Ganz plötzlich merkte Mustafa Erciyas, dass München zu seiner Heimat geworden war. Ein typischer Aha-Moment. Es waren die Worte der Grünenpolitikerin Margarete Bause bei einer Podiumsdiskussion, die ihn auslösten: „Heimat ist da, wo es mir nicht egal ist, was um mich passiert.“
Erciyas, 38, trägt einen auffallenden Schnurrbart mit nach oben gezwirbelten Enden, die sein breites Lächeln betonen. Er benutzt Worte wie „Wohlstand“ und „beheimatet“, wenn er spricht. Nur sein leichter türkischer Akzent verrät, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist.
2001 kam Erciyas für seinen Master nach Deutschland und fand es toll, hier zu sein: Er liebte die Sprache („Sie ist so präzise!“), spendete für die Flutopfer in Sachsen, organisierte an seiner Universität türkische Kulturwochen.
Doch dann irritierten ihn die Worte Horst Seehofers: 2010 spricht er sich gegen einen Zuzug türkischer Fachkräfte aus. Erciyas ist vor den Kopf gestoßen – er lebt gerne in Bayern, fühlt sich „dem Katholischen nahe“ und plant als Verkehrsingenieur Münchens Ampeln. „Wir sind also unerwünscht?“ Sein damaliger Arbeitsplatz ist nur ein paar Schritte von der CSU- Zentrale in der Nymphenburger Straße entfernt. Jeden Tag geht er an der grauen Gebäudefront vorbei. Er weiß, irgendwo da drin sitzt der Ministerpräsident. Er versucht einen Gesprächstermin zu bekommen und scheitert. Er ist frustriert, doch auch angespornt. Er gründet mit anderen den Verein MORGEN e.V., der sich für mehr gesellschaftliches Engagement von Migranten einsetzt.
Erciyas sagt, er könne verstehen, wenn sich andere gesellschaftlich isolieren: „Viele Muslime haben das Gefühl, egal, was sie leisten, sie werden nicht respektiert.“ Für Erciyas sind die Muslime hier teilweise konservativer als in der Türkei. Warum das so ist? „Weil sie nicht mitbekommen, wie sich ihr Land schon längst verändert hat und wie vielfältig der Islam dort ist.“
Gleichzeitig sei Islamfeindlichkeit in Deutschland schon seit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ salonfähig. Das schmerzt. Sein Engagement setzt er trotzdem fort: Weil sein islamischer Glaube ihn inspiriert. „Wir alle tragen Verantwortung, vor Gott und den Menschen.“ Und: weil München jetzt seine Heimat ist.