Vor 16 Jahren: Ferihan Yesil, 12, ist auf dem Weg zur Schule im Münchner Norden. Seit Kurzem trägt sie ein Kopftuch. Plötzlich hört sie ein Brüllen: „Scheiß Muslime.“ Ein Mann kommt ihr bedrohlich nahe. Menschen auf dem Weg zur Arbeit gehen an der Szene vorbei. Alle blicken weg. Ein einschneidendes Erlebnis für Ferihan Yesil.
Heute ist sie 28 Jahre alt, eine große Frau mit weichem Gesicht, die Selbstbewusstsein ausstrahlt. Sie ist Mutter einer kleinen Tochter. In ihrer Wohnung im Hasenbergl stapeln sich türkische neben deutschen Büchern über Architektur und Religion.
Ferihan bedeutet „Würde“ oder „Aufstieg“. Der Name passt zu ihr: Ihre Großeltern waren Gastarbeiter, verrichteten schwere Hilfsarbeiten. Dafür machte Yesil Abitur, war im Studium unter den besten ihres Jahrgangs, organisierte interreligiöse Friedensgebete und trainierte Taekwondo bis zum schwarzen Gürtel. Gerade promoviert sie in Architektur. Sie scheint viel richtig gemacht zu haben. Und trotzdem, sagt sie, ist ihr Leben oft ein einziger Hindernislauf. Besonders, seit Pegida und AfD den Islam zum großen Thema machten.
Yesil bedeckt ihre Haare in der Öffentlichkeit. Sie sagt, es zeigt, sie möchte nicht über ihr Äußeres definiert werden. Bei vielen Menschen löst es andere Gedanken aus: Parallelgesellschaft, Scharia, Unterdrückung. Für viele sei sie kein Individuum, sondern nur die Frau mit Kopftuch.
Das führt zu solchen Szenen: Als wäre sie eine Repräsentantin Al-Qaidas, forderte eine Lehrerin Yesil als Zwölfjährige dazu auf, sich für den 11. September zu rechtfertigen. Yesil wird oft auf der Straße beschimpft und angeschrien. Deswegen überlegt sie auch immer wieder wegzuziehen: „Irgendwann kann man nicht mehr kämpfen.“
Aber es gibt auch positive Erfahrungen, die ihr Mut machen: Dozenten an der Uni, die sie fördern, Menschen auf der Straße, die sie anlächeln. „Meine Tochter soll es besser haben“, sagt sie. „Ich hoffe, eines Tages ist es egal, welcher Religion man angehört.“