Seehofer

von Redaktion

Berlin – Obwohl mit stattlicher Größe ausgestattet, ist ausgerechnet Horst Seehofer bei den Sondierungsgesprächen im Haus der Parlamentarischen Gesellschaft kaum zu sehen. Während die Kanzlerin, die Grünen oder FDP-Chef Lindner gern den Haupteingang wählen und noch ein paar Sätze in die Mikros sprechen, huschen der bayerische Ministerpräsident und die zehn anderen Mitglieder des CSU-Verhandlungsteams meist ungesehen in das Sondierungslokal. Dabei strauchelte Seehofer gestern morgen, Generalsekretär Andreas Scheuer, der knapp hinter ihm lief, fing den Sturz ab. „Das wäre ein Bild gewesen: Seehofer in Berlin gestürzt“, spottete einer aus dem Unterhändlerteam.

Beobachtern der sich seit fast vier Wochen hinziehenden Sondierungsgespräche fällt am CSU-Chef vor allem auf, dass er sein glucksendes Lachen offenbar verlernt hat. Dabei hatte der Ingolstädter bei früheren wichtigen Anlässen immer einen bedeutungsschweren Satz auf Lager, dem er mit einem Lacher die Schärfe nahm. Seehofer war sich seiner Sache eigentlich immer sicher, egal, ob er im Zuge der Föderalismusreform dem Bund mehr Geld für die Länder abtrotzte oder einen Nachschlag für die Flüchtlingsversorgung herausholte. Er wusste sich durchzusetzen.

Doch diese Sicherheit, dieses weiß-blaue Selbstbewusstsein, wirkt derzeit brüchig. Kein Wunder, wenn daheim sein „Lebenswerk“ infrage gestellt wird. Dabei hatte der CSU-Chef vor Beginn der schwarz-gelb-grünen Gespräche durchaus Überraschungen parat. Dass er einen Tag vor Beginn der Runden abends plötzlich in der Parteizentrale der Grünen in Berlins Mitte auftauchte, war solch ein Coup. Göring-Eckardt und Özdemir zeigten sich überrascht über den „Anstandsbesuch“, als habe der künftige Schwiegervater seine Aufwartung gemacht.

In den Sondierungsgesprächen, so bescheinigen es Teilnehmer, sei Seehofer auch tief in der Nacht bis in die Details hinein im Bilde und vertrete die CSU-Positionen freundlich, aber knallhart. „Er ist ganz klar der Spielführer der CSU“, sagt ein Teilnehmer. Doch wenn die Sondierungen hakten, und das war eigentlich ständig der Fall, war von Seehofer nichts zu hören. Attacken überließ er seinen Herolden Scheuer und Dobrindt. Die polterten über „Mondforderungen“ der Grünen, die „jenseits von Gut und Böse“ seien. Seehofer gab in einem seiner seltenen Statements eher den Guten. Die Gespräche seien „gemischt“ verlaufen. Manches sei gut, manches problematisch.

Und dann nahm Seehofer tatsächlich eine Anleihe bei der Kanzlerin und erklärte: „Ich glaube, wir schaffen das!“ Er wolle sich nach dem Ende der Sondierungen ein, zwei Tage Bedenkzeit nehmen und dann über seine politische Zukunft entscheiden. Seehofer macht in Berlin den Eindruck, dass er den Kampf in der CSU noch nicht aufgegeben hat. Reinhard Zweigler

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