Vor 40 Jahren: Die Entführung der „Landshut“

Sechs Tage Todesangst

von Redaktion

Von Dirk Walter und Stefan Sessler

München – Am 13. Oktober 1977 schreibt Lufthansa-Pilot Jürgen Vietor seiner Frau einen Zettel. Die Frau ist in der Schule, wo sie als Lehrerin arbeitet. „Liebe Renate, mußte fliegen. Komme um 16 Uhr zum Kaffee zurück.“ Eigentlich hätte er einen freien Tag gehabt, aber ein Kollege ist ausgefallen. Deswegen muss er heute doch ins Cockpit. Geplante Route: Frankfurt–Mallorca–Frankfurt. Name der Lufthansa-Maschine, einer Boeing 737: „Landshut“. Der Zufall schickt Jürgen Vietor in die schlimmsten Tage seines Lebens. So hat er nun der Kasseler Zeitung „HNA“ erzählt.

Die Entführung der „Landshut“ jährt sich zum 40. Mal, die sechs Tage im „Deutschen Herbst“ sind vielen älteren Bundesbürgern aber noch im Gedächtnis. Jürgen Vietor hat gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert, seit 1999 ist er im Ruhestand, er lebt in Quickborn bei Hamburg. Aber die „Landshut“ lässt ihn einfach nicht in Ruhe. Gerade an Jahrestagen ist er ein begehrter Zeitzeuge, immer wieder erzählt er seine Geschichte. „Ich dachte erst, der Getränkewagen sei irgendwo gegengeknallt“, sagte er der „HNA“. Doch es ist der Beginn der Geiselnahme, ein Terrorist reißt die Cockpit-Türe auf, zielt mit einer Pistole auf Pilot Jürgen Schumann, Co-Pilot Vietor bekommt einen Tritt in die Rippen. Der Terrorist schreit: „Go out, go out!“ Raus mit euch, raus mit euch!

Die Flugzeugentführung ist eine weitere Eskalationsstufe im Kampf der RAF gegen den deutschen Staat. Die Terroristen haben am 5. September 1977 bereits Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer entführt, um elf vorwiegend in Stammheim inhaftierte RAF-Terroristen aus der Haft freizupressen, darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin, sowie zwei in der Türkei inhaftierte Palästinenser. Das Spezialkommando der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP) soll dieser Forderung jetzt Nachdruck verleihen. Die vier palästinensischen Terrorosten schmuggeln zwei Pistolen, vier Handgranaten und 500 Gramm Plastiksprengstoff an Bord der „Landshut“. „Machen Sie alles, was die sagen, verhalten Sie sich ruhig“, flüstert Jürgen Vietor den Passagieren zu.

Die Lage im Flugzeug eskaliert schnell. Anführer Zohair Youssif Akache, der sich selbst „Captain Mahmud“ nennt, zwingt die Piloten, nach Rom zu fliegen. Dort wird die „Landshut“ aufgetankt, dann fliegt sie weiter – die Italiener wollen sich keinesfalls in den Konflikt einmischen. Die Terroristen sind in den ersten Stunden noch ausgeruht. „Eine Stürmung der Maschine in Rom hätte leicht in einem Massaker enden können“, sagte Vietor der „HNA“. Es beginnt ein Irrflug. Bei einem Zwischenstopp in Aden tötet „Captain Mahmud“ den Piloten Schumann mit einem Kopfschuss. Dann folgt die letzte Station der „Landshut“: Mogadischu. Die Deutschen schicken ihre neue Spezialeinheit nach Somalia – die GSG 9.

Ihr Gründer Ulrich Wegener brütet schon Jahre zuvor über Einsatzstrategien, erinnerte sich sein enger Mitarbeiter Dieter Tutter vor Jahren gegenüber unserer Zeitung. Sie analysierten jeden Terrorakt – und davon gab es in den 1970er-Jahren viele. Schon im Mai 1972 hatten die Israelis erstmals ein entführtes Flugzeug gestürmt. Tutter besorgte Blaupausen für jeden Flugzeugtyp, die GSG 9 trainierte, wie sich eine Tür von außen öffnen lässt oder ob man über das Bugrad in die Pilotenkanzel vordringen kann. Nicht nur Flugzeugentführungen wurden als Szenario durchgespielt, sondern auch gekaperte Züge und sogar Öltanker.

Am 13. Oktober 1977 gegen 22 Uhr, kaum acht Stunden nach der Entführung der „Landshut“, ist es soweit: Eine Lufthansa-Maschine nimmt in Köln/Bonn GSG 9-Männer auf. Dann fliegt sie in Richtung Larnaka, wo sie kurz nach der Zwischenlandung der „Landshut“ eintrifft. Danach soll sie in Tuchfühlung mit der gekaperten Maschine bleiben, damit die GSG 9 im Bedarfsfall rasch zuschlagen kann. Nach einigen Umleitungen landet die Lufthansa-Maschine mit dem GSG 9-Trupp am 17. Oktober gegen 17.30 Uhr in Mogadischu, wo am frühen Morgen desselben Tages schon der Irrflug der „Landshut“ geendet hat.

Die „Operation Feuerzauber“, wie die Befreiungsaktion wegen des damals neuartigen Einsatzes von Blendgranaten genannt wird, steht kurz bevor. Eigentlich haben die vier Entführer ja gehofft, mit ihrer Gewaltaktion Gesinnungsgenossen freipressen zu können. Zu einer Freilassung aber sind die Entscheidungsträger in Bonn, wie man heute weiß, von Anfang an nicht bereit. Im Großen Krisenstab legt Bundeskanzler Helmut Schmidt drei Ziele fest: die Geisel Hanns Martin Schleyer lebend zu befreien; die Entführer zu ergreifen; und „die Handlungsfähigkeit des Staates und das Vertrauen in ihn im In- und Ausland nicht zu gefährden; das bedeute auch: die Gefangenen, deren Freilassung erpresst werden sollte, nicht freizugeben“ – so die Formulierung in einer Dokumentation, die die Bundesregierung kurz nach Ende des „Deutschen Herbstes“ herausgab.

Die taktischen Finessen, die insbesondere der legendäre, von Schmidt entsandte Sondergesandte Hans-Jürgen Wischnewski in den sechs Entführungstagen unternimmt, haben eigentlich nur eines Sinn, so der Historiker Tim Geiger: „den Gewinn zusätzlicher Fahndungszeit“ nach dem entführten Schleyer. In der Tat entwickelt der aufgrund seines Engagements im Algerienkrieg in arabischen Ländern hoch angesehene Wischnewski (Spitzname: Ben Wisch) eine atemberaubende Aktivität. Ihm geht es darum, zu verhindern, dass sich eines der mit der arabischen Sache sympathisierenden potenziellen Zielländer auf die Terroristen einlässt.

Teils mit sanftem Druck widerstehen die Regime etwa in Algier, Tripolis und Bagdad der Option, die Entführung der „Landshut“ zu ihrer Sache zu machen und sich zu einer Aufnahme der RAF-Häftlinge bereit zu erklären. Überall blitzen die Entführer ab. Das war eine diplomatische Meisterleistung von „Ben Wisch“, ohne die der schließlich glückliche Ausgang des Dramas nicht denkbar ist.

In der Nacht zum 18. Oktober stürmt die GSG 9 die „Landshut“. Alle 87 Geiseln werden befreit, drei Terroristen sterben im Kugelhagel, nur Souhaila Andrawes überlebt. Die erfolglose Entführung setzt eine Kettenreaktion in Gang: In Stammheim bringen sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe selbst um. Hanns Martin Schleyer wird am gleichen Tag ermordet. Wer die drei Kopfschüsse abgab, ist bis heute unklar. Das ist das blutige Ende des Deutschen Herbstes.

Kaum beachtet wurde später, dass das somalische Regime des Diktators Siad Barre – der der GSG 9 ja freie Hand gelassen hatte – von der Bundesrepublik mit üppiger Finanzhilfe bedacht wurde. Schon am 12. Januar 1978 wurde ein Abkommen über 25 Millionen DM Kredit geschlossen – Siad Barre verwendet das umgehend für Waffenkäufe im Krieg gegen Äthiopien.

Pilot Jürgen Vietor bekommt sechs Wochen Sonderurlaub. Erst im Dezember 1977 fliegt er wieder, von Hannover nach London. Das Flugzeug? Es ist die „Landshut“. Ausgerechnet.

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