Der Arbeitsplatz als Psychofalle – im Interview erklärt Dr. Oliver Schwarz, warum die moderne digitale Arbeitswelt immer mehr Menschen seelische Probleme bereitet. Der renommierte Psychiater und Psychotherapeut ist Chefarzt der Klinik im Alpenpark in Bad Wiessee.
Auch vor 30, 40 Jahren mussten viele Menschen schon hart arbeiten. Wieso fühlen sich heutzutage immer mehr Arbeitnehmer heillos überfordert?
Weil sich die Arbeitsweise und insbesondere die Anforderungen an den Arbeitsalltag verändert haben. Wir müssen heutzutage mehr unterschiedliche Aufgaben in kurzer Zeit erledigen und schneller reagieren als früher.
Warum ist das so?
Diese Entwicklung ist dem digitalen Zeitalter geschuldet. Es beschleunigt unser Arbeitsleben massiv. Nehmen Sie die Kommunikation. Früher hat man einen Brief verschickt, der war dann schon mal zwei, drei Tage unterwegs, bis er beim Empfänger auf dem Schreibtisch lag. Heute kann man binnen Sekunden eine Mail an den direkten Ansprechpartner versenden – und erwartet entsprechend schnell eine Antwort. Ein Manager in einem international ausgerichteten Unternehmen muss heute praktisch an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang online sein. Und auch von normalen Mitarbeitern wird oft Erreichbarkeit über die Bürozeiten hinaus verlangt. Das gab es früher in diesem Ausmaß nicht. Heute wird von Arbeitgeberseite oft erwartet, dass man im roten Bereich arbeitet.
Was kann man als Arbeitnehmer tun, um die Belastung im grünen oder zumindest im gelben Bereich zu halten?
Genau hier liegt ein größeres Problem. Man muss zuallererst die eigene Belastungsgrenze wahrnehmen – und es nötigenfalls lernen. Denn die meisten Arbeitnehmer realisieren ihre Belastungsgrenze erst dann, wenn sie bereits überschritten ist.
Wie sollte man dann reagieren?
Es ist wichtig, dem Chef beziehungsweise Arbeitgeber auch mal freundlich, aber bestimmt die rote Karte zu zeigen. Sprich zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter! Man sollte den Mut aufbringen, sich auch mal gegen den Gruppenzwang zu stellen – zum Beispiel gegen die ständige Erreichbarkeit per Mail. Kein Mensch muss immer erreichbar sein. Das gehört auch zu einer gewissen Selbstfürsorge – und die ist wichtig für die seelische Gesundheit.
Interview: Andreas Beez