Wien – Jetzt ist es in greifbarer Nähe: Nach seinem Wahltriumph bei der Parlamentswahl in Österreich steuert der erst 31-jährige ÖVP-Chef und Außenminister Sebastian Kurz auf das Kanzleramt zu. Kurz kann an der Spitze einer Regierungskoalition mit den weiter erstarkten Rechtspopulisten von der FPÖ oder mit der SPÖ Bundeskanzler Österreichs werden – und damit der jüngste Regierungschef Europas.
Sein rasanter Aufstieg in der Politik brachte ihm den Spitznamen „Wunderwuzzi“ ein – das österreichische Pendant zum Tausendsassa. Kurz gilt als eines der größten Politik-Talente Österreichs. Geboren 1986 als Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs in Wien, schließt er sich schon als Schüler der Jungen ÖVP an, 2008 wird er deren Landesvorsitzender in der Hauptstadt und 2009 sogar ihr Bundesvorsitzender.
Landesweit bekannt wird der Jung-Politiker bei der Wiener Landtagswahl 2010, bei der er mit dem „Geilo-Mobil“, einem schwarzen Geländewagen, durch die Hauptstadt kurvt. Für die Kampagne handelt sich Kurz zwar viel Spott und Häme ein – er sichert sich aber sein erstes Abgeordnetenmandat im Wiener Gemeinderat.
Auch seine Ernennung zum Staatssekretär für Integration im Innenministerium im April 2011 sorgt zunächst für Skepsis und Kritik. Für den Karrieresprung bricht der 24-Jährige sein Jura-Studium ab, Kritiker bemängeln seine mangelnde Erfahrung und sein mal schnöseliges, mal draufgängerisches Auftreten. Doch der zur Nachwuchshoffnung der ÖVP avancierte Wiener überrascht seine Kritiker durch auffallend gutes Benehmen – und Erfolge wie den Ausbau der Sprachförderung in Kindergärten.
Im März 2014 übernimmt der Studienabbrecher, der über keine diplomatische Erfahrung verfügt, das Außenministerium. Der 27-Jährige ist damit der jüngste Außenminister in der EU. Wieder gibt es viele Zweifel und Vorbehalte, doch Kurz erarbeitet sich als Chefdiplomat schnell einen guten Ruf: Er gilt als pragmatisch, freundlich und immer gut vorbereitet.
Gleichzeitig geht er forsch an seine neue Aufgabe heran: In der Flüchtlingskrise gibt sich Kurz als Hardliner. Er kritisiert die deutsche Willkommenskultur, setzt in Österreich eine Obergrenze für Flüchtlinge und schließlich die Schließung der Balkanroute durch.
Im Sommer 2016 schlägt er sogar vor, Flüchtlinge im Mittelmeer abzufangen und sie direkt in ihre Heimat zurückzuschicken oder auf Inseln zu internieren – nach dem Vorbild der umstrittenen australischen Asylpolitik. Auch in der Türkei-Politik bevorzugt er scharfe Töne: gegen das Flüchtlingsabkommen der EU mit Ankara. Kurz fordert auch wiederholt einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlung mit der Türkei.
Seine kontroversen Forderungen bringen dem Jungpolitiker viel Aufmerksamkeit ein, bei den österreichischen Wählern ist er populär. Als der bisherige ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner im Mai zurücktritt, wittert Kurz seine Chance und wird neuer Parteichef. Zugleich führt er den Bruch der großen Koalition mit der SPÖ herbei, und schlägt weiter dezidiert rechte Töne an – beides beschert seiner Partei in der Wählergunst einen Höhenflug, der die lange führende FPÖ verdrängt. afp