München – Wenn es in Partnerschaften zu Schlägen und anderer Gewalt kommt, spielen oft Erfahrungen aus der Kindheit eine Rolle. Psychologin Birgit Spieshöfer erklärt im Interview die Ursachen häuslicher Gewalt.
-Es gibt immer wieder Prozesse, in denen es um den Mord an der eigenen Ehefrau geht, seltener am Mann. Sind die Täter häufig krank?
Mit dem Wort Krankheit ist es eine schwierige Sache. Für mich ist es so, dass in jedem Menschen eine Geschichte steckt. In Männern wie Frauen. Menschen tragen viele Erlebnisse und Erfahrungen mit sich, oft aus der Kindheit. Das hat uns geprägt, und die gilt es zu ergründen und sich bewusst zu machen. Ich möchte richtig verstanden werden: Es geht nicht darum, damit irgendeine Tat zu entschuldigen. Sondern Verhalten zu erklären. Männer und Frauen ticken oft unterschiedlich. Und häufig entwickelt sich die Spirale von Aggression und Gewalt in einer Beziehung über längere Zeit.
-Welche Unterschiede meinen Sie genau, die bei Gewalt in der Partnerschaft eine Rolle spielen?
Männern fällt es schwerer als Frauen, ihr Innenleben wahrzunehmen. Das ist zum Teil so angelegt, aber auch erlernt. Sie suchen die Ursache und Schuld für Probleme weniger in sich, sondern in etwas Äußerem. Und so etwas Äußeres ist dann zum Beispiel ihre Frau. Sie hat dann aus Sicht des Mannes etwas gesagt oder getan, das ihn wütend macht oder irgendein schwieriges Gefühl auslöst. Das Problem ist dann die Frau, die ja schuld daran ist, dass er diese Gefühle hat.
-Und die Frauen?
Frauen erleben in Konflikten und Krisen eher ihre innere Gefühlswelt, sie fühlen sich nicht wert genug, haben das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, und suchen deshalb bei sich nach dem Problem. Sie setzen dann einem Mann, selbst wenn er aggressiv wird, nicht früh genug eine Grenze. Auch das entschuldigt nichts, ich beschreibe einen Prozess, den ich häufig sehe. Auf eine Art passen wir also hervorragend zusammen.
-Aber wenn jemand Druck hat, muss er doch nicht zuschlagen?
Richtig. Doch in manchen Menschen, Männern, staut sich immer mehr emotionaler Druck auf, den sie nicht loswerden. In den meisten Fällen haben sie nicht gelernt, damit umzugehen. Sie leiden und sehen die Ursachen nur außerhalb von sich. Und wenn jemand beispielsweise als Kind auch noch Gewalt als häufige Verhaltensweise kennengelernt hat, kann er zu einem Pulverfass werden. Druck, Gefühle und Wut stauen sich auf und entladen sich irgendwann nach außen, etwa gegen seine Partnerin. Und das oft mit dem Gefühl, im Recht zu sein.
-War überhaupt mal Liebe im Spiel, wenn am Ende Mord steht?
Ich unterscheide auch bei der Liebe zwischen der äußeren, der rationalen Handlungsebene und der inneren Ebene, auf dieser geht es um unsere Gefühle, die gar nichts mit Logik zu tun haben. Viele dort sind in der Kindheit entstanden und nicht verarbeitet. Am Anfang so einer Beziehung kann durchaus eine erwachsene Liebe gestanden haben. Aber alles Verletzte und Ungelöste in uns möchte geheilt werden und zeigt sich vor allem in unseren engen Beziehungen. Wenn kindliche Sehnsüchte, Bedürfnisse und kindliche Abhängigkeit zwischen zwei Menschen die Hoheit übernehmen, würde ich nicht mehr von einer erwachsenen Liebe sprechen. Sobald die inneren Dramen regieren, ist einer, meistens beide, in kindlichen Emotionen verfangen. Dafür kann und sollte ich mir fachkundige Unterstützung suchen. Mein Partner ist nicht verantwortlich für diese Gefühle.
Interview: Petra Kaminsky