Berlin – Es gibt viele Dinge, die man im Halbschlaf machen kann: Chips knabbern, seiner Katze den Nacken kraulen. Das Schmieden einer neuen Regierungskoalition gehört nicht unbedingt dazu – würde man meinen. Doch die Spitzen von CDU, CSU, FDP und Grünen haben genau das versucht. In Verhandlungsmarathons bis vier Uhr früh suchten sie nach Möglichkeiten einer Zusammenarbeit. Übermüdet und mit tiefen Augenringen wollten sie Verantwortung für 82 Millionen Menschen übernehmen. Diesmal ging der Versuch schief – mit Ansage, sagen Wissenschaftler.
Schlafforscher warnen schon lange davor, wichtige Beratungen bis in die frühen Morgenstunden zu dehnen. „Die Nacht ist kein Zeitpunkt für sachliche Entscheidungen. Wer nicht genug schläft, kann Probleme schlechter lösen. Emotionen spielen dann eine größere Rolle“, sagt Jürgen Zulley, ehemaliger Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Universität Regensburg.
Auch sein Kollege Steffen Gais von der Uni Tübingen sagt: „Jetzt ist genau das eingetroffen, was die Schlafforschung vorhersagt. Die Teilnehmer der Sondierungsgespräche sind voll auf Risiko gegangen, sie haben sich dabei immer weniger vertraut und die Stimmung ist eingebrochen.“ Schlafentzug führe nicht nur zu Konzentrationsmangel und gesteigerter Risikobereitschaft, sondern auch zu Argwohn und Streitlust.
Von Schlafentzug sprechen die Forscher bereits dann, wenn ein Mensch über den Zeitpunkt hinaus wach ist, zu dem er normalerweise ins Bett geht. „Wir haben einen biologischen Rhythmus, der konstant weiterläuft. Da hilft auch kein Vorschlafen“, sagt Zulley. Zwar gebe es Menschen, die ihre Aktivität erst in den späten Abendstunden entfalteten – in der Chronobiologie als „Eulen“ bezeichnet. Doch tief in der Nacht seien auch sie überfordert: „Um etwa drei Uhr früh kommen alle Menschen in ein Leistungs- und Stimmungstief. Deshalb passieren die meisten Arbeitsfehler in Nachtschichten.“
Zwar lässt sich nachweisen, dass durch Schlafentzug die Kompromissbereitschaft steigt, und dies könnte leicht als Vorteil des Wachbleibens gewertet werden. Doch Zulley warnt: „Was bringen Kompromisse, wenn gleichzeitig die Qualität der getroffenen Entscheidungen sinkt?“ Gais sagt: „Bei Schlafentzug setzt man mehr aufs Spiel, man überschätzt die Gewinnmöglichkeiten und hat weniger Vertrauen in seine Mitmenschen.“ Angesichts dieser Erkenntnisse hätten die Verhandler gut daran getan, sich mehr Erholung zu gönnen. Am Ende, so sagte FDP-Parteichef Lindner, habe die „Vertrauensbasis“ für ein Bündnis gefehlt. Dass er damit ein Standardphänomen der Schlafforschung anspricht, dürfte er nicht gewusst haben. Janne Kieselbach