Sprache

Deutschland, deine Wortkreationen

von Redaktion

Von Helmut Berschin*

München – Die deutsche Sprache hat eine Eigenschaft, die Nicht-Muttersprachlern sofort auffällt: die Länge vieler Wörter. „Die Wörter sind soo lang“, jammerte 1994 der kolumbianische Stürmer Adolfo Valencia des FC Bayern München – und lernte kein Deutsch. Der Spanier Xabi Alonso, bis vor Kurzem im Team, staunte zwar über Begriffe wie „Flüssigkeitszufuhr“, nahm die sprachsportliche Herausforderung aber an: „Ich konnte (anfangs) nicht begreifen, dass man gefühlt fünf Wörter in einen Ausdruck packt. Aber das ist auch ein wichtiger Teil, wenn man Deutsch lernt.“ Sind im Deutschen die Wörter lang?

Die einfachen Wörter keineswegs. So sagt in Goethes „Faust II“ die griechische Schönheit Helena zu Faust: „Ich fühle mich so fern und doch so nah, und sage nur zu gern: da bin ich! Da!“ Keines der achtzehn Wörter dieser Liebeserklärung ist länger als fünf Buchstaben oder vier Laute. Die kurzen, einfachen Wörter bilden aber nur das Fundament des deutschen Wortschatzes.

Der Ausbau erfolgt durch bestimmte Vor- und Nachsilben sowie durch Wortverbindungen: Aus dem einfachen Wort sicher wird für das Gegenteil un-sicher abgeleitet und daraus das Substantiv (Hauptwort) Unsicher-heit. Dieses lässt sich dann mit anderen Substantiven zu einem zusammengesetzten Wort kombinieren, etwa Unsicherheits-faktor, Unicherheits-gefühl. Die Masse des deutschen Gesamtwortschatzes besteht aus zusammengesetzten Wörtern (Komposita), und die sind relativ lang.

Das viel zitierte 45-Buchstaben-Wort „Donaudampf-schifffahrtsgesellschaftskapitänswitwe“ kommt zwar im sprachlichen Alltag nicht vor, aber Wortbildungen mit 20 bis 25 Buchstaben sind durchaus normal: Schienenersatzverkehr, Fußballweltmeisterschaft, Wahlkampfversprechen.

Man nehme ein Substantiv, zum Beispiel Weihnacht, kombiniere es mit einem zweiten, sagen wir Krippe, und verbinde das entstandene Kompositum Weihnachtskrippe wiederum mit einem Substantiv: Weihnachtskrippen-figur. Auf diese Weise lässt sich in Endlosschleife Neues konstruieren: Weihnachtskrippenfigurenhersteller oder Weihnachtskrippenfigurenhersteller-verband.

Nur ein Bruchteil der sprachmöglichen Komposita wird tatsächlich irgendwann gebildet, und davon bleiben die meisten Eintagsfliegen; nur wenige gelangen in den allgemeinen Sprachgebrauch und so in die Wörterbücher. Eine solche Wortkarriere machten etwa in den letzten Jahren Komposita mit dem Grundwort Versteher im Sinne von „jemand, der etwas zu einfühlsam beurteilt, ohne die nötige Distanz“. Um 2000 tritt der Frauen-versteher auf, zunächst als Schimpfwort in Männerkreisen für einen „Weichling“ im Geschlechterverhältnis, kurz: das Gegenteil des „Macho“. Das führte zu ähnlichen Bildungen, vor allem im politischen Sprachgebrauch: Russland-versteher, Putin-versteher und – seit 2010 belegt – Merkel-versteher. Keine Karriere machte hingegen die Lumpen-elite, mit der im Bundestagswahlkampf 2010 der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel Vertreter der Bankenwelt bezeichnete. Das Neuwort versickerte, obwohl es sprachlich einprägsam den positiven Begriff Elite mit dem negativen Lump kombiniert.

Für Wörterbuchmacher sind die deutschen Komposita ein Albtraum: Alle aufnehmen ist unmöglich, aber auch die sprachüblichen sind zu viele: Der aktuelle Rechtschreib-Duden, der rund 140 000 Stichwörter auflistet, enthält zu Weihnacht insgesamt 33 Komposita, von Weihnachts-abend über Weihnachts-mann bis Weihnachts-zeit. Aber jeder Deutschsprecher kennt weitere solcher Komposita, die nicht im Duden stehen, zum Beispiel: Weihnachts-bescherung oder Weihnachts-kugel.

Für Deutschlerner sind die Komposita kein Albtraum, sondern eine Erleichterung beim Vokabellernen: Wer die Wörter „Auge“ und „Arzt“ kennt, versteht sofort Augen-arzt; im Englischen müsste er dafür ein besonderes griechisches Lehnwort lernen, das nichts mit „eye“ und „doctor“ zu tun hat: ophthalmologist. Durch die Komposita wird der deutsche Wortschatz in großen Teilen strukturiert und durchsichtig.

Dem vielgereisten spanischen Journalisten und Schriftsteller Julio Camba (1884-1962) kam Deutsch wie eine präzise Kunstsprache vor: als logischste Sprache der Welt, als ob sie von Gelehrten konstruiert wurde. Wörter wie Zünd-hölzer, Hand-schuh, Taschen-tuch scheinen fabrikneu zu sein.

Bei Patentschriften gilt Deutsch als die Sprache, in der man einen Anspruch am eindeutigsten formulieren kann, weil es erlaubt, einen komplexen Sachverhalt mit einem einzigen Wort zu bezeichnen. Komposita wie „Sollbruchstelle“ wirken wie von Ingenieuren konstruiert.

Die Wortbildungskapazität der deutschen Sprache hat eine kommunikative Folge: Wer neue Ideen entwickelt, kann diese leicht mit neuen Wörtern ausdrücken. Dies ist wichtig für die Philosophie, für Wissenschaft und Technik sowie für die Literatur, kurz: für Dichter, Denker und Erfinder. „Erfinderisch“ ist allerdings auch die Bürokratie.

Das deutsche Steuerrecht hat den Ruf, das komplizierteste der Welt zu sein. Sprachlich wird diese Komplexität durch Komposita abgebildet. Das Formular der „Einkommensteuererklärung“ ist gespickt mit ausgefeilten Wortketten für steuerrelevante Sachverhalte, Auslandstätigkeitenerlass etwa und Verdienstausfallentschädigung. Dem Landwirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern gebührt der Preis für das längste belegte Wort: Rinderkennzeichnungs- und Rindfleischetikettierungs-überwachungsaufgaben-übertragungsgesetz.

Die deutschen Komposita fördern nicht nur präzises Denken, sondern auch die Fantasie. Was bedeutet „Traumglück“? Seine Bedeutung bleibt sprachlich unbestimmt und wird individuell angereichert. Schriftsteller verwenden solche Kreationen gerne als Titel ihrer Werke: Krähengeschwätz (Gedichte), Liebessalat (Roman), Lügenstaat (Politthriller), Todesmärchen (Krimi).

Haben die Deutschen Schwierigkeiten mit den zusammensetzten Wörtern? Offensichtlich nicht: Immerhin füllen 30 Millionen jährlich eine Einkommensteuererklärung aus. Aber auch Nicht-Muttersprachler lernen nach anfänglichem Staunen schnell den Umgang damit. Der auf Deutsch schreibende russische Erzähler Wladimir Kaminer bekennt: „Als großer Freund der Knappheit nutze ich die zusammengeklappten Wörter gern als Überschrift für meine Geschichten: ,Die Lebensmittelladenmusik‘ oder ,Die Radioliebe‘ etwa.“ Die deutschen Komposita zu bilden ist kinderleicht, wie bei Legobausteinen. Aber wie erkennen wir die Bedeutung dieser Wortkombinationen?

Butterbrot ist ein „mit Butter bestrichenes“ Stück Brot, Butterkekse werden „mit Butter hergestellt“. Die richtige Deutung einer Wortzusammensetzung ist also weniger eine Frage des sprachlichen als des sachlichen Verständnisses. Der praktische Nutzen der deutschen Wortzusammensetzung ist klar: Man kann eine komplexe Idee in ein einziges Wort packen und damit leicht abrufen und transportieren.

Deutsche Lehnwörter in anderen Sprachen sind deshalb oft Komposita, im Englischen etwa blitzkrieg, schadenfreude, weltanschauung. Neben der praktischen Seite haben die deutschen Komposita auch eine ästhetische: Bei Umfragen zum „schönsten deutschen Wort“ stehen sie vorne. So wählte eine Australierin „Streichholzschächtelchen“, „weil wenn man es als Ausländer aussprechen kann, kann man ALLES aussprechen“. Neue Wörter bilden gehört auch zum Beruf der Dichter. Poesie ist ja eine besondere Form sprachlicher Verdichtung. Wortkreationen finden sich bei allen deutschen Dichtern, hier eines des jungen Goethe: In einer Posse lässt er den Waldgott, der eine Schöne umschlungen hält, sagen: „Hab‘ alles Glück der Welt im Arm, so liebeshimmelswonnewarm!“ Das viergliedrige Kompositum bedeutet laut Goethe-Wörterbuch „vor Liebesseligkeit entzückt“.

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