München – Bauchweh nach dem großen Festessen. Schlimmes Bauchweh. Vor zehn Jahren im November war bei den Allens in Phoenix, Arizona, gerade Thanksgiving vorüber. Charlisa Allen, ihr Mann Robert und die zwei Kinder hatten am Vorabend ordentlich reingehauen. Aber Robert Allen hat Schmerzen, mehr, als so ein Essen machen dürfte. Ein Magengeschwür. Charlisa Allen bringt ihren Mann also in die Klinik, im Vertrauen auf Ärzte und Medikamente. Er bekommt dort den Blutverdünner Heparin. Ein paar Monate später ist er tot.
Sein Blut war nicht dünner geworden, sondern dicker, es klumpt, überall in seinem Körper. Seine Organe versagen. Charlisa Allen ist sicher, dass das Medikament gepanscht war – und ihr Mann daran starb. „Die Pharmafirma wusste, dass das Medikament verunreinigt war, und sie hat es trotzdem verkauft“, sagt seine Frau (57) heute. Damals, 2008, fielen zahlreiche Todesfälle in Zusammenhang mit dieser Charge von Heparin auf, der Hersteller Baxter rief sie aus den Kliniken zurück. US-Behörden stellten fest, dass sie kontaminiert war, durch gefälschte Inhaltsstoffe aus China. Ein Skandal.
Ein Skandal, der sich heute wiederholen kann, auch in Deutschland. Denn Medikamentenfälschung ist weltweit ein massives Risiko. Wie groß es genau ist, wagt derzeit auch die Weltgesundheitsorganisation WHO nicht zu sagen. Aber die Behörde ist überzeugt, dass immer mehr unzureichende oder gar schädliche Medizin auf den Markt kommt. Auch hierzulande. Dabei machen Patienten jeden Gang zur Arztpraxis, ins Krankenhaus oder zur Apotheke im Grundvertrauen darauf, dass Medizin hilft. Dass sie nicht unwirksam ist, und zuallererst: dass sie nicht schadet.
Dieses Vertrauen erschüttern Recherchen wie die von Daniel Harrich. In seinem Buch „Pharma Crime“ beschreibt der Autor, wie der globalisierte Handel es möglich macht, dass auch in Deutschland gefälschte oder minderwertige Pharmazeutika an Patienten gelangen können. Solche, die unter unangemessenen Bedingungen hergestellt werden und zum Beispiel keinen, weniger Wirkstoff oder Verunreinigungen enthalten. Sei es illegal durch Fälscher. Sei es über bis zur Undurchsichtigkeit verwobene Netze von Subunternehmen, die an Pharmakonzerne liefern.
Einfallstor für Fälschungen in den legalen Handel sind in Deutschland oft die Reimporte und Parallelimporte aus anderen Ländern, die häufig umverpackt sind. „Diese Präparate gehen durch so viele Hände, dass es schwierig zu kontrollieren ist, ob auch Fälschungen darunter kommen“, sagt Harrich. „Wenn man die Verpackung nicht erkennen kann, macht es das noch schwieriger.“
Es gibt aber ein zweites Problem. Und das ist aus seiner Sicht weitaus größer: die sogenannten Substandards. Minderwertige Medikamente aus den Händen der Pharmakonzerne. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren verlagerte fast die gesamte Industrie ihre Produktion in Niedriglohnländer wie Indien oder China, Wirkstoffe können auch beispielsweise in Bangladesch oder Pakistan hergestellt werden. Ob die Anforderungen für Arzneien eingehalten werden, kontrollieren Mitarbeiter der Europäischen Arzneimittel-Agentur und auf Bundesebene die zuständigen Behörden in den Ländern. Für Oberbayern, Niederbayern und Schwaben ist das die Regierung von Oberbayern. Mehr als 3660 Betriebe im In- und Ausland hat sie zu überwachen. Mit 17 Inspektoren. Sie sollen prüfen, ob die Firmen zugelassen, die Mitarbeiter geschult, die Maschinen sauber sind. Auch in China oder Indien. Eine Einordnung, ob diese 17 Menschen dafür genug sind, will die Behörde nicht geben. Harrich jedenfalls ist überzeugt davon, dass die Manpower nicht reicht.
Einen Blick von innen auf den Markt hatte viele Jahre Hans-Joachim Mill. Nach drei Jahrzehnten als Kripo-Beamter ging er zu einem großen Pharmaunternehmen in Deutschland. Als firmeninterner Ermittler steuerte er dort ein Netzwerk von Privatdetektiven. Heute ist er in Rente. „Wenn ich selbst Medikamente nehmen muss, habe ich immer ein schlechtes Gefühl“, sagt Mill. Nachdem er gesehen hat, was da läuft.
„Die Menge, die ankommt in Europa, kann kein Mensch hundertprozentig kontrollieren“, sagt der Ex-Ermittler, und: „Die Kontrollbesuche in Fabriken im Ausland sind immer angekündigt.“ Und die Pharmafirmen selbst? „Manche Konzerne agieren nach dem Motto: ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Dann muss ich auch nichts tun‘“, sagt Mill. Seine Abteilung sei damals halbiert worden. Er habe mehrmals darauf hingewiesen, dass mehr möglich wäre im Kampf gegen gefährliche Produkte. Durchgedrungen, sagt er, ist er nicht. „Für mich als Ermittler war das verstörend: bis hierhin und nicht weiter“, erzählt er. Deshalb nimmt er den Konzernen nicht ab, wenn sie sagen, der Markt sei sicherer geworden. „Was getan wird, ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Das sehen die Konzerne natürlich anders. Die Pharma-Verbände betonen, wie viel sie tun, um die Patienten zu schützen, etwa der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI): „Wir kontrollieren jede Charge, also jede einzelne eingehende Zulieferung eines Wirkstoffs oder Medikaments wird von der Pharmazeutischen Industrie auf Echtheit, Reinheit und Qualität kontrolliert.“
Dennoch gelangt immer wieder Mangelhaftes in Apotheken und Kliniken, vor zwei Jahren gab es 184 Chargenrückrufe in Deutschland, im vergangenen Jahr 170. Diese Fälle seien der Beleg für funktionierende Kontrollen, verteidigt sich der Verband Progenerika. Die Zulassungs- und Überwachungsbehörden haben, das betonen die Verbände unisono, vollen Einblick über die gesamte Lieferkette. Den Verbrauchern gegenüber allerdings herrscht Intransparenz. Der Gesetzgeber müsste den Regulierungsbehörden vorschreiben, dass Medikamente zumindest eine Kennzeichnung erhalten, wie Eier oder Fleisch, fordert Harrich, damit eine Rückverfolgbarkeit überhaupt erst möglich ist. Den Patienten nützten Herkunftsangaben nicht, widerspricht Siegfried Throm, Geschäftsführer Innovation des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). „Dass der Wirkstoff seines Medikaments beispielsweise aus Indien kommt, die Kapselhüllen aus Ungarn und das fertige Medikament aus Frankreich, das sagt doch nichts über die Qualität des Medikaments aus.“ Aber Wissen schafft Verantwortung. Haben Patienten einen Verdacht und würden selbst die Verantwortlichen kennen, bei denen etwas schiefgegangen sein könnte, könnten sie Druck aufbauen. Doch die Konzerne wollen ihre Kunden nicht verunsichern. Immerhin: Von 2019 an sollen strengere Vorgaben gelten. Packungen sollen einen Erstöffnungsschutz bekommen und verschreibungspflichtige Arzneimittel einen zusätzlichen Scan, der sie identifizierbar machen soll. Doch ob beides wirklich fälschungssicher sein wird, bleibt abzuwarten. Die Scan-Technik sei dann schon veraltet, meint Ex-Ermittler Mill. „Diese Codes schreibt ihnen jeder Programmierer nach.“ Er hat sein Vertrauen in das System verloren. Wie Charlisa Allen. Sie klagt in den USA gegen den Hersteller Baxter. Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes soll bald der Prozess beginnen. Zehn Jahre ohne klares Urteil nach Robert Allens monatelangem Überlebenskampf, den der Radiologe im Alter von 44 Jahren verlor. Er selbst hat damals den Verdacht, dass das Heparin die Gerinnsel in seinem Blut verursachte. Seine Nieren versagen, sein Herz auch. Kurz bevor er in den OP geschoben wird für eine Transplantation, sagt er zu seiner Frau: „Wenn ich nicht zurückkomme, will ich, dass du die Firma verklagst.“ Der Skandal von 2008 löste international Unsicherheit aus, seither wird mehr kontrolliert – und mehr Unsauberkeiten tauchen auf, sagt Autor Harrich. Dabei birgt die Produktion in Fernost noch ein Risiko: wirtschaftlich–politische Abhängigkeit. „Falls es morgen einen Handelskrieg gibt mit China oder Indien“, sagt er, „sitzen wir hier übermorgen möglicherweise ohne Antibiotika.“
Das sehen viele in der Branche tatsächlich ähnlich. Bei Antibiotika hänge Deutschland „am Tropf Chinas“, heißt es von Progenerika. Auch die Krankenkassen wollen sparen. Die Kosten für die Herstellung von Antibiotika in China sind sehr niedrig, und die Versicherten bezahlten das mit höheren Risiken der Versorgungssicherheit, kritisiert der BPI. Darüber würden selbst die Konzerne gerne mit der Politik sprechen.