Expertenurteil

„Die Zuschauer erleben doppelten Nervenkitzel“

von Redaktion

Jo Groebel ist Medienwissenschaftler und erklärt die Faszination hinter „Aktenzeichen XY … ungelöst“.

Das Format als frühe Form des sogenannten Reality-TV

,Aktenzeichen XY… ungelöst‘ war die allererste Reality-Show im deutschen Fernsehen. Der Zuschauer wird mit echten kriminellen Geschehnissen konfrontiert, die aber dramaturgisch aufbereitet werden wie im fiktionalen Bereich. Der Zuschauer hat also das Gefühl: Dieses Verbrechen könnte sich genau so in meiner Nachbarschaft zugetragen haben oder zutragen. Das macht den Nervenkitzel aus – und ist eine revolutionäre Idee von Eduard Zimmermann gewesen.

Der doppelte Nervenkitzel

Der Nervenkitzel entsteht dadurch, dass der Zuschauer in gleich zweierlei Hinsicht zum Teil des Geschehens wird. Erstens: Anders als bei einem rein voyeuristischen Doku-Drama, wo man andere „nur“ beobachtet, ist der Zuschauer hier aktiv eingebunden und hat darüber hinaus noch das Gefühl: Ich tue etwas Gutes, wenn ich einschalte. Denn die Sendung sagt ja: Du könntest auf der Straße einen Täter erkennen und zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen. Und zweitens: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich einen Täter erkennen könnte, kommt gleichzeitig die Angst auf, ich könnte auch zum Opfer werden. Das ist der doppelte Nervenkitzel.

Der Charakter der Sendung als Urgestein

Der Erfolg einer Sendung verselbstständigt sich in gewisser Weise, wenn sie erstmal zum Urgestein geworden ist. Das ist dieser ,Tagesschau‘- oder ,Wetten, dass..?‘-Effekt: Man schaltet ein, weil man mit der Sendung aufgewachsen ist. ,Aktenzeichen XY… ungelöst‘ ist Teil vieler persönlicher Fernsehbiografien.

Das Gefühl, dass am Ende alles gut wird

Die Sendung entlässt den Zuschauer mit dem Gefühl: Alles wird gut. Die Polizei ist im Studio und kümmert sich um die Aufklärung von Verbrechen. Da treten immer kompetente Beamte auf, die hochseriös und glaubwürdig sind. Das ,tröstet‘ und beruhigt den Zuschauer – gerade im Kontrast zu der mitunter natürlich zugespitzten Dramaturgie in den Einspielfilmen. Hinzu kommt Rudi Cerne, der seine Sache als Moderator super macht und viel Ruhe ausstrahlt.

Aufgezeichnet von Stefanie Thyssen

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