Zurück aus der Hölle

von Redaktion

von Sebastian Dorn

Abensberg – Selbst die eingefleischten Fans staunen, wie sehr sie ihren „KT“ noch alle lieben. Es ist Montagmorgen, es ist politischer Gillamoos in Niederbayern, Karl-Theodor zu Guttenberg kommt – und die Euphorie ist riesig. Andreas Spreng, 81, hat extra ein Plakat gebastelt, „Welcome to Bavaria, Karl-Theodor“ steht drauf. Gute fünf Kilo wiegt das Trumm, trotzdem hält er es tapfer den ganzen Vormittag im Festzelt hoch. Dem Zelt, das schon eine Stunde vor Beginn der eigentlichen Show gerammelt voll ist. „Bei Merkel war hier damals weniger los“, raunt Martin Hutter, 27, aus dem Kreis Freising, und zwickt nebenan gerade noch rechtzeitig einen Guttenberg-Anstecker ans Trachtenhemd. Dann, Punkt 10 Uhr, kommt er.

Wo sonst Blasmusik zu hören ist, schallt jetzt Hardrock-Musik von AC/DC durchs Festzelt, eine von Guttenbergs Lieblingsbands. Die 2500 Zuschauer springen auf, manche kraxeln gleich auf die Bierbank, obwohl die erste Mass noch nicht mal annähernd leer ist. Guttenberg schiebt sich wippend durch die Reihen, grinst, winkt, Kameraleute umringen ihn, JU-Mitglieder und CSU-Granden. Alle wollen ihren Superstar mal anfassen, wenigstens am Sakko berühren.

Es scheint an diesem Morgen so, als wäre Guttenberg, 45, nie weg gewesen, als hätte es die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit und seinen politischen Sturz vor sechs Jahren nie gegeben. Als wäre er immer noch der Held. Doch so einfach ist es nicht. Tatsächlich sagt Guttenberg gleich am Anfang, er habe sich beinahe nicht hergetraut zum Gillamoos. Er, der Sünder, habe den Auftritt gar nicht verdient – wenn da nicht diese riesige Unterstützung und die Zeichen der Versöhnung aus der Bevölkerung wären. Damit zeigt sich gleich, worum es hier geht: nicht nur um einen einfachen Wahlkampfauftritt für die CSU, sondern auch um einen Test, ob es noch mal zurückgehen könnte von der Festzeltbühne in Niederbayern auf das große politische Parkett.

CSU-Chef Horst Seehofer sagt, alles sei möglich, aber es sei auch alles offen. Das Publikum beim Gillamoos hat dagegen schon entschieden: Da träumen sie, dass Guttenberg wahlweise CSU-Chef wird, Ministerpräsident, Außenminister, Bundeskanzler oder gleich alles auf einmal, wenn das nur möglich wäre. „Er hat eine zweite Chance verdient“, sagt Andreas Spreng, der mit dem Guttenberg-Plakat. „Aber ich weiß nicht, ob er will, denn eigentlich hat er den politischen Trubel gar nicht nötig.“

Der Verehrte selbst trägt nicht zur Aufklärung bei. Er mimt den Reumütigen, dem der viele Jubel unheimlich ist. „Aber schön ist es trotzdem.“ Genauso schön, nach seinem Wegzug mit der Familie in die USA vor sechs Jahren wieder in Bayern zu sein. Dem Land mit den klirrenden Masskrügen, der guten Luft, der Heimat. Er macht Witze über seine abgeschriebene Doktorarbeit („mit Raubkopien kenne ich mich aus“), seinen politischen Niedergang und darüber, dass bei seinem ersten Gillamoos-Auftritt vor acht Jahren das AC/DC-Lied „Highway to hell“ gespielt wurde, Autobahn zur Hölle. „Die hab’ ich dann auf der Überholspur genommen.“ Das Publikum johlt.

Jetzt ist Guttenberg zurück, aber was Inhalte angeht, bleibt er eher vage. Die Innenpolitik klammert er komplett aus – „davon verstehe ich nichts mehr“, seit er in den USA wohne. Klingt nicht nach Kanzler. Er referiert lieber über die Außenpolitik und untermauert seine neue Rolle als Deuter, „der außerhalb des politischen Hamsterrads“ die Entwicklungen verfolgt. US-Präsident Donald Trump wisse als Dimpfl nicht mal, wie man das Vier-Buchstaben-Wort „Bier“ schreibt, stichelt Guttenberg, wirbt aber dennoch, weiter Kontakte zu den USA zu pflegen – für die Zeit nach Trump. Zur Türkei und ihrem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sagt er, man müsse klare Kante zeigen. Die Türkei und die EU – das passe nicht. Beim Nordkorea-Konflikt mit Machthaber Kim Jong Un („ein etwas moppeliger Herr aus Pjöngjang“) sieht Guttenberg die Gefahr eines Atomkriegs, den nur Angela Merkel (CDU) als Kanzlerin verhindern könne. Die könne hervorragend mit „Testosteron-gesteuerten Männern“ umgehen, im Gegensatz zu SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, dem die Erfahrung fehle. Worte, die zum Wahlkampf eben dazugehören.

Guttenberg rackert über 80 Minuten, hat Schweiß auf der Stirn und schwitzt sein Sakko durch. Das Publikum kann er aber stellenweise nicht fesseln. Er ist zwar ein guter Redner, spricht frei, witzelt herum und beklagt sich über Mineralwasser statt Bier im Krug. Aber Außenpolitik ist kompliziert und seine Sätze manchmal zu lang für eine Bierzelt-Rede. Und auch Attacken auf den politischen Gegner gibt’s kaum. Der Witz über „Gazprom-Gerd“ zu den Verstrickungen von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) mit Russland zündet noch, die Attacke auf den möglichen Koalitionspartner FDP um den Spitzenkandidaten Christian Lindner und Wolfgang Kubicki („Minister für Dampfplauderei“) weniger.

Am Ende klatschen sie dann alle aber doch wieder besonders kräftig in die Hände, weil Guttenberg doch die Stichworte sagt, die sie hier hören möchten: Leitkultur, Grenzsicherung, die Bedeutung der CSU als ständiger Mahner und Antreiber in der Union. Ob er beim Antreiben wieder mithelfen wird? Offen.

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