Serie von Gewalt gegen Frauen

Italiens mordende Liebhaber

von Redaktion

Von Ingo-Michael Feth

Rom – Das „Telegiornale“, die Tagesschau des staatlichen Fernsehens RAI, erscheint einmal mehr mit einem schwarz umrandeten Kästchen in der rechten oberen Ecke. Dort rattert eine Zahlenreihe durch und hält bei 44 inne. Ein trauriges Ritual. Eine junge Frau ist in Palmanova, einer Kleinstadt im Veneto, von ihrem Verlobten erdolcht worden. Die ganze Nacht fuhr er mit ihrer Leiche im Kofferraum durch die Gegend, bis er sich im Morgengrauen auf dem Hof einer Polizeistation den Carabinieri stellte. Das Paar hatte beim Abendessen gestritten, offenbar wegen Nichtigkeiten; schließlich holte er ein Küchenmesser und stach blindwütig auf seine Freundin ein, immer wieder. Er konnte ihren Widerspruch einfach nicht ertragen, gab er gegenüber den Beamten an. So steht es im Polizeibericht. Derartige Fälle häufen sich. Dabei ist Nummer 44 bei Weitem nicht der abscheulichste; den Abgründen an Grausamkeit scheinen keine Grenzen gesetzt.

Für landesweites Schaudern sorgte vor allem der Fall von Sara in der römischen Peripherie. Die intelligente junge Frau aus gutem Hause wollte mit ihrem Verlobten Piero, einem Wachmann, Schluss machen. Seine immer heftigeren Eifersuchtsattacken nervten, sie fühlte sich in ihrem Bewegungsradius zunehmend eingeschränkt. Sara wollte kein Besitzstück sein. Doch Piero ließ nicht locker und lauerte ihr immer wieder auf, nach der Arbeit, auf dem Parkplatz, vor dem elterlichen Haus. Schließlich kam es zum fatalen letzten Treffen. Ihr Ex-Verlobter lotste sie auf eine abgelegene Landstraße vor der Hauptstadt. Dort fesselte er sie und sperrte Sara in ihrem Auto ein. Er übergoß den Wagen mit Benzin und zündete ihn an. Dann sah er zu, wie seine Ex-Freundin bei lebendigem Leib verbrannte. Seine Wahnsinnstat hatte er lange geplant, so sagte er im Prozess aus. Das Urteil: lebenslänglich.

Im vergangenen Jahr sind in Italien 76 Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet worden; so zumindest die offiziellen Zahlen. Laut Medienberichten wurden in den vergangenen zehn Jahren fast 1800 Ehefrauen, Verlobte, Freundinnen umgebracht; die Dunkelziffer, davon gehen die Behörden aus, liegt aber wohl deutlich höher. Das Forschungsinstitut Eures veröffentlichte eine weitere Hochrechnung, die traurig stimmt: Der Anteil der Beziehungsdelikte bei allen Morden in Italien habe sich seit 1999 verdreifacht und steigt weiter an.

Verbrannt, erwürgt, erstochen, erschossen, mit Säure übergossen – es ist die düstere Seite einer oftmals janusköpfigen Gesellschaft, in der nur der schöne Schein zählt. Wie es hinter der Fassade der mit glücklichen Urlaubsfotos in den sozialen Netzwerken auf Hochglanz polierten Partnerschaft aussieht, wissen oft nicht mal die eigenen Angehörigen. Meist geht den Morden ein langer Leidensweg der betroffenen Frauen voraus.

„Das Thema häusliche Gewalt wird in Italien immer schlimmer. Das liegt an der italienischen Kultur, die den Männern beigebracht hat, dass die Frau eine Rolle spielen soll, die sie heute nicht mehr spielen möchte“, so etwa bringt es Moderatorin Michelle Hunziker auf den Punkt. Der italienische Fernsehstar gründete die Stiftung „Doppia Difesa“ gegen häusliche Gewalt, Diskriminierung und Missbrauch von Frauen. „Diese ganzen Tragödien haben mit Klischees und Stereotypen zu tun. Da müssen wir rauskommen, denn Emanzipation heißt nicht nur, das Recht zum Wählen zu haben, sondern Emanzipation muss im Alltag und in den Familien stattfinden.“ Ihre Stiftung unterstützt mit Aufklärung und hilft mit kostenfreier juristischer Beratung, psychologischer Betreuung und medizinischer Unterstützung für die Opfer männlicher Gewalt. Auch Laura Boldrini, die energische Präsidentin der römischen Abgeordnetenkammer, ist sich des gesellschaftlichen Problems bewusst und kämpft mit allen Mitteln gegen ein gewalttätiges Patriarchat: Seit 2013 gibt es ein Gesetz für drastische Strafverschärfungen bei Gewalt gegen Frauen. Demnach sind Stalking und häusliche Gewalt in das Strafgesetzbuch integriert, und für Mord und Totschlag nach Stalking sind automatisch lebenslängliche Haftstrafen vorgesehen. Doch Gesetze allein helfen nicht ohne ein grundsätzliches Umdenken in der Erziehung.

Wer länger in Italien lebt, kann es fast täglich um sich herum beobachten: Noch immer sind Jungen in den Familien die kleinen verhätschelten Prinzen, denen alles erlaubt und vieles nachgesehen wird. So werden kleine Machos herangezüchtet. Und wer durch die bunte Show-Landschaft der italienischen Privatkanäle zappt, ein Großteil davon in Händen von Silvio Berlusconis Mediaset-Imperium, fühlt sich an die freizügig-frivolen Zeiten von „Tutti Frutti“ in der Pionierphase des deutschen Privatsenders RTL erinnert: leicht beschürzte Frauen degradiert zum Lustobjekt. Sie haben einen Zweck zu erfüllen – zu gefallen. Wer mit diesem Rollenbild aufwächst, wird sich als Erwachsener naturgemäß schwertun, Frauen im späteren Leben den gebotenen Respekt entgegenzubringen.

Und so blutet der grausame Zustand weiter vor sich hin: „Femminicidio“ nennt man den Frauenmord auf Italienisch. Kürzlich erschoss ausgerechnet ein Carabiniere seine Frau mit der Dienstwaffe. Vor dem gemeinsamen Haus am Rande Venedigs. Die Nachrichten erschienen wieder mit dem kleinen schwarzen Kästchen. Es war Nummer 45 in diesem Jahr.

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