CSU und CDU

Seehofers dunkelster Abend

von Redaktion

von Christian Deutschländer

München/Berlin – Es sind noch zehn Minuten bis 18 Uhr, als über Horst Seehofer politisch der Himmel einstürzt. Bis eben rechnete er mit einem mittelmäßigen Ergebnis für die Union, mit 45 Prozent vielleicht für die CSU. Dann senkt sein Pressesprecher das Handy und ruft eine Zahl in die Runde, die Entsetzen auslöst. „38“ habe er gerade erfahren. Fassungslosigkeit und Stille. Gut 38 Prozent, die Zahl steigt später leicht auf 39, sind für die erfolgsverwöhnte Partei ein Desaster, historische Vergleichswerte liegen irgendwo im Jahr 1949. Seehofer sagt lange nichts, berichten Teilnehmer der Runde im vierten Stock der Parteizentrale. In diesem Moment wägt er wohl ab, ob er sofort zurücktreten soll. Oder ob er kämpfen will.

Drunten in der Parteizentrale stehen in jenen Minuten die Wahlkämpfer und warten. Dass das kein Jubelfest werden würde, ist den Gästen der CSU-Wahlparty früh klar. Wer etwas ahnt, klammert sich gegen 18 Uhr an den Strohhalm der Rhabarberschorle, wer mehr weiß, stiert ins Leere. Trotzdem unterschreiten die 38 Prozent die allerschlimmsten Vorhersagen von Wahlkämpfern. „Merkel“, schnauft einer.

In Parteien, zu Wahlzeiten heiß gelaufene Machtmaschinen, sind solche Abende unkalkulierbar. Es zählt jede Minute. Seehofer weiß das, als er sich gefasst hat. Er will nicht gehen, nicht ungeplant, nicht vom Hof gejagt werden in der Stunde der schlimmsten Niederlage. Dass das keine theoretische Frage ist, weiß ein Profi wie er, schließlich stürzten schon Vorgänger über 43 Prozent. Und er kann es sehen, im Fernseher: Als es 18 Uhr wird und die 38 Prozent über die Bildschirme flimmern, tritt als Allererster in der CSU der alte Rivale Erwin Huber vor die Kameras.

„So eine Schaukelpolitik irritiert die Wähler“, sagt Huber in getragenem Ton. Er meint Seehofer, seinen Umgang mit Merkel. „Es war falsch, Merkel mit einem Bein zu unterstützen und mit dem anderen zu attackieren.“ Er habe immer zu einem anderem Umgang geraten. Das Ergebnis sei eine „Katastrophe“. Oben, im vierten Stock, sieht Seehofer live zu und weiß: Das ist eine Kampfansage.

Der angezählte Chef steht auf, geht nach unten. Er muss jetzt selbst vor die Kameras. Blass, aber gefasst, nicht mal hektisch wirkt Seehofer, als ihn seine Leibwächter durch die Menge schieben. Auf der Bühne greift der 68-Jährige mit beiden Händen ans Rednerpult, klammert sich daran. Die Stimme hält. „Es gibt nichts schönzureden“, sagt Seehofer. Jetzt komme es aber „darauf an, dass man zusammensteht“. Weitermachen. „Ich bin dazu bereit.“

Die Wahlkämpfer danken mit langem, trotzigem Beifall. Er verbeugt sich, was beinahe kurios wirkt angesichts dieses Debakels. Die Reihen schließen sich in der CSU, auch symbolisch, viele Vorstandsleute kommen hinter Seehofer auf die Bühne. Einer nach dem anderen – Manfred Weber, Alexander Dobrindt, Ilse Aigner – verbreitet, es gebe jetzt keine Personaldiskussion. Dürfe keine geben. Der Chef der mitgliederstarken Jungen Union, Hans Reichhart, stellt sich hinter Seehofer: „Er steht nicht im Feuer.“

Das mag für diesen Abend reichen, doch klar ist noch lange nichts. Aus Nürnberg nämlich, von Markus Söder, kommt kein Ton. Dieses Schweigen und das vieler seiner Vertrauter macht Seehofers Leuten mehr Sorge als Hubers Reden. Oft schauen sie auf ihre Handys, ob der Franke nicht doch irgendwo etwas sagt. Noch nicht. Vielleicht wird die Vorstandssitzung am heutigen Montag zur Abrechnung, vielleicht die Fraktionssitzung im Landtag am Mittwoch, wo schon erste Hinterbänkler zu sticheln beginnen, vielleicht erst der Parteitag Mitte November, in Nürnberg übrigens.

Seehofers Taktik ist absehbar: Ja nicht Schwäche zeigen. „Keine Sekunde“ denke er an Rücktritt, sagt er unserer Zeitung. Wer solche Gedanken habe, könne das ja gerne in den Parteigremien vorbringen, „oder zur Tat schreiten“. Er will wohl bald in Jamaika-Verhandlungen eintreten und dort knallhart CSU-Positionen – von Obergrenze bis zum Anspruch aufs Innenministerium – vertreten, um möglichst unverzichtbar zu wirken. Ein Gutes hat das Desaster-Ergebnis ja für die CSU: Ohne sie kann rechnerisch nicht koaliert werden, nicht mit Grün-Gelb und nicht mit der SPD. „Unsere Garantien aus dem Bayernplan. Oder Neuwahlen“, sagt ein Minister, es klingt wie „Geld oder Leben“ beim Banküberfall. „Keine faulen Kompromisse“, verspricht Seehofer. Und Dobrindt, der sich am Dienstag in Berlin zum Landesgruppenchef wählen lassen will, kündigt einen harten Kurs seiner Abgeordneten an, die bisher zahm zu Merkel waren.

Der Friede in der Union ist also wohl Geschichte. Vielen in der CSU passt das ganz gut. Denn auf der Münchner Wahlparty entgleisen um 19 Uhr ein zweites Mal die Gesichtszüge, als Angela Merkel in Berlin vor die Kameras tritt und dort vom „Erreichen der strategischen Wahlziele“ redet. „Bodenlos, die hat nichts verstanden“, ruft ein junger Politiker. Der Ärger dürfte vor allem von der Basis aus hochkochen. Oberbayerns JU-Chef Daniel Artmann zum Beispiel sagt, der CSU-Wahlkampf sei „absolut geil“ gewesen. Nur „die Aussagen der Kanzlerin hatten wir nicht im Griff. Sie hat alle Anstrengungen zunichtegemacht.“

Die CSU-Spitze könnte versuchen, den Frust, der sich auch aus Angst vor einer historischen Niederlage bei der Landtagswahl 2018 speist, nach Berlin zu kanalisieren. Merkels CDU weigert sich aber bisher, das anzunehmen. Demonstrative „Angie“-Rufe schallen durch die CDU-Zentrale, als Merkel über die satten Verluste erklärt: „Natürlich hatten wir uns ein wenig ein besseres Ergebnis erhofft.“

Anders als in der CSU wird an ihrem Stuhl nicht gesägt. „Katerstimmung hier“, berichtet ein Vorstandsmitglied aus der internen CDU-Runde, doch keine Revolution. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wagt sogar die Wahlanalyse, das schlechte Abschneiden der Union habe weniger mit der Flüchtlingspolitik zu tun als damit, „dass viele schon gedacht haben, Angela Merkel hat sowieso gewonnen“. Will sagen: Der Wähler sei nicht wütend gewesen, sondern nur ein bisschen müde. Als wäre da keine AfD, keine Zäsur. Als hätte Merkel nicht sogar in ihrem eigenen Ostsee-Wahlkreis zwölf Punkte auf 44 Prozent verloren. Das immerhin verbindet sie mit Seehofer: In seiner Heimat Ingolstadt stürzte die CSU sogar um 14 Prozentpunkte ab.

In München leert sich die traurige Wahlparty. Huber ist noch da, er gibt auch noch das letzte Interview, stellt dafür sein Feierabendbier unten neben die Kamera. Wieder ein paar Seitenhiebe gegen Seehofer. Ein paar Meter weiter steht ein Getreuer des Parteichefs und beweist, dass man sich auch in der CSU das Ergebnis schönreden kann. Vielleicht seien die 38, 39 Prozent ja so dermaßen mies, dass eh keiner freiwillig von Seehofer die Ämter übernehmen und die CSU in die Landtagswahl führen wolle.

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