„Ich habe gelernt, mich abzugrenzen und früher ,Stopp’ zu sagen“

von Redaktion

Eine Betroffene aus München erzählt von ihren Erfahrungen mit der Krankheit Depression – und wie sie den Weg zurück ins Leben fand

München – Als die Depression mit Macht in ihr Leben drang, stand Karolina De Valerio gerade am Beginn ihres Berufslebens. 30 Jahre war sie damals alt. Sie hatte gerade das Lehramts-Studium und die Doktorarbeit abgeschlossen. Als Referendarin machte sie nun ihre ersten Erfahrungen an einer Schule – und nutzte ihre Freizeit, um für die Doktorprüfung zu lernen.

„Ich habe Tag und Nacht gearbeitet“, erzählt die heute 55-Jährige, die in München lebt. Nach einer Woche wurde ihr damals alles zu viel. „Ich bin komplett zusammengebrochen“, erinnert sie sich. Eine Ärztin stellte einen „Nervenzusammenbruch“ fest. Dass sie an „Depressionen“ leidet – das erfuhr Karolina De Valerio erst später.

Zunächst versuchte sie, selbst zurück ins Leben zu finden – unterstützt von ihrem Mann, der ihr sogar beim Anziehen und Waschen helfen musste. Denn sie selbst fühlte sich absolut handlungsunfähig, „wie versteinert“ und zugleich unter großem Druck. Sie war völlig verzweifelt – und ohne Hoffnung, dass es ihr eines Tages wieder besser gehen könnte. Der Blick in die Zukunft machte ihr nur noch mehr Angst. Selbst der Gedanke, später auch „nur“ die Arbeit an einer Supermarktkasse schaffen zu können, schien ihr unvorstellbar.

In einer Tagesklinik erfuhr sie, dass sie an Depressionen leidet. Es folgten Therapien, Medikamente. Die Wende kam spät, kurz bevor man ihr zu einer stationären Therapie riet. Plötzlich ging es aufwärts, wenn auch langsam. In kleinen Schritten fand sie zurück ins Leben. An die Schule kehrte sie allerdings nicht mehr zurück. „Ich hatte nicht mehr den Mut, das noch mal zu probieren“, sagt sie. Sie arbeitete stattdessen an einem Nachhilfeinstitut, wo sie sich sehr wohlfühlt.

Heute steht die 55-Jährige fest im Leben. Den Doktor hat sie damals geschafft – trotz ihrer Erkrankung. Auch die letzte depressive Phase liegt inzwischen schon rund 15 Jahre zurück. Und mit jedem Jahr wächst die Sicherheit, dass es auch ihre letzte Erfahrung mit den Depressionen war.

Karolina De Valerio tut aber auch viel dafür – und zwar weit mehr, als nur regelmäßig ihre Medikamente einzunehmen. Sie weiß, dass sie mehr als andere auf sich achten muss. Das heißt aber nicht, dass sie weniger leistungsfähig wäre als diese. Doch: Auf einen „intensiven, vollen Tag“ müsse eben auch eine Phase der Ruhe folgen. Das weiß sie und darauf achtet sie. „Ich habe gelernt, mich abzugrenzen und deutlich früher ,Stopp‘ zu sagen“, sagt sie.

Diese Wachsamkeit helfe ihr in schwierigen Situationen. Auch die habe es natürlich immer wieder gegeben. Doch Karolina De Valerio hat ihren Platz gefunden. „Früher habe ich oft getan, was andere von mir wollten“, sagt sie. „Heute mache ich eine Arbeit, die mir Sinn gibt und die ich selbst gewählt habe.“ Sie ist als Genesungsbegleiterin beim „Münchner Bündnis gegen Depression“ tätig (www.muenchen-depression.de). Dort hilft sie anderen Betroffenen, die nun von ihren Erfahrungen profitieren. andrea Eppner

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