FDP

Ein Hauch Demut und viel Angriffslust

von Redaktion

Abensberg – Der FDP-Chef beginnt mit Selbstironie. Christian Lindner steht im kleinen, randvollen Bierzelt auf dem Gillamoos. „Wir haben uns daran gewöhnt, nach Wahlen keine Sitzplätze im Parlament zu haben“, sagt er. Dann blickt er zu den Menschen, die vor dem offenen Zelt stehen. „Aber vor Wahlen keine Sitzplätze fürs Publikum zu haben, ist eine neue Erfahrung für die FDP.“

Okay, der kommt gleich mal gut an, Gelächter. Flugs noch eine Portion Demut hinterher. „Wir sind eine kleine Partei, ohne große Unterstützung“, sagt Lindner. Dass diese kleine Partei allein in diesem Jahr achtmal mehr Großspenden als SPD und Grüne zusammen erhalten hat, bleibt unerwähnt. Aber der eine Teil der Botschaft ist gesetzt: Wir haben aus dem Wahldebakel 2013 gelernt.

Damit wechselt Lindner in den Angriffsmodus. Das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz? „Man hatte das Gefühl, einem Bewerbungsgespräch beizuwohnen.“ Das Wahlprogramm der Union? „Ein reines ,Weiter so‘. Viel zu wenig.“ Die Diesel-Abgase? „Auch die Motoren müssen umgerüstet werden. Dann kriegen die Aktionäre eben ein paar Jahre keinen Gewinn. Hätten sie sich andere Manager aussuchen müssen.“

Auffällig ist, dass Lindner fast nur über Innenpolitik redet. Beispiel Rente: Jeder solle selbst entscheiden können, wann und wie er in Ruhestand geht. Beispiel Bürokratie: „In Estland kann man seine Steuererklärung in drei Minuten online machen. Warum geht das bei uns nicht?“ Beispiel Steuern: „Die Spitzen-Einkommen brauchen keine Entlastung. Wir müssen uns konzentrieren auf die Menschen von der Krankenschwester bis zum Ingenieur. Denen müssen wir den Weg zum Wohneigentum ebnen.“

Lindner spricht frei, läuft auf der Bühne auf und ab. Als er über die deutsche „Lust am Untergang“ sinniert, dreht er noch eine Schleife zu den Grünen. Größtenteils Nörgler und Besserwisser seien das, befindet Lindner. Nun würden sie sich die Autobranche vornehmen, nachdem sie schon die Energiewirtschaft kleingemacht hätten. Schönheitsfehler: Der Atomausstieg nach Fukushima 2011, auf den Lindner anspielt, war ein schwarz-gelbes Projekt.

Aber im bierseligen und vom rhetorisch starken Lindner in Beschlag genommenen Zelt geht dieses Detail unter. Schon ist der FDP-Chef bei seinen Lieblingsthemen Bildung und Digitalisierung. Es könne nicht sein, dass jährlich 50 000 Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen. Die soziale Herkunft dürfe nicht über die Bildungschancen bestimmen. Und ohne schnelleres Internet überall im Land werde das schwer mit der Wettbewerbsfähigkeit.

Ganz schön viele Themen für eine Bierzeltrede, murmelt draußen ein Zuschauer. Lindner ist da gerade bei der inneren Sicherheit. Er wirft Union und SPD vor, durch Überwachungsmaßnahmen Bürgerrechte eingeschränkt zu haben. Auch die Landschaft der Geheimdienste („weit über 30 Behörden, sogar das Saarland hat eigene Schlapphüte“) gehöre reformiert. Die Polizei brauche 15 000 neue Beamte.

Schließlich Applaus – und noch ein Witz (oder auch nicht). „Krönen Sie Ihren Lebenslauf“, erklärt Lindner zum Abschied seinem Publikum. „Werden Sie Mitglied der FDP.“ Maximilian Heim

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