Innsbruck – Der Name des weltberühmten Künstlers steht auch in japanischen Zeichen am Hauseingang. Die Japaner schenkten ihm einst das Schild aus Dankbarkeit für seine Arbeit. Das Atelier des Künstlers befindet sich in einer beschaulichen Gasse in Innsbruck. Seine Gemälde hängen in der ganzen Welt. Millionen Menschen haben sie gesehen – aber kaum einer weiß, wie der Künstler heißt. Heinz Vielkind ist Panoramamaler. Die Tafeln in Ski- und Wandergebieten, auf denen die Berge mit den entsprechenden Wegen, Pisten und Liften abgebildet sind, die hat er gemalt. Im Alpenraum steht auf den meisten dieser Tafeln unten in der Ecke der Schriftzug „Vielkind“.
Inzwischen ist er 79 Jahre alt, aber immer noch jeden Tag in seinem Atelier. Vielkind ist ein ruhiger Mensch. Er redet so, wie er den Pinsel führt: mit Bedacht, sorgfältig und zugleich bestimmt. Kein Wort zu viel, jeder Satz wird präzise zu Ende geführt. Sein helles Arbeitszimmer ist spartanisch eingerichtet: Blechschränke, in denen er Gemälde und Karten aufbewahrt, eine CD-Sammlung und am Fenster sein großer, fast leerer Schreibtisch. Dort liegt gerade der Entwurf des norditalienischen Monte Bondone, ein Berg in der Nähe des Gardasees. Die Vorzeichnung ist fertig, jetzt schraffiert er die Bergflächen.
Wie viele Panoramabilder er inzwischen gemalt hat, weiß der Tiroler nicht mehr. Angefangen hat er 1955 als Assistent von Heinrich C. Berann. Vielkind war in der Schule nicht besonders gut gewesen, aber Berann erkannte das Talent des jungen Mannes beim Zeichnen. Der Österreicher Berann war der Pionier der Panoramamalerei, er erhob die Kombination aus moderner Kartografie und klassischer Malerei zur eigenen Kunstform. Lange arbeitete Vielkind mit seinem Meister zusammen, danach machte er sich selbstständig. An seinem Zeichentisch im Innsbrucker Atelier schuf er Panoramen von allen Kontinenten der Erde. Er war in Australien, in Amerika, in Schottland, am liebsten erinnert er sich aber an den Auftrag aus Japan: ein über fünf Meter großes Panorama des Kamikochi-Naturparks.
Wenn Vielkind einen Auftrag bekommt, freut er sich am meisten auf den ersten Teil seiner Arbeit – er lässt sich in einem Kleinflugzeug über die Berge fliegen, die er malen soll. Dabei macht er Fotos und prägt sich die wichtigen Details ein. Natürlich könnte er heutzutage auch auf Satellitenbilder aus dem Internet von Google Earth zurückgreifen und tut das auch zum Teil. Aber Heinz Vielkind genießt die Fliegerei und den Blick von oben. Zurück im Atelier fertigt er eine Bleistift-Skizze an. Und einige Wochen bis Monate später malt er das fertige Panorama mit Tempera-Farben.
Dazwischen bedarf es vieler Absprachen und Änderungen. Denn Vielkind ist zwar Künstler, aber seine Bilder sind zugleich auch Auftragsarbeiten. Panoramagemälde dienen dem Tourismus, sie sollen Lust machen auf Wandern und Skifahren und dabei zugleich der Orientierung dienen. Alle Wege und Pisten auf ein Bild zu bekommen, ist für den Maler eine besondere Herausforderung: „Man muss Gebiete oft so darstellen, dass man Vorder- und Hinteransicht von Bergen in einem Bild hat. Das ist wie bei einem Werk von Picasso“, sagt Vielkind. Und wie ein Picasso hat auch ein Panorama seinen Preis: Bei einem kleinen Gebiet kostet es etwa 3000 Euro, bei einem großen auch schon mal über 20 000 Euro.
Die Gemälde sind oft mehrere Quadratmeter groß und das Ergebnis eines langwierigen Prozesses, in dem die Wünsche der Kunden, die Realität und Vielkinds eigene Vorstellungen immer wieder auch kollidieren. Es kam schon vor, dass eine Gemeinde sich beschwerte, weil der Berg der Nachbargemeinde auf dem Entwurf viel größer zu sehen war, woraufhin Vielkind die Berge gleich groß malte – entgegen der Wirklichkeit. Ein anderes Mal verkürzte er die Distanzen so, dass noch umliegende Berge auf dem Bild zu sehen waren, die eigentlich weiter entfernt gelegen hätten. „Hier sind viele Berge versetzt worden“, sagt er mit Blick auf seinen Schreibtisch und grinst wie ein Lausbub.
Wenn es Vielkind in seinem Atelier zu eng wird, braucht er kaum eine Stunde, um auf dem nächsten Gipfel zu stehen. Am Fuß der Innsbrucker Nordkette, die sich am Stadtrand erhebt, steht eine Panoramatafel – gemalt natürlich von Vielkind selbst. Wie eigentlich alle Panoramen der Berge in der Umgebung. Der Maler prüft die Tafel, schaut, ob die Farben des Drucks stimmen. Er blickt auf die Gipfelkette auf seinem Gemälde. Dann schaut er an der Tafel vorbei auf die echten Gipfel.
Einmal ist Vielkind Opfer seiner eigenen Karte geworden. Als Maler hatte er einen Berg gemalt, einige Zeit später ging er dort wandern. Nach dem Blick auf seine Panoramatafel stellte er sich auf einen kurzen Aufstieg ein. „Und derweil dauert das und dauert das. Und dann hab ich schon gewusst: Jaja, da hab ich den Berg ein bisschen verkürzt dargestellt und jetzt muss ich es büßen.“ Am Ende war er zwei Stunden länger wandern als geplant.
Am Hang der Nordkette läuft er vorsichtig, die Schritte sind klein. Vielkind ist rüstig, aber eben doch schon fast 80 Jahre alt. Trotzdem lassen die Berge ihn nicht los. Bei gutem Wetter, sagt er und wählt die Worte dann wieder sehr behutsam, „begebe ich mich auf leichte Hänge in der Umgebung hinauf, die nicht mehr so steil sind“. Für den Weg auf die 2334 m hohe Hafelekarspitze hinter Innsbruck nimmt er die Seilbahn.
Auch beruflich haben ihn die Berge bis heute nicht losgelassen. „Weil es verlangt wird“, sagt Vielkind, und meint auch: weil es ihm immer noch Freude macht. Eigentlich müsste er längst nicht mehr arbeiten und hätte dann mehr Zeit für die Pflege seiner Alfa-Romeo-Sammlung in der Garage. Aber Vielkinds Kunst ist noch immer begehrt. Gerade hat ihn die Anfrage erreicht, ein Gemälde von ganz Oberbayern zu erneuern, das er seinerzeit noch mit seinem Lehrmeister Berann gefertigt hat: „So Gott hilft und ich gesund bleibe, werde ich das vielleicht auch machen.“ Vielkind lässt sich im Alter nicht mehr hetzen. Wenn es darum geht, wann er die Zeit hätte für das neue Oberbayern-Panorama, dann spricht er nicht von Monaten, sondern von Jahren.
Mit der Seilbahn an der Bergstation angekommen, schaut Vielkind erst hinab auf sein Innsbruck, dann in die andere Richtung auf die vielen Gipfel des Karwendel. „Jeder Berg hat seinen eigenen Charakter“, sagt er. Diese Erkenntnis lässt ihm seinen Beruf auch nach 60 Jahren nicht langweilig werden. Für ihn sind die Berge wie Menschen und seine Gemälde wie deren Porträts. „Ich will darin die Eigenheiten der Berge darstellen.“ Vielkind schaut lange auf die Felswand gegenüber, die für seine Augen wohl die Haut eines zu Porträtierenden ist. Er malt Berge lieber als Menschen: „Weil sie schön stillstehen. Wenn ich Sportler malen müsste, dann wäre es ein bisschen aufregender. Aber so ist das eine ruhige Arbeit. Da kann man lang sitzen und das Bergemalen genießen.“
Ist er mit einem Gemälde fertig, liegen die Berge darauf jungfräulich vor ihm. Am Computer werden dann die Wege, Lifte und Pisten ergänzt. Und die Touristenmassen bringen erst die Realität. Hätte Vielkind seine Berge manchmal lieber für sich, so wie auf den Gemälden? Er schüttelt den Kopf. „Nein.“ Alle kennen seine Panoramabilder der Berge. Und alle sollen diese Gipfel auch besteigen können.