Zehn Jahre iPhone in Deutschland

Das Gerät, das alles veränderte

von Redaktion

Von Jörg Heinrich

München – 2007 war das Jahr, in dem Edmund Stoiber als Ministerpräsident und CSU-Chef abtrat. Tokio Hotel waren Nummer eins in den Charts. Und der VfB Stuttgart wurde Deutscher Fußballmeister, weil der FC Bayern damit beschäftigt war, Felix Magath rauszuwerfen. Man sieht: Es ist lange her, dieses 2007 – doch die Folgen sind bis heute unabsehbar. Denn es war auch das Jahr, in dem die Zukunft begann. Vor zehn Jahren, am 9. November 2007, startete Apple in Deutschland den Verkauf des iPhones – Mutter, Großmutter und Urgroßmutter aller Smartphones.

„Heute schreiben wir Geschichte“, verkündete Steve Jobs, als er im Januar 2007 sein erstes Smartphone vorstellte. Und der Apple-Guru hielt Wort. Oh ja, er schrieb Geschichte. Internethandys gab es zwar schon zuvor. Doch das Smartphone-Zeitalter begann erst mit dem iPhone. Diesem Wunderkästchen zum Telefonieren, Musikhören, Filmschauen, Surfen und Mailen. Das große WhatsAppen, Tindern, Facebooken, Instagrammen und Snapchatten, all das digitale Gewusel und Gebrumm, das heute den Alltag so vieler Menschen prägt – es nahm seinen Anfang an jenem Novemberfreitag in Deutschland, an dem die Zukunft 399 Euro kostete.

Diese Summe (plus teurem Vertrag) verlangte die Telekom als alleiniger Anbieter für das erste iPhone, das technisch noch recht rustikal daherkam. Der Bildschirm war klein und unscharf, es gab kein schnelles mobiles Internet, keine vernünftige Kamera, keine Apps und keine GPS-Navigation.

Im ersten Jahr verkaufte Apple auch deshalb nur 6,1 Millionen iPhones. Die Legende, dass das iPhone die Welt im Sturm eroberte, ist also falsch. Erst mit der zweiten Generation, dem 3G aus dem Jahr 2008, und vor allem mit den günstigeren Handys für Googles Android-Software, begann das Smartphone-Zeitalter endgültig. 2012 wählte das Magazin „Popular Mechanics“ das Internethandy zur wichtigsten technischen Erfindung der Menschheitsgeschichte, vor Fernseher (Platz 3), Computer (5), Telefon (7) und Glühbirne (10).

Über sieben Milliarden Smartphones wurden bisher verkauft – praktisch eines für jeden Menschen auf der Welt. Wie der Alltag vor dieser bahnbrechenden Erfindung aussah, daran erinnern sich vor allem die Älteren. Wir haben mit Fotoapparaten fotografiert, im Elektromarkt Silberscheiben mit Musik gekauft, Landkarten auf- und zugefaltet und notfalls Fremde (!) nach dem Weg gefragt. Wir haben Taxis per Telefon bestellt, Bücher auf echtem Papier gelesen und fürs Wetter in den Himmel geschaut. Wir kannten Telefonnummern auswendig, haben uns in der Disco oder im Büro verliebt. Und unser Essen haben wir einfach nur gegessen, ohne es zuvor zu fotografieren.

Wichtiger Einschub: Natürlich ist das Smartphone eine hervorragende und überaus praktische Erfindung. Es gibt jetzt Fahrkarten per App, ohne nach Münzen kramen zu müssen. Fußball läuft auch unterwegs auf dem kleinen Bildschirm. Die Tochter oder der Sohn in den USA sind per Videotelefonat nur ein, zwei Klicks entfernt. Eine App sperrt das Leihfahrrad oder das Mietauto auf, das nur eine Ecke entfernt wartet. In Australien läuft „Heute im Stadion“ auf Bayern 1 live in bester Tonqualität. Und das ist nur ein Promille all der Möglichkeiten, die so ein Smartphone bietet. 2,4 Millionen Apps gibt es allein fürs iPhone und seinen großen Bruder, das iPad.

Dass das Smartphone eine so hervorragende Erfindung ist, aber zugleich auch eine so schreckliche, liegt wie bei so vielen brillanten Ideen an uns, den Nutzern. Denn wir mögen es partout nicht mehr aus der Hand legen, dieses weltverändernde Wunderdings, nach dem wir längst süchtig sind. 80 Prozent der Paare in Deutschland, so eine Umfrage, sind auch im Bett online. Ein Wunder, dass die Vermehrung noch einigermaßen funktioniert. 57 Prozent der deutschen Smartphone-Besitzer schauen in der ersten halben Stunde nach dem Aufwachen reflexartig auf ihr Handy.

Die Folge: Der moderne Mensch hat panische Angst, etwas zu verpassen. Jeder Smartphone-Besitzer schaut im Durchschnitt 88 Mal am Tag auf sein Handy. Gerne übrigens auch am Autosteuer, was mittlerweile für mehr Unfälle sorgt als Alkohol oder Raserei. Denn viele lassen sich auch vom Bußgeld nicht abschrecken, das gerade auf 100 Euro erhöht wurde. Und die Smartphone-Zombies (Fachbegriff „Smombies“, Jugendwort des Jahres 2015), die mit stierem Blick aufs Display durch die Städte geistern, laufen Gefahr, einfach über den Haufen gefahren zu werden.

In Augsburg und anderen Städten gibt es schon Bodenampeln, um manchen „Smombie“ vor dem Exitus zu bewahren. Die Münchner Wirtschaftspsychologie-Professorin Sarah Diefenbach erklärt das unentwegte Starren auf den unwiderstehlichen kleinen Bildschirm so: „Viele glauben, sie könnten gleichzeitig in zwei Welten sein. Aber das geht nicht, unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt.“

Nicht nur Diefenbach, Autorin eines Buches über „Digitale Depression“, staunt darüber, welche Ungezogenheiten sich im Smartphone-Zeitalter breitgemacht haben. Sich am Tisch gegenüberzusitzen, das Smartphone vor der Nase, gehört längst zum Alltag. „Eine Zeitschrift würde man auch nicht mitten im Gespräch auf Augenhöhe hochhalten“, wundert sich die Professorin.

In Konzerten wird heute oft mehr fotografiert und gefilmt, als das Konzert anzuschauen, zu hören und zu genießen. Wir nehmen unermüdlich Selfies auf, um jeden noch so banalen Moment für die Ewigkeit festzuhalten – wobei die eitlen Bildchen dann doch nur im digitalen Archiv verstauben. Das Smartphone hat für sonderbare neue Phänomene gesorgt. Es gibt jetzt die „Nomophobie“ – so bezeichnen Wissenschaftler die Furcht, plötzlich ohne Handy oder mit leerem Akku dazustehen. Es gibt Leute, die rufen in ihrer Not panisch die 110 an, wenn WhatsApp ausfällt. In solchen Krisenmomenten scheint das Ende der Zivilisation bevorzustehen. Oder, wie ein Twitter-Nutzer beim jüngsten WhatsApp-Ausfall spottete: „In der U-Bahn sitzen viele Menschen mit erschrockenen Gesichtern und schütteln verzweifelt ihr Smartphone.“

Eine der kuriosesten Entwicklungen des iPhone-Zeitalters ist die Tatsache, dass mit Mobiltelefonen immer weniger telefoniert wird. „Alle Studien zeigen, dass das Telefon kaum noch genutzt wird“, sagt der Mannheimer Digital-Professor Gerald Lembke. Über alle Altersgruppen hinweg telefonieren die Deutschen heute nur noch acht Minuten pro Tag. Und bei den Jugendlichen bis 17 Jahren ist die Nutzung des Telefons zum Telefonieren so gering, dass sie sich statistisch kaum noch erfassen lässt.

Denn Telefonieren ist anstrengend und erfordert, auf jeden Satz des Gesprächspartners immer sofort eine Antwort geben zu müssen. Kurze Häppchen per WhatsApp oder iMessage sind bequemer, unverbindlicher, zeitgemäßer. Klassische SMS sind ebenfalls veraltet, weil das kostenlose WhatsApp in Deutschland mittlerweile 37 Millionen Nutzer hat. Eine unglaubliche Zahl. Wobei: „Kostenlos“ im eigentlichen Sinne ist auch WhatsApp nicht – denn es kostet die Nutzer ihre Privatsphäre und ihre persönlichen Daten, die sie mit großem Eifer und Enthusiasmus an den neugierigen Mutterkonzern Facebook weiterreichen.

Womit wir beim nächsten Absurdum sind: Die Deutschen sind immer besorgter um ihre Privatsphäre (behaupten sie zumindest) – und nutzen doch immer noch fleißiger WhatsApp, Facebook und Google. Es macht uns offenbar tatsächlich verrückt, dieses Smartphone, dem wir verfallen sind.

Wo führt das alles hin, wie sieht die smarte Welt von morgen aus? Im Wissenschaftsmagazin „Science“ gehen Forscher davon aus, dass sich unsere Gehirne langsam an die Nutzung von Google oder Wikipedia anpassen. „Das Smartphone wird zur Erweiterung unseres Gedächtnisses. Wir merken uns immer weniger. Dafür wird es immer wichtiger, zu wissen, wo wir eine Information finden, wenn wir sie brauchen.“ Sprich: Wir müssen den Erlkönig nicht mehr auswendig lernen – müssen aber wissen, mit welcher App wir den ollen Goethe am schnellsten finden. „Es gibt keine Ausreden mehr für Dummheit“, glaubt der US-Poet Henry Rollins. Wobei: Dass uns das Smartphone schlauer macht, ist nach den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre stark anzuzweifeln.

Übrigens: Das Smartphone der Zukunft wird gar kein Smartphone mehr sein – sondern womöglich eine schlaue Kontaktlinse, die all die Technik enthält, für die es heute noch ein iPhone braucht. Wer sich diese Smartlinse einsetzt, sieht die Welt endgültig durch die Augen von Google, Facebook und Apple. Schöne Aussichten, schlimme Aussichten? Im Moment fällt es gottlob noch leichter, den wichtigsten Ratschlag in Sachen Smartphone zu befolgen. Experten empfehlen „Digital Detox“, die digitale Entgiftung. Was nichts anderes bedeutet als: Einfach mal abschalten, das schrecklich schöne Ding!

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