Der Glücksatlas 2017

Schwer zufrieden und nur ein bisschen öko

von Redaktion

Von Stefan Sessler

München – Blödsinn, sagt der Professor, alles Blödsinn. Bernd Raffelhüschen ist Finanzwissenschaftler an der Uni Freiburg, aber vor allem findet er, dass ziemlich viele komische Dinge erzählt, behauptet und immer wieder erzählt werden, wenn es um die Deutschen geht. Die Deutschen sind Jammerlappen – „Blödsinn“, sagt Raffelhü-schen, der seit sieben Jahren mit der Deutschen Post den Glücksatlas erarbeitet. Gestern wurde er zum ersten Mal in München vorgestellt. Die Deutschen sind ängstlich und krisengeplagt – „Blödsinn“, sagt der Professor. Die Deutschen werden immer unzufriedener – Blödsinn. Seine Methode gegen Klischees und Vorurteile: Statistik. Für den Glücksatlas wurden tausende Bundesbürger nach ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Das Glück wohnt an der Küste

Die glücklichsten Deutschen, das ist schon seit Jahren so, sie wohnen in Schleswig-Holstein (siehe Grafik). „Wir können uns selbst nicht erklären, warum das so ist“, sagt Raffelhüschen. Es ist das ärmste Flächenland Westdeutschlands, so der Professor – und eigentlich müsste Bayern aufgrund der objektiven Daten wie Wohlstand oder Jobaussichten vor dem Dauer-Spitzenreiter liegen. Das ist aber nicht der Fall: Bayern-Süd und Franken, so lauten die geografischen Einteilungen, liegen bundesweit ganz vorne mit dabei, aber eben nicht an der Spitze. Die Erklärung der Wissenschaftler: die Mentalität, die genetische Disposition. „Der Schleswig-Holsteiner“, sagt Raffelhüschen, „findet, dass ein halb gefülltes Glas nicht nur halb voll ist, sondern fast schon ganz voll.“ Der Bayer dagegen, das weiß jeder, der hier lebt, bewahrt sich auch in den schönsten Momenten des Lebens einen Grund-Grant. Eine gewisse skeptische Distanz zu sich selbst und der Welt um einen herum. Wenn man so will, dann hat der Glücksatlas die Existenz des Grants sogar wissenschaftlich bewiesen.

Die Ostdeutschen sind unzufriedener

„Die Ostdeutschen waren depressiver unterwegs, aber sie steigern sich“, sagt Professor Raffelhüschen. Auf dem Glücksatlas liegen sie schon immer auf den letzten Plätzen. Aber zur statistischen Wahrheit gehört auch: Sie werden nicht unglücklicher, obwohl die letzten (Protest)Wahlergebnisse einen anderen Schluss zulassen könnten. Die Ostdeutschen nähern sich sogar immer weiter den westdeutschen Mitbürgern an, was das Lebensglück angeht. „Der Osten versinkt nicht im Jammerlappental“, sagt Raffelhü-schen. „Und es gibt auch AfD-Wähler genauso wie Linken-Wähler, die mit ihrem Leben sehr zufrieden sind.“

Die Statistik kennt keine Krisen

Grundsätzlich gilt: Deutschland liegt auf dem hohen Glücksniveau der vergangenen Jahre – trotz Bedrohungen durch Terrorismus oder der Herausforderung durch die Flüchtlingskrise 2015. Statistisch hat sich das nicht niedergeschlagen. „Seit zehn Jahren reden wir von einer Krise“, sagt Raffelhüschen, „stattdessen gab es ein Wachstum wie seit den 1960er-Jahren nicht mehr. Das trotzdem Krise zu nennen, das macht uns in der Welt keiner nach.“ Europaweit gesehen liegen die Deutschen auf Platz 9, was die Lebenszufriedenheit angeht. Mit weitem Abstand Erster ist Dänemark, gefolgt von den Niederlanden, Schweden und Irland. Die unzufriedensten Europäer sind die Bulgaren, die Serben und abgeschlagen auf dem letzten Platz: die Griechen.

Öko ist immer gut – aber zu teuer

Besonders wichtig ist den Deutschen Familie und Wohnen, das ist keine Überraschung. Erst danach folgen Freizeit, Gesundheit, Einkommen. Eine andere Sache ist sehr wohl überraschend: 98 Prozent der Bevölkerung sind Natur und ein grünes Umfeld wichtig, trotzdem will kaum einer für grüne Produkte mehr Geld zahlen. Nur rund ein Viertel der Menschen ist bereit, für ökologisch nachhaltig produzierte Lebensmittel viel mehr zu bezahlen als normalerweise. Bei umweltschonenden Urlaubsreisen sind es gerade mal elf Prozent und bei Elektroautos sieben Prozent.

Wer anderen hilft, der hilft sich

Zum Abschluss noch eine gute Nachricht aus dem Glücksatlas: Wer sich engagiert, ehrenamtlich oder in der Familie, wer auf die Enkel aufpasst oder im Trachtenverein Strickkurse gibt, der hilft anderen, aber er hilft auch sich selbst. Menschen, die sich engagieren, sind statistisch gesehen glücklicher als andere – und das, obwohl sie viel Zeit investieren. Oder gerade deswegen.

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