Berlin – Auf Marktplätzen, in Mehrzweckhallen und Fußgängerzonen ist das Klima im Wahlkampf teilweise rau. Der Frust mancher Bürger ist groß vor der Abstimmung am 24. September. Sogar Kanzlerin Angela Merkel bekommt solchen Unmut zu spüren. Wenn sie rausgeht. Vor allem, wenn die CDU-Chefin in Ostdeutschland für ihre Partei wirbt. Zehntausende Wahlkämpfer erleben es allerdings regelmäßig. Ihre Parteien berichten von einer aggressiven Stimmung und vielen zerstörten Wahlplakaten.
Und doch stellen sich 2559 Männer und Frauen in 299 Wahlkreisen persönlich zur Wahl. Sie treten an als Direktkandidaten für ihre Parteien. Viele von ihnen haben einen normalen Beruf und hängen nach Feierabend und am Wochenende Plakate an Laternen, beantworten Bürgerfragen am Infostand oder ziehen mit Flugblättern von Tür zu Tür. Die meisten von ihnen lassen sich dennoch nicht entmutigen.
Diese Kandidaten müssen es wissen: Sie treten da an, wo ihre Partei bei der Wahl vor vier Jahren am schlechtesten abgeschnitten hat. In den Wahlkreisen mit der roten Laterne. Sechs Begegnungen.
Der Unzufriedene: Holger Teuteberg, AfD, Cloppenburg – Vechta, AfD-Ergebnis 2013: 2,3 Prozent
Eines Tages kamen die Kinder von Holger Teuteberg weinend vom Semmelnholen. Vor dem Einfamilienhaus am Stadtrand im niedersächsischen Lohne hingen Transparente – Protest gegen den Vater, den AfD-Mann. „Da hängt was Schlimmes über uns“, hätten die Kinder gesagt, erzählt Teuteberg. „Fuck AfD“, habe da gestanden.
Der Berufsschullehrer berichtet auch von einer Jury, die ihn, den regelmäßigen Kinogänger, nicht mehr dabei haben will, seit er für die AfD Politik macht. Von Gesprächen mit Lehrern und Eltern, weil die Kinder – fünf hat er – in der Schule angefeindet wurden. Vom Geburtstagskaffee, wo man ihn wegen seiner Partei an der Tür abwies. Er spricht schnell, fast atemlos, umklammert die Kaffeetasse, schüttelt den Kopf. „Damit hätte ich nicht gerechnet.“
In die AfD einzutreten, sei für ihn ein Ventil gewesen. Politisch aktiv war er vorher nicht, interessiert schon. Er sah die Polit-Sendungen im Fernsehen und ärgerte sich. „Ich war ein Meckerer und Nörgler.“ Staatsverschuldung und Griechenlandkrise: „Da bin ich fast ausgeflippt.“ Dann hörte er von dem Eurokritiker und Ökonomen Bernd Lucke und der von ihm 2013 mitgegründeten Partei. Der erste Wahlkampf im selben Jahr war stressig, aber das starke Sodbrennen verschwand.
Dass Lohne drei Flüchtlingsunterkünfte gebaut hat, findet der Stadtrat Teuteberg richtig. „In Containern wohnen, das ist keine Perspektive.“ Dass Lohne dafür Schulden gemacht hat, weil auch die geplante Sporthalle her sollte, findet er allerdings schwierig.
Auch schwierig: die Veränderung der AfD. 2013 nannten Medien sie eurokritisch, heute meist rechtspopulistisch. Lucke ging im Richtungsstreit. „Ich bin fest überzeugt, dass es nur funktioniert, wenn man sich an demokratische Spielregeln hält“, sagt Teuteberg und windet sich ein bisschen beim Gedanken an rechtsextreme Entgleisungen. „Der Respekt muss gewahrt bleiben.“ Es brauche eine Opposition, die den Finger in Wunden lege, findet der 53-Jährige.
Der Frühstarter: Timur Husein, CDU, Berlin Friedrichshain – Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost CDU-Ergebnis 2013: 15,4 Prozent
Im Berliner Stadtteil Kreuzberg motiviert Timur Husein eine Handvoll Helfer der Jungen Union für den Haustürwahlkampf. Sie sollen nur in den Straßen klingeln, in denen die CDU „eine Chance“ hat. „Wir gehen hier nur in unsere Hochburgen“, sagt er. „Das heißt, da haben wir 15, 20 Prozent.“ Viele von diesen Hochburgen gibt es nicht. Der schmale 36-Jährige mit Wurzeln auf dem Balkan engagiert sich für die CDU in dem Wahlkreis, in dem der Grüne Hans-Christian Ströbele (78) zuletzt zuverlässig die meisten Stimmen bekam.
Husein ist ganz in der Nähe des kleinen, schmucklosen Büros des Kreisverbands aufgewachsen. Inzwischen hängt hier kein CDU-Schild mehr, es wurde wiederholt abgeschraubt oder beschmiert. Die Scheiben werden nicht mehr eingeworfen, seit die Partei den Geschäftsraum zur Straße hin nicht mehr nutzt. Stattdessen hat Husein dort nun sein Anwaltsbüro. In früheren Wahlkämpfen mussten sie am Infostand sogar die Polizei holen, weil sie bedrängt wurden, wie er erzählt. AfD und Rechte spielten hier kaum eine Rolle, Linksextreme schon.
Das Handy des Kandidaten mit dem akkuraten Haarschnitt klingelt oft, Termine müssen koordiniert werden. Mit Platz neun auf der Landesliste ist es unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen, dass Husein in den Bundestag einzieht. Und in vier Jahren will er es wieder versuchen: „Ich bleibe dabei.“
Der 68er-Kommunist: Bernhard Feilzer, Linke, Starnberg – Landsberg am Lech, Ergebnis der Linken 2013: 2,6 Prozent
Seine Großtante, Jahrgang 1882, hat Lenin noch sprechen gehört. Sie konnte davon lebendig erzählen mit ihren dunklen Augen, erinnert sich Bernhard Feilzer. Der bärtige 68-Jährige wurde 1968 zum Kommunisten. Er nennt sich einen „Urbayer“, sein Dialekt gibt ihm Recht. Linke wie er leben nicht viele im wohlhabenden Münchner Umland.
Am Infostand auf dem kleinen Wochenmarkt bleibt kaum jemand stehen, die meisten wollen auch kein Flugblatt einstecken. Der Landkreis Starnberg südwestlich von München hat bundesweit die höchste Kaufkraft. Aber der Wahlkreis sei ja größer und zu dieser Wahl neu zugeschnitten, auch einige Arbeiter gebe es, sagt Feilzer. Auf ein Poster hat er geschrieben: „Können Sie sich die Mieten in Germering noch leisten?“
Er solle doch „rüber“ gehen, hat man Feilzer früher gesagt, als er noch im „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“ war. Gemeint war die DDR. Heute höre er öfter, dass Leute sich nicht zur Linken bekennen wollten, weil sie Probleme mit dem Arbeitgeber fürchteten.
Auf der Landesliste für die Bundestagswahl steht er nicht, aber für die Landtagswahl 2018 will er sich einen „guten“ Listenplatz sichern. Bisher hat die Linke es nicht in den Bayerischen Landtag geschafft. „Im Lauf der Jahre bin ich so gefestigt worden in meiner ganzen Überzeugung, dass ich auch Niederlagen oder Rückschläge hinnehmen kann“, sagt Feilzer.
Der Pragmatiker: Klaus Wolframm, SPD, Sächsische Schweiz – Osterzgebirge, SPD-Ergebnis 2013: 10,9 Prozent
Er ist Bezirksschornsteinfegermeister, und wenn die Moderatorin der SPD-Wahlveranstaltung im sächsischen Heidenau ihn einen Glücksbringer nennt, lächelt Klaus Wolframm müde. Er fasst sich kurz. Seit wann ist er Parteimitglied? „Ungefähr seit 97.“ Damals wollte er „einfach, dass Kohl wegkommt“. Warum kandidiert er? „Weil ich Demokrat bin.“
Der Sozi mit randloser Brille und Lachfalten tritt im Wahlkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge an. Sein Kreisverband ist der kleinste in Deutschland. Er wohnt seit über 20 Jahren in Freital, das seit 2015 für Proteste gegen Asylbewerber bundesweit bekannt ist. Er macht Wahlkampf in Heidenau, wo SPD-Größe Sigmar Gabriel Rechte als „Pack“ beschimpft hat und die Rechten Merkel als „Volksverräterin“.
Wolframm mag nicht jammern. Anfeindungen habe es auch schon vor zehn Jahren mit der starken NPD gegeben. Man werde eben beschimpft, „logisch“ sei das und „nix Neues“. In die Politik stecke er extrem viel Zeit, neben dem Job. „Dat is halt so.“
Der Unternehmer: Dirk Gawlitza, FDP, Berlin Lichtenberg, FDP-Ergebnis 2013: 1,6 Prozent
Als Dirk Gawlitza einmal nachts Wahlplakate an Laternen befestigte, pöbelte ihn jemand an: „Sie können doch in Lichtenberg keine FDP-Plakate aufhängen!“ Dem habe er gesagt: „Doch, klar.“ Lächelnd steht der 40-Jährige am Infostand an einer lauten Straße in dem Berliner Stadtteil, in dem die Linke mit Abstand stärkste Kraft ist und die AfD zuletzt deutlich dazugewonnen hat.
Dieser Wahlkampf sei angenehmer als 2013, findet er. Vor vier Jahren sei man als Liberaler noch öfter beschimpft worden. Damals flog die FDP aus dem Bundestag, und Gawlitza dachte, jetzt müsse er aktiv anpacken. In die Partei war er schon 2006 eingetreten, weil ihn als Unternehmer die Bürokratie nervte. „Ich finde es schwierig, wenn man immer nur rumnölt, aber nichts tut.“
In Lichtenberg sei es für die FDP „nicht so, dass einem jeder die Tür aufmacht“, erzählt der zweifache Vater, der in der DDR aufgewachsen ist. Dass er manchmal beschimpft werde, finde er nicht so schlimm. Es treffe ja nicht nur ihn. „Leute, die ihren Frust loswerden wollen, kommen überall hin.“
Der Optimist: Sebastian Walter, Grüne, Erzgebirgskreis 1 Ergebnis der Grünen 2013: 2,5 Prozent
Auf der Autofahrt durchs Erzgebirge weist Sebastian Walter stolz auf die Wahlplakate der Grünen hin. So viele seien es noch nie gewesen, sagt der 27-Jährige. Um hier für die Ökopartei anzutreten, brauche es einen „gewissen Schuss Idealismus“. Hier sei „vom Gemeinderat aufwärts alles in CDU-Hand“.
Im Landkreis mit dem niedrigsten Einkommen Deutschlands suchen Handys oft vergeblich nach einem Netz. Das ist eines der Themen im Wahlkampf. Asyl sei ein anderes, sagt Walter, „natürlich“. Er hofft, dass die AfD hier nur Dritte wird, und nicht auch die Linke überholt. Seit zwei Jahren gebe es „eine zunehmende Verrohung des politischen Diskurses“, wie der jugendlich wirkende Sachse es ausdrückt. Konkret: Drohbriefe, Morddrohungen, wüste Beschimpfungen im Netz. Er zeige das an, aber ohne Erfolg.
Walter wurde wenige Wochen vor der Wende in der DDR in Karl-Marx-Stadt geboren, heute ist das Chemnitz. Zu den Grünen kam er als Teenager – vielleicht auch wegen des US-Films „Eine unbequeme Wahrheit“ mit dem Politiker Al Gore, der damals Klimaschutz zum Gesprächsthema machte. Heute ist er im Landesvorstand der Partei – und nun erstmals Direktkandidat.
Der studierte Verkehrswirt kämpft bei dieser Wahl auch um seinen Job. Er arbeitet im Bundestagsbüro von Matthias Gastel, einem grünen Abgeordneten aus Baden-Württemberg, der es nur mit einem guten Wahlergebnis wieder ins Parlament in Berlin schaffen kann.
Walter selbst hat keinen Listenplatz, der ihn dorthin bringen könnte.