite. Die Kanzlerin dürfte wieder auf ihre Medienberaterin Eva Christiansen und auf Sprecher Steffen Seibert setzen, der früher beim ZDF moderierte.
Schulz habe im SPD-Umfragetief gezeigt, dass er eine Kämpfernatur ist, heißt es anerkennend in Merkels Reihen. Dort werden ihm gute Chancen eingeräumt, ein Unentschieden zu erreichen – das sagen auch Demoskopen. Außerdem dürfte Schulz zugutekommen, dass er sich endlich im direkten Vergleich mit der Kanzlerin präsentieren kann. Merkels Taktik dürfte wieder sein, nicht über jedes Stöckchen zu springen, sich nicht in Kleinkriege verstricken zu lassen. Aber reicht Einschläfern, wie bei der Sommerpressekonferenz Anfang der Woche? Das könnte Schulz’ Chance sein, sich als Mann der Zukunft zu zeigen. Mindestens genauso groß ist aber zugleich die Gefahr, am Sonntagabend zum Mann der Vergangenheit zu werden.