Krise in Spanien

Der lange Kampf der Katalanen

von Redaktion

von Marcus Mäckler

München – Die Stunde des Königs kommt spät. Noch während in Barcelona Hunderttausende gegen Polizeigewalt demonstrieren, tritt Felipe VI. am Dienstagabend vor eine Kamera und spricht mit großem Ernst zu seinem Volk. Spanien befinde sich in „sehr schwierigen Zeiten“. Das liege vor allem an der katalanischen Regierung, die sich „außerhalb des Gesetzes“ bewege und die Stabilität des Landes gefährde. Es sei die „Verantwortung des Staates, die verfassungsmäßige Ordnung sicherzustellen“. Lange schwieg er. Nun redet der König den Katalanen gut sechs Minuten lang ins Gewissen. Es ist der Versuch eines Ordnungsrufs. Die Lage könnte ernster kaum sein.

Mit dem umstrittenen katalonischen Unabhängigkeitsreferendum vom Sonntag ist eine alte Wunde wieder aufgerissen. Es geht um politische und wirtschaftliche Selbstbestimmung, aber auch um einen sehr alten Konflikt, der noch immer schwelt. „Spanien ist den Katalanen, die für Unabhängigkeit eintreten, sehr fern“, sagt der spanisch-deutsche Historiker Carlos Collado Seidel, der sich seit langem mit der Geschichte Kataloniens befasst. „Der Appell des Königs wird bei ihnen völlig verhallen.“

Im Moment wird viel über wirtschaftliche Motive gesprochen. Katalonien, heißt es, wolle nicht länger die Melkkuh Spaniens sein. Da ist was dran. Die Region im Nordosten des Landes erwirtschaftet 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotzdem zieht die Zentralregierung in Madrid die Steuern ein und verteilt das Geld in ärmere Regionen des Landes. Nur das Baskenland darf seine Steuern selbst erheben und nach Gutdünken verwenden. Katalanische Nationalisten empfinden das als ungerecht. Aber die Wurzeln der Zwietracht reichen tiefer – und vor allem weit zurück.

Im kollektiven Bewusstsein der Katalanen sind zwei Daten besonders verankert: die Jahre 1640 und 1714. Am Fronleichnamstag 1640 erheben sich katalanische Bauern, die unter der Last des Französisch-Spanischen Kriegs ächzen, gegen die Krone, genauso wie die Katalanischen Stände. Mit Hilfe Frankreichs bekommt Katalonien den Status einer freien Republik, wird aber zwölf Jahre später mit Waffengewalt wieder eingegliedert. Die katalanische Hymne, die im 19. Jahrhundert entsteht, nimmt auf diese Zeit Bezug. Ihr Text ist bisweilen gewaltig. „Es kommt der Zeitpunkt, an dem wir unsere Ketten zersägen“, heißt es da zum Beispiel. „Die Hymne ist durch und durch antispanisch“, sagt Historiker Collado Seidel. Sie prägt das Nationalbewusstsein bis heute.

Zweites Datum: 1714. Wieder herrscht Krieg, diesmal um die spanische Erbfolge. Katalonien schließt sich den Habsburgern an – und unterliegt. Am 11. September 1714, dem heutigen katalanischen Nationalfeiertag, kapituliert Barcelona. Noch heute rollen die Fans des FC Barcelona bei Heimspielen die Estelada aus, eine riesige katalonische Flagge aus. Und zwar genau dann, wenn das Spiel 17 Minuten und 14 Sekunden alt ist. Die Erinnerung lebt selbst im Fußball weiter.

Der katalanische Nationalismus kommt aber erst im 19. Jahrhundert auf, als in vielen anderen Regionen Europas die Nationalstaaten wachsen. In Katalonien besinnt man sich auf die ureigene Kultur, man spricht Katalanisch statt Spanisch und rümpft die Nase vor blutigen Stierkämpfen (sie sind in Katalonien noch heute verboten). 1640 und 1714 werden zu besonders wichtigen Bezugspunkten. „Erstmals kommt auch die Forderung nach Autonomie oder einer föderalen Lösung auf“, sagt Collado Seidel. Die Spanier sind natürlich wenig begeistert. „Aus spanischer Perspektive ist eine Nation ohne Katalonien nicht vorstellbar.“ Umgekehrt allerdings schon.

Wer sich heute mit besonders überzeugten Nationalisten unterhält, wird um die Franco-Diktatur nicht herumkommen. Manche vergleichen den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy mit dem ehemaligen Diktator und werfen der spanischen Polizei faschistische Methoden vor – die größtmögliche Hasserklärung. Unter Franco werden Kataloniens Kultur und Sprache aus dem öffentlichen Leben verbannt, der 1932 gerade erst erstrittene Autonomiestatus wird restlos gestrichen. Regionalpräsident Lluís Companys versucht es 1934 noch mit der Ausrufung einer Republik, muss später aber nach Paris fliehen, wird von den Nazis an Franco ausgeliefert – und 1940 hingerichtet.

Man mag das alles alte Kamellen nennen. Aber jede dieser Stationen ist ein Mosaikstein im Bewusstsein katalanischer Nationalisten. 1979, der Diktator ist gerade vier Jahre tot, bekommt Katalonien einen neuen weitreichenden Autonomiestatus. Seither ist Katalanisch die vorherrschende Sprache in der Region, was wiederum den Spaniern nicht passt. Aber das Zusammenleben entspannt sich, 2006 wird die Autonomiecharta überarbeitet und um Vollmachten im Steuer- und Justizbereich erweitert. In der Präambel wird Katalonien sogar als Nation bezeichnet.

Alles gut? Spätestens seit Sonntag wissen wir: Nichts ist gut. Die Abspaltungs-Bewegung ist so stark wie nie. Collado Seidel sagt: „In der Geschichte seit dem 19. Jahrhundert haben wir keine vergleichbare Situation.“

Das Warum führt zu Mariano Rajoys konservativer Partei PP. Sie legt 2006 Beschwerde gegen die Autonomiecharta ein. Vier Jahre später, am 28. Juni 2010, gibt das Verfassungsgericht der PP teilweise Recht. Es erkennt den Katalanen den – rechtlich nicht bindenden – Status einer Nation ab und nennt die Bevorzugung der katalanischen Sprache in Behörden verfassungswidrig. Von da an häufen sich die Demonstrationen, Millionen gehen für Kataloniens Unabhängigkeit auf die Straße. Sie erinnern an 1714 und rufen in Sprechchören: „Wir sind eine Nation, wir entscheiden.“ 2014 führt der damalige Regionalpräsident eine Volksbefragung durch. Die Wahlbeteiligung ist niedrig, die Zustimmung zur Unabhängigkeit hoch. Aber die Befragung wird als nicht bindend eingestuft.

Viele Kommentatoren sehen die Schuld für die jetzige Eskalation auf beiden Seiten. Die Spanier seien unnachgiebig und nicht zu Gesprächen bereit, die Katalanen seien vor allem an Provokation interessiert. Nun stehen beide Seiten da, die eine auf der staatlichen Souveränität beharrend, die andere auf ihrem Recht zur Abspaltung. Letzteres wäre wohl für beide eine wirtschaftliche Katastrophe.

König Felipe VI. hat das bei seiner Fernsehansprache sehr deutlich betont. Aber es scheint, als sei er nicht mehr der König aller Spanier.

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