Kathrin Kunkel-Razum ist Leiterin der Duden-Redaktion. Sie kennt die längsten Wörter der Deutschen und hat eine Theorie, warum wir Mammut-Wörter lieben.
Was ist das längste Wort im Duden?
Momentan ist die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung das längste. In der neuen Auflage, die am 9. August erschienen ist, wird es die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.
Schreibt man diese Wörter mit Bindestrich?
Wenn ein Wort zu unübersichtlich wird, darf gekoppelt werden. Der Strich kommt dabei an die sogenannte Hauptfuge, wo Grund- und Bestimmungswort zusammentreffen. Zum Beispiel ist hier Haftpflichtversicherung das Grundwort, Kraftfahrzeug bestimmt es näher.
Das klingt kompliziert…
Ja, aber es geht noch komplizierter. Noch gewaltigere Konstruktionen findet man im Duden-Korpus. 2013 war darin das längste Wort: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeits-Übertragungsverordnung. 2017 das Rinderkennzeichnungsfleischettiketierungs-Überwachungsaufgaben-Übertragungsgesetz mit 79 Buchstaben.
Was ist das Korpus?
Korpora sind elektronische Textsammlungen. Wir haben Verträge mit Textlieferanten, etwa Zeitungen, die in regelmäßigen Abständen ihre Daten elektronisch liefern. Auch Romane fließen ein, Beipackzettel von Medikamenten oder Gebrauchsanleitungen. Im Dudenkorpus sind über vier Milliarden Wortformen. Daraus suchen wir pro Auflage 5000 neue Wörter aus.
Sind viele zusammengesetzte Wörter dabei?
Die Rechtschreibung der Komposita ist nicht kompliziert. Wer die einzelnen Wörter kennt, kann sie zusammenbauen und schreiben. Deshalb nehmen wir lieber kürzere Wörter auf, bei denen man nicht weiß, wie man sie schreibt.
Wie viele Buchstaben haben deutsche Wörter durchschnittlich?
In unserem Korpus liegt die Durchschnittslänge von Wörtern in Grundform bei 12,73 Buchstaben.
Warum lieben die Deutschen lange Wortkonstruktionen?
Das ist eine Entwicklung, die sich seit mehreren Jahrhunderten vollzieht. Für die Deutschen ist es eine Selbstverständlichkeit, Wörter zusammenzusetzen. Es ist praktisch, weil man immer weiß, was zusammengehört.
Interview: Aglaja Adam