Mehmet Gökce steigt im Sommer des Jahres 1972 in München aus dem Flieger und ist hingerissen von der Schönheit seines neuen Landes. „Cok güsel, cok güsel“ (sehr schön) wiederholt er immer wieder auf der Fahrt zum Pfanni-Kartoffelwerk: das viele Grün, die ordentlichen Straßen. 45 Jahre später sagt er, hätte er damals nur gewusst, dass diese Schönheit nicht für ihn bestimmt war.
Die Wohnung der Gökces in München am Hart: weiße Spitzendeckchen auf dem Esstisch und den Sofas, an der Wand hängt ein Bild von Mekka, alles ist frisch gewischt. Gökce, 74, ordentlicher Bart, schwarze Weste, spricht am liebsten Türkisch. Wenn er ins Deutsche wechselt, lächelt er nach jedem Satz etwas unsicher. Heute bereuen er und seine Frau Hasibe, 70, nach Deutschland gekommen zu sein: „Ich habe mich hier immer fremd gefühlt.“
45 Jahre früher bricht Gökce nach München auf, träumt vom beruflichen Erfolg als Elektriker, will hier wirklich ankommen. Er erkundigt sich nach Deutschkursen am Goethe-Institut. Sein Chef sagt ihm, er sei hier, um zu arbeiten, nicht, um die Sprache zu lernen. Und Arbeiten, das tut er: jahrelang, schwere Aufgaben für wenig Geld, ob bei Pfanni oder BMW. Irgendwann macht ihn die harte Arbeit krank, die fehlende Anerkennung mürbe. Seine Frau, Hasibe, arbeitet als Reinigungskraft an einer Schule. Dort ist sie glücklich, ihre Chefs unterstützen sie. Aber sie macht auch andere Erfahrungen: Sie fährt nur noch ungern Bus, seitdem sie eine Gruppe glatzköpfiger Männer bedrohte: „Dir hacken wir den Kopf ab“, brüllen sie.
Was ihnen Freude bereitet? Hasibe Gökce spricht über die Kräuter auf ihrem Balkon, ihr Mann über seine Moschee. Am Wochenende sehen sie ihre Kinder. Sonst ist ihr Leben ruhig, zu ruhig. Die Einsamkeit macht ihnen zu schaffen.
Sie beide wissen, dass viele sie als Problem ansehen. Hasibe Gökce nimmt die mitleidigen Blicke wahr. Sie gelten der armen Muslima mit Kopftuch, die zu Hause nichts zu sagen hat, so das Klischee. Über diese Vorstellung lachen die Gökces. Viel eher sei sie diejenige, deren Wort Gewicht hat.
Hat sich die Lage der Muslime in den letzten Jahren verändert? Sie sind sich nicht sicher. Sie sehen kein deutsches Fernsehen, hören kein Radio, lesen keine Zeitung. Pegida und AfD sind ihnen kein Begriff. Aber sie kennen die Geschichte des Holocausts, waren in Dachau. Das macht ihnen Angst. Über die türkischen Medien bekommen sie mit, dass es in Deutschland islamfeindliche Demonstrationen gibt. Um ihre Enkelinnen, die Kopftuch tragen, machen sie sich deswegen Sorgen. Aber sie wissen auch, dass ihre Enkel heute viel mehr Chancen haben: eine erreichte die beste Abiturnote ihres Jahrgangs.
Zurück in die Türkei wollen sie nicht – ihre vier Kinder sind ja hier. Und wirklich zu Hause fühlen sie sich dort auch nicht, sondern sogar ein bisschen deutsch: Dort stört sie die Unpünktlichkeit und das Chaos. Für sie gibt es keine Lösung: Ihr Leben ist für immer Diaspora, nie ein wirkliches Ankommen. Aber über eins sind sie froh: die Erfolge ihrer Kinder. „Dafür hätten wir unser letztes Hemd verkauft.“