Miami – Was tut man, wenn sich einer der gefährlichsten Wirbelstürme der Geschichte nähert und mehr als sechs Millionen Menschen zur Evakuierung aufgefordert werden? Für Sherri Stoy aus Süd-Florida waren es zwei Dinge. Zuerst schrieb sie einen offenen Brief auf Facebook – gerichtet an Hurrikan „Irma“. Sie werde alles tun, was nötig sei, um am Ende als Gewinnerin dazustehen, schrieb sie. „Wir sind stark, halten zusammen und improvisieren.“ Während ihre Nachbarn, der dramatischen Aufforderung von Gouverneur Rick Scott („Wer bleibt, kann sterben“) folgend, die Flucht in Richtung Inland antraten, verweigerte die passionierte Reiterin dann die Abreise – und griff zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Ihre vier Pferde wurden in ihrem Wohnzimmer untergebracht, der zum Stall umfunktioniert worden war. „Sie sind alt. Der Stress der Evakuierung wäre zu groß gewesen,“ sagte sie.
Gestern schien es, als habe „Irma“ den Brief von Sherri Stoy und die Gebete von Millionen Menschen erhört. Zwar war der Hurrikan am frühen Sonntagmorgen mit der zweitgrößten Stärke vier und Windgeschwindigkeiten von 215 Stundenkilometern auf die Inselgruppe der „Florida Keys“ geprallt, um sich dann etwas abgeschwächt die Westküste heraufzuarbeiten. Zwar fürchten Meteorologen und Katastrophenschützer, dass es die nächsten Tage – wie zuvor bei „Harvey“ in Texas (siehe Kasten) – vielerorts Überflutungen geben wird. Zwar waren gestern offiziellen Schätzungen zufolge mehr als 5,8 Millionen Menschen (knapp 60 Prozent der Bewohner Floridas) ohne Strom und dürften es teilweise wochenlang bleiben. Doch die Zahl der Toten scheint sich in engen Grenzen zu halten.
Während Hurrikan „Katrina“ 2005 am Golf von Mexiko mehr als 1800 Menschenleben gefordert und Hurrikan „Andrew“ 1992 als bisher schwerste Heimsuchung von Florida mit Stärke fünf rund 60 000 Häuser zerstört und 65 Menschen getötet hatte, dürfte der „Sonnenschein-Staat“ diesmal trotz hoher Sachschäden mit einem blauen Auge davonkommen. Bis gestern war zunächst nur von fünf Toten die Rede, die zumeist bei Verkehrsunfällen – durch Wind und Regenfälle begünstigt – starben.
„Die ganz fürchterlichen Meldungen sind bisher ausgeblieben“, bilanzierte deshalb auch der Fernsehsender CNN, der zahlreiche Reporter für Live-Reportagen in das Krisengebiet entsandt hatte. Auch die von Fachleuten befürchteten „Monsterwellen“ an der Küste, die mit fünf Metern Höhe ganze Ortschaften überspülen sollten, wurden bisher nicht gemeldet. Besonders gefährdet waren die südlichen „Florida Keys“, weil „Irma“ zuvor über offenem Wasser frische Kraft sammeln konnte. Doch auch hier gab es gestern zumindest in einigen Regionen ein Aufatmen.
Dave Gonzales, der Kurator des „Ernest Hemingway Museums“ in Old Town Key West, meldete am Sonntagabend erleichtert: Das Haus, die zehn Bewohner und die dort lebenden 54 Katzen, ebenso eine Touristenattraktion wie die frühere Lebensstätte des legendären Schriftstellers, haben den Hurrikan unerwartet gut überstanden.
Gestern schwächte sich „Irma“ auf ihrem zerstörerischen Weg ins Inland und in Richtung Atlanta (Bundesstaat Georgia) dann zu einem tropischen Sturm ab, begleitet von starken Regenfällen und immer noch gefährlichen Böen. Zehntausende Menschen, die in Florida wie Sherri Stoy den Wirbelsturm in ihren Wohnungen und Häusern aussitzen wollten, den Weg in öffentliche Schutzräume verweigert und zuvor die Lebensmittelmärkte leer gekauft hatten, dürften sich bestätigt sehen. Wo der Sturm nachließ, wagten sich die ersten Bürger bereits wieder auf die Straßen – unter ihnen auch in einigen Städten Plünderer, die derartige Natur-Katastrophen immer wieder für Straftaten nutzen.
In Fort Lauderdale und Miami wurden vor allem Jugendliche beobachtet und teilweise auf Video aufgezeichnet, die in Sport- und Elektronikgeschäfte einbrachen. „Für ein Paar Laufschuhe ins Gefängnis zu gehen, ist eine ziemlich schlechte Lebensentscheidung,“ kommentierte Rick Maglione, der Polizeichef von Fort Lauderdale, die kriminellen Aktivitäten. Es gab bereits neun Festnahmen.
Allerdings prägten Überflutungen das Bild. Teile der Innenstadt von Miami standen schon am Sonntag unter Wasser, und in der Stadt Jacksonville meldeten die Behörden eine „Sturmflut von historischer Dimension“. Die größte Herausforderung stellt nun neben der Beseitigung der Sturm- und Wasserschäden die Wiederherstellung der Stromversorgung dar. Für die kommenden Tage werden in Florida Temperaturen deutlich über 30 Grad Celsius erwartet, doch Kühlschränke und Klimaanlagen werden mancherorts für Wochen außer Betrieb sein.
Eine Herausforderung auch für das Krisenmanagement von Präsident Donald Trump, der die Geschehnisse in Florida mit seinem Kabinett am Wochenendsitz Camp David verfolgt hatte und gestern dann für das offizielle Gedenken an die 9/11-Terroranschläge ins Weiße Haus zurückgekehrt war. Trump, der „Irma“ am Freitag als „großes Monster“ bezeichnet und ebenfalls zur Evakuierung aufgerufen hatte, will noch diese Woche nach Florida fliegen, um die Lage zu begutachten – auch in seinem Golf-Resort Mar-a-Lago nahe Palm Beach, das aufgrund seiner Küstennähe ebenfalls vorsorglich geräumt worden war.