Abnehmen mit Sport und Willenskraft

50 Kilo weniger – ein ganz neues Bauchgefühl

von Redaktion

VOn Simon Nutzinger

München – Andreas Kirchner, 47, ist zufrieden. Entspannt sitzt er in einem Münchner Café, trinkt ein Glas Wasser und erzählt. Er erzählt von sich und seinem Leben. Erzählt von seinem Kampf gegen die Alkoholsucht und sein Gewicht. Erzählt von beschämenden MRT-Untersuchungen in der Pferde-Röhre. Erzählt davon, wie er es schaffte, in weniger als einem Jahr über 50 Kilogramm abzunehmen. Und wie er sich so selbst ein neues Leben ermöglichte.

Doch um die Geschichte von Andreas Kirchner zu verstehen, muss man die Zeit ein wenig zurückdrehen. Der Münchner arbeitet von 2002 bis August 2016 als Kellner in verschiedenen Wirtschaften. Für den Zwei-Meter-Hünen stehen „deftige bayerische Küche und Bier“, wie er sagt, jahrelang auf dem täglichen Speiseplan. Vor allem das Bier hat es ihm angetan. „Der Alkohol hat sich irgendwann auch im Privatleben als Freund eingestellt“, sagt er. Das bedeutet in Kirchners Fall: mehrere Mass Bier über den Tag verteilt und drei Flaschen Wein Zu Hause auf der Couch. Jeden Tag.

Die schlechte Ernährung und der ständige Alkoholkonsum treiben Kirchners Gewicht in die Höhe. 187 Kilogramm sind es im August 2016. Zu viel, selbst für einen so groß gewachsenen Mann wie ihn. Starke Rücken- und Knieschmerzen plagen Kirchner. Seit Jahren kommt er ohne Schmerzmittel nicht durch den Tag. „Am Ende waren es acht Voltaren-Tabletten täglich“, erzählt er. Doch auch die reichen irgendwann nicht mehr aus. Mit großen Schmerzen verlässt Kirchner an einem August-Nachmittag seine Arbeit und geht zum Orthopäden. Bis heute wird dies sein vorerst letzter Arbeitstag gewesen sein.

Denn der Orthopäde stellt ihm eine vernichtende Diagnose: Kirchners rechtes Knie ist durch das Gewicht völlig überlastet, ein künstliches Kniegelenk dringend notwendig. Ansonsten droht ihm der Rollstuhl. „Das war ein Schock“, erinnert er sich. Das große Problem: Zum einen ist Kirchner mit 47 Jahren eigentlich zu jung für einen solchen Eingriff. Zum anderen, und das wiegt schwerer, halten OP-Tische nur Patienten mit einem Gewicht bis zu 150 Kilogramm aus. Wer schwerer ist, kann nicht operiert werden. Nicht einmal eine MRT-Untersuchung ist möglich, weil Kirchner in keine Röhre passt. Sein Facharzt verweist ihn an eine Tierklinik. Dort soll er in einer MRT-Röhre, die normalerweise für Pferde gedacht ist, untersucht werden.

„Das hat mich schon sehr getroffen“, sagt Kirchner. Aus Scham verzichtet er auf den Besuch in der Tierklinik. Eines ist ihm nun klar: „Ich habe gemerkt, dass ich in meinem Leben am Abgrund stehe. So konnte es nicht weitergehen.“ Am 1. November 2016 fasst er daher einen Beschluss: „Ich wollte mein Leben radikal ändern.“

Als ersten Schritt will Kirchner aufhören zu trinken. Von einem Tag auf den anderen. Ein Totalentzug. Er informiert sich bei Suchthilfeorganisationen. Holt sich Ratschläge. „Alle haben mir davon abgeraten, es ohne professionelle Betreuung auf eigene Faust zu versuchen“, sagt er. „Immerhin war ich im Prinzip seit Jahren stark alkoholabhängig.“ Aber Kirchner ist kein Mann für halbe Sachen. Er beschließt, es alleine durchzuziehen.

Den Alkohol, den er daheim stehen hat, schüttet er weg. Die nächsten 14 Tage sind hart. Kirchner hat Entzugserscheinungen: zittrige Hände, ständige Nervosität, Schlafprobleme, leichte Krampfanfälle. Doch er bleibt standhaft. „Ich habe mir ständig gesagt, dass ich den Willen dazu habe. Ich schaffe das. Ich bin stärker als die Sucht.“

Der Alkoholverzicht zeigt schnell Erfolg. Bis Weihnachten nimmt er zehn Kilogramm ab. Bevor Kirchner im Januar für vier Wochen seine Freundin auf den Philippinen besucht, mit der er seit mehreren Jahren eine Fernbeziehung führt, stellt er einen Kur-Antrag. Der wird für Februar bewilligt und führt ihn nach Bad Wörishofen. „Ein entscheidender Schritt“, sagt Kirchner.

Dort lernt er erstmals die Kombination von Ernährungsberatung, Physiotherapie und Krafttraining kennen. „Da habe ich verstanden, dass nur der Alkoholverzicht nicht reichen wird. Muskelaufbau und eine gesunde Ernährung müssen mit der Gewichtsreduktion einhergehen.“ Innerhalb von drei Wochen purzeln weitere sieben Kilo. Wieder zu Hause setzt Kirchner alles um, was ihm die Ärzte geraten haben. Nichts ist seitdem wie noch vor wenigen Monaten. Lebensmittel wiegt Kirchner beim Kochen exakt ab. Mit einer App hat er die Kalorien stets genau im Blick. Im Fitnessstudio beginnt er zu trainieren. Zunächst fünfmal die Woche, mittlerweile zweimal täglich.

Kirchners Tagesablauf folgt einem strikten Zeitplan. „Ich schlafe immer von 21 bis 4 Uhr. Mein erstes Training geht von 5 bis 7 Uhr, das zweite von 16 bis 18 Uhr“, erzählt er stolz. Zusätzlich besucht er fünfmal pro Woche seine Mutter mit dem Fahrrad. Strecke: zehn Kilometer einfach.

Als Kirchner im Juli erstmals nach der Diagnose wieder in der Praxis seines Orthopäden auftaucht, traut der seinen Augen nicht. Aus 187 Kilo sind 135 geworden. Aus einem gesundheitlich schwer angeschlagenen Alkoholiker ein selbstbewusster motivierter Mann. Und das Beste: „Der Arzt hat gemeint, dass eine Operation und ein künstliches Knie nicht nötig sind, wenn ich so weitermache“, sagt er und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Auch wenn mich die OP-Tische mittlerweile aushalten würden.“

Das Ziel: Auf 100 Kilogramm will Kirchner sein Gewicht bis zum Ende des Jahres reduzieren. Und zehn Klimmzüge möchte er schaffen. Eine Gefahr, dass er bei seinem Streben nach einem gesunden Leben das Rad womöglich irgendwann überdreht, sieht Kirchner nicht. „Da muss sich niemand Sorgen machen“, betont er. „Dafür esse ich zum einen viel zu gern und zum anderen habe ich Fitnesstrainer an meiner Seite, mit denen ich alles, was ich mache, ständig abstimme.“

In seinem neuen Leben fühlt sich Kirchner sichtlich wohl. „Ich erlebe eine völlig andere Lebensqualität“, sagt er. „So zu leben, wie ich es früher getan habe, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.“ Schmerzmittel und verkaterte Nachmittage sind für ihn Vergangenheit. Auch seine Freundin auf den Philippinen ist von seiner Entwicklung begeistert. „Unser gemeinsamer Kinderwunsch rückt nun immer näher“, sagt Kirchner.

Seine Erfahrungen und Erlebnisse möchte der Münchner jetzt weitergeben. Er möchte anderen, die sich in einer ähnlichen Lebenslage befinden, wie er selbst noch vor nicht einmal einem Jahr, helfen. Helfen, sich aus ihrer Lethargie zu bewegen und ein neues Leben zu beginnen. „Eventuell möchte ich einen Ratgeber schreiben“, sagt er. Doch zunächst steht etwas anderes bei Kirchner im Vordergrund: Er möchte wieder arbeiten. „Eine kleinere Wirtschaft in der Innenstadt ohne großen Biergarten traue ich mir als Kellner schon zu. Ich bin bereiter denn je.“

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