München – Das mit dem Ruhestand nimmt Jupp Heynckes wörtlich. Wenn man als Journalist in den vergangenen Jahren versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen, in der Hoffnung auf einen Beitrag zu einer aktuellen Debatte, antwortete er immer zügig. Aber auch immer mit der gleichen Antwort. Sehr freundlich und sehr unmissverständlich teilte er mit, dass er zu diesem Thema doch bitte nichts sagen wolle. Seine Ruhe war ihm wichtig. Vor allem aber ging es ihm um die Ruhe beim FC Bayern, dessen spannendes Innenleben er hätte kommentieren sollen. Welche Wellen so eine Ferndiagnose schlagen kann, hat er in fünf Jahrzehnten Profifußball oft genug erlebt, um es selber besser zu machen.
Das Leben wird nun wieder um einiges unruhiger werden für Heynckes, der mittlerweile 72 ist. Nach allem, was man hört, ist er nicht vor Entzücken an die Decke gesprungen, als der FC Bayern ihn bat, ein viertes Mal das Traineramt zu übernehmen. Aber was sollte er machen? Freunde helfen einander nun mal, und welchen Wert eine Freundschaft hat, erweist sich gerade dann, wenn es mal nicht so gut läuft und einer Hilfe braucht. Jupp Heynckes und der FC Bayern haben diese Erfahrung häufig gemacht.
Zu Recht wird die Nachricht, dass der Mann, der 2013 die Bayern zum größten Erfolg ihrer Vereinsgeschichte führte (Champions-League-Titel, Meisterschaft, Pokalsieg), nun als „Sensation“ betitelt. Einen Supertanker wie den Rekordmeister durch die Untiefen einer Saison zu navigieren, in der der Verlust von Schlüsselspielern (Lahm, Alonso) ebenso zu verkraften ist wie die Verschiebungen im europäischen Machtgefüge, ist die vermutlich anspruchsvollste Aufgabe, die der deutsche Fußball gerade zu bieten hat. Die Innensicht der Bayern ist freilich eine vollkommen andere. Nach deren Verständnis ist es nur logisch, die kostbare Mannschaft in dieser Situation einem anzuvertrauen, auf den doch schon immer Verlass war.
Vom FC Bayern heißt es immer, er vergesse seine alten Spieler nicht, schon gar nicht in schlechten Zeiten. Umgekehrt ist es aber genau so: Auch Heynckes, der zwischen 1987 und 1991 den Klub zu zwei Meisterschaften führte, lässt seine Bayern nicht hängen. 2009 half er für fünf Spiele aus, als man es mit Jürgen Klinsmann nicht mehr aushielt, und führte das Team in die Champions League. Damals kam er wieder auf den Geschmack am Trainerleben, verbrachte zwei erfolgreiche Jahre in Leverkusen und unterschrieb 2011 ein drittes Mal in München. Zusammen erlebte man einen der schlimmsten Tiefschläge der Vereinsgeschichte („Finale dahoam“ 2012), aber auch das Triple im Jahr darauf.
Es wird sehr menscheln, wenn Heynckes in den nächsten Tagen den Dienst antritt und die Mannschaft nach ihren Länderspieleinsätzen in aller Welt zum ersten Mal begrüßt. Etliche kennen ihn ja noch gut von 2013. Ein Erfolg wie der im Londoner Champions-League-Finale schafft zwischen Trainer und Mannschaft eine Verbindung für die Ewigkeit. Zumindest, wenn man nicht einfach ein kühler Chef ist, der Anweisungen erteilt und ihre Einhaltung erwartet, sondern die Spieler auf der emotionalen Ebene erreicht. Die Saison 2012/2013 war so ein einziger großer Schulterschluss. Hier die Spieler, die ihre enormen Egos dem Erfolg unterordneten. Dort der Coach, der den Niederschlag von 2012 unbedingt wettmachen wollte und den Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge schon im folgenden Sommerurlaub jeden Tag anrief, um ihn mit Ideen zu konfrontieren.
Ungewöhnlich offen hat Heynckes während seines dritten Bayern-Engagements darüber gesprochen, wie er sich im Laufe der Jahrzehnte weiterentwickelt habe. Dass er damit auch alte Defizite in Erinnerung rief, war ihm egal. Der frühe Heynckes, wie man ihn in den späten Achtzigern in München erlebte, war noch ein Trainertyp, der auf klare Ansagen eine eindeutige Reaktion erwartete. Humor und Gelassenheit, mit denen er viele Jahre später punktete, waren nicht seine Stärke. „Osram“ nannten ihn die Leute, weil sein Kopf manchmal eine hochrote Farbe annahm. Bis heute kommt es manchmal vor, dass sein Blick bei öffentlichen Auftritten von links nach rechts und zurück schnellt, als müsse er auf alles achten und jede Gefahr erspüren. Aber das ist nur noch eine kleine Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Damals war es der normale Zustand.
Unvergessen sind aus dieser Zeit die wüsten, teils primitiven Attacken, mit denen der Kölner Trainer Christoph Daum im Frühjahr 1989 den Titelrivalen Heynckes überzog. Die Fehde gipfelte in einem denkwürdigen Auftritt im ZDF-Sportstudio. Selbst dort blieb Heynckes defensiv, wollte sich nicht auf Daums Niveau begeben, erweckte dadurch aber den Eindruck von Ohnmacht. Zu seinem Glück saß Uli Hoeneß an seiner Seite. Was dem einen an Angriffslust fehlte, besaß der andere im Überfluss. Wie kompromisslos sich ein Mensch für einen anderen einsetzen kann, war damals eindrucksvoll zu beobachten. Daum schuf sich einen Feind fürs Leben.
Die Freundschaft zwischen Heynckes und Hoeneß wiederum ist legendär. Noch viele Jahre später sprach der Präsident von „der größten Fehlentscheidung meines Lebens“, wenn er an die Entlassung des Trainers 1991 dachte. Es war Heynckes, der sich den alten Freund als Laudator wünschte, als er 2016 den Ehrenring seiner Heimatstadt Mönchengladbach erhielt. Hoeneß war damals noch nicht lange aus der Haft entlassen und hielt eine hochemotionale Rede.
Als Heynckes Anfang 2013 erfahren sollte, dass man ab dem Sommer mit Pep Guardiola plane, brachte es Hoeneß nicht übers Herz, die Nachricht zu übermitteln. Diese Aufgabe überließ er Rummenigge, dem kühlen Entscheider. Der Vorstandsboss hat später versucht, den tief enttäuschten Heynckes gnädig zu stimmen. Er bot ihm einen Funktionärsposten an (den der empört ablehnte mit den Worten, so ein Gremium sei „nicht meine Welt“) und nannte ihn „the special one“ in Anlehnung an den Trainerkollegen José Mourinho. Rummenigge übersah dabei nur, dass der Portugiese mit seinem barschen, selbstverliebten Gehabe das exakte Gegenteil des verschmitzten, uneitlen Mannes vom Niederrhein ist. Prompt widersprach Heynckes: Besondere Menschen seien eher Notärzte und Feuerwehrleute. Oder Altenpfleger. Er könne das beurteilen: „Ich habe das anderthalb Jahre bei meiner Schwiegermutter gemacht.“
Nachtragend aber ist er nicht gewesen. Als jetzt der Anruf aus München kam, hat er sich an die vielen guten Zeiten erinnert. Die Bayern sind nun mal der Verein seines Lebens, gemeinsam mit Borussia Mönchengladbach. Als habe es noch einen Beleg gebraucht, wie sehr diese beiden Klubs seine Biografie geprägt haben, hat ein Spaßvogel den Wikipedia-Eintrag von Jupp Heynckes bearbeitet. Als Geburtsort war dort noch gestern zu lesen: München-Gladbach.