Doha – Der Umschlag, mit dem alles begann, schlummert unscheinbar in einem Glaskästchen im 14. Stock des Al Bidda Towers von Doha. Das futuristische Bauwerk schiebt sich auf 42 Etagen in den blauen, wolkenlosen Himmel, da schrumpfen Dimensionen, vieles wird relativ. Aber es ist schon eigenartig, was so ein kleines Papier alles anrichten kann.
Über der Minivitrine, die so schwach ausgeleuchtet ist, als würde sich das WM-Organisationskomitee von Katar für das Ausstellungsstück schämen, hängt ein Monitor, der in seinen Maßen eher dem für den Golfstaat typischen Gigantismus entspricht. Ein Video in Endlosschleife zeigt jubelnde Menschen, in Massen im zentralen Souq Waqif und bei Autokorsos in ihren Jeeps auf der Corniche, der Prachtstraße der Hauptstadt. An diesem 2. Dezember 2010, als der damalige FIFA-Chef Sepp Blatter den Umschlag öffnete, der dem Emirat die WM 2022 bescherte, stand das Land einen ganzen Tag lang still. Dann entlud sich die Spannung. Es war früher Abend, Katar feierte die ganze Nacht.
Nur feierte keiner mit.
Sieben Jahre ist es her, seit sich Katar damals im dritten Wahlgang mit 14:8 Stimmen gegen die USA durchgesetzt hat. Der Golfstaat arbeitet unverdrossen auf ein Turnier hin, das mehr zu versanden droht als eine ausgetrocknete Oase in der Wüste. Die Kritik wegen der Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen ebbt zwar allmählich ab, doch aktuell steht der Fußballweltverband FIFA bei einem Prozess in New York am Pranger. Am zweiten Verhandlungstag fiel bereits der Name Katar. Korruptionsvorwürfe. Das Emirat schleppt sich schon jetzt mit Handicaps der WM entgegen. Damit nicht genug, haben die Nachbarstaaten Emir Scheich Tamim bin Hamad Al-Thani im Juni auch noch die Rote Karte gezeigt.
Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jemen, Libyen, die Malediven und Mauritius verhängten ein Embargo. Flug- und Schifffahrtsverkehr wurden gestoppt, die Grenzen sind dicht. Der offizielle Grund dafür lautet, dass Katar Terroristen unterstützt. Wie so oft in dieser Region ist auch in diesem Fall die Wahrheit ein Beduinenzelt, das in der Wüste zugeweht wird. Schwer, sich durchzugraben.
Selbst das Auswärtige Amt bleibt vage, lässt sich zu der Sache nur mit einer allgemeinen Notiz zitieren. Man betrachte „mit Sorge“, dass sich in dem anhaltenden Konflikt keine Lösung abzeichnet. „Je länger die Krise um Katar andauert, desto schärfer werden die Konfliktlinien und schwerer erscheint eine Rückkehr zum Status quo ante“, so die Behörde. Man hoffe, „dass es so bald wie möglich direkte Gespräche aller Beteiligten gibt“. Entsprechende Appelle übermittle man auch regelmäßig allen Parteien, denn: „An einer weiteren Eskalation kann niemand ein Interesse haben.“ Kuwait tritt als Vermittler auf, dieser Mediator habe „unsere volle und nachdrückliche Unterstützung“.
Hassan Al-Thawadi begrüßt seine Gäste im Al Bidda Tower 20 Stockwerke über der Ausstellung, in der der WM-Umschlag sein schwach erhelltes Zeitzeugnis gibt. Der 39-Jährige schloss sein Jurastudium an der Uni von Sheffield ab, sein Englisch ist perfekt, sein Spanisch auch. Er wird als OK-Chef nicht müde, für das Großprojekt zu kämpfen, am liebsten täte er das in jeder Sprache dieser Welt. Al-Thawadi führt ein Leben zwischen Vorwürfen und Visionen, stellvertretend für sein ganzes Land. Neulich war er heiser, als müsste er seine Beteuerungen von ganz oben aus dem Al Bidda in die Welt rufen. Dabei spricht der geschulte Rhetoriker stets leise, dezidiert. Al-Thawadi fährt auch so starke und routinierte Konter, in alle Richtungen.
Der Prozess gerade in New York mache keine Sorgen, es gäbe in der Zeugenaussage einen wichtigen Punkt: Dass für die Anschuldigungen, Katar habe mindestens drei Millionen Euro Bestechungsgelder für die WM gezahlt, keine Beweise vorliegen. Al-Thawadi verweist auf den „Garcia-Report“, bei dem die Ermittler der FIFA-Ethikkommission alle Vorgänge überprüft haben. „Wenn Sie das im Detail lesen, werden Sie realisieren, dass wir in unserer Sicht bestätigt wurden, eine saubere Bewerbung zu sein.“ Da lässt sich nicht viel entgegnen. Außer, dass man der FIFA schon lange nicht mehr traut.
Die Vorwürfe wegen der Zustände auf den WM-Baustellen pariert der OK-Chef längst nicht mehr nur gekonnt. Sondern auch glaubhaft. Man arbeite permanent an Verbesserungen, sagt er, aber sicher könne man noch mehr tun. Jedes Land, im Übrigen. Al-Thawadi ist gut auf alle Gesprächspartner vorbereitet. In Deutschland sei die Situation der Gastarbeiter aus Polen und Rumänien gewiss auch zu optimieren, oder nicht? Touché. Tatsache ist, dass Katars WM-Baustellen Fortschritt attestiert wird.
Erst vor zwei Wochen lobte die internationale Arbeitsorganisation ILO der Vereinten Nationen die Einführung von Krankenvorsorge und Mindestlöhnen, sie sprach von einer „ermutigenden Entwicklung“, einem Durchbruch: „Wir feiern den Moment für Katar und seine zwei Millionen Arbeiter.“ Ihre Ermittlungen stellte die Behörde ein.
Schritte wie die Abschaffung des „Kafala-Systems“, bei dem die Arbeiter wie Leibeigene der Firmen behandelt wurden, würden auch auf die restlichen Baustellen im Land übertragen, versichert Katar. Die deutsche Regierung, seit Jahren eng mit dem Wüstenemirat verbunden, behilft sich in der Frage aber auch wieder mit einem allgemeinen Kommuniqué. Katar habe „mittlerweile einen entschlossenen Reformkurs wegen der Rechte der ausländischen Gastarbeiter eingeschlagen, darunter eine Reform des Aufenthaltsgesetzes“, heißt es auf Nachfrage. Dies sei ausdrücklich zu begrüßen. „Wenn Katar diesen Reformweg weiter entschieden fortsetzt, kann es in diesem Bereich zum regionalen Vorbild werden.“ Hassan Al-Thawadi nickt da eifrig. Genau das bewirke ja die WM und sei das Ziel: Katar bewegt sich, und damit entsteht ein Ruck für die gesamte Region. Auch in diesem Kontext sind die komplizierten Beziehungen der Golfstaaten zu sehen. Es geht um mehr als nur eine Fußball-WM, sagt Al-Thawadi. Nicht alle Nachbarn begrüßen Reformen nach westlichen Leitmotiven.
Seit dem Boykott ziert das Konterfei des Emir in beachtlicher Größe etliche Wolkenkratzer des Wüstenemirats, das Bild klebt auch auf Autoscheiben, aus Solidarität. Für den Alltag blieb das Embargo folgenlos. Nur zwei Prozent der Importe kamen aus den Boykottländern, die Türkei, der traditionelle Partner Iran und Kuwait sprangen ein. Die Geschäftsleute kommen aber nicht so zahlreich wie üblich. Hotelzimmer sind drastisch günstiger, und in dem Kulturviertel „Katara“ sieht man die Köchinnen der Kioske auf der Mauer der Strandpromenade sitzen, wie sie ihre Crepes, ihre Pommes und ihr Eis selber verputzen. Ist ja keiner da.
„Katara“ soll bei der WM ein Treffpunkt für Fans werden. Im „Sukar Pasha“, einem köstlichen Türken, läuft auf zwölf Riesenbildschirmen bereits jetzt Fußball, nonstop. Katar will sich zwischen Europa und Asien, mitten in der arabischen Welt, als völkerverbindende Brücke präsentieren. Die FIFA verspricht: „Und selbstverständlich werden die Fans aus der ganzen Welt nach dem faszinierenden Erlebnis der arabischen Gastfreundlichkeit Katar mit einem völlig neuen Verständnis für den Nahen Osten verlassen.“ Wenn man die Oase „Katara“ derzeit besucht, es ist auch nachts um diese Jahreszeit Kurzhosenwetter, ist man versucht, sich vom Slogan der Organisatoren mitreißen zu lassen: „Der Gedanke eines Traumes wird Realität.“
Mit wie viel Akribie die WM vorangetrieben wird, erschließt sich nicht zuletzt beim Besuch einer Baustelle. Das Stadion „Al Wakrah“ soll im nächsten November fertig sein, seit zwei Jahren sind 3000 Arbeiter Tag und Nacht im Einsatz. Katar plant die Arenen umsichtig; man will keine „weißen Elefanten“, wie man die nach den Turnieren ungenützten Schüsseln in Afrika und Brasilien nennt. Die oberste Tribüne des „Al Wakrah“ wird mit Abpfiff des Turniers abmontiert. Wie bei einigen anderen Arenen verschifft man die Bauteile dann für Projekte in Drittweltländer. Gespart wird an nichts; jede der bisher acht Arenen zeichnet ein Design aus 1001 Nacht aus. „Al Wakrah“ ist einer „Dhau“ nachempfunden, einem typischen Segelschiff der arabischen Halbinsel.
Eine Stunde Fahrt ist es aus dem Zentrum Dohas nach Al Wakrah, sämtliche Stadien stehen in einem Umkreis von 50 Kilometern. Katar ist in etwa so groß wie Hessen, bis zur WM werden Metrolinien als zuverlässige Zubringer fertig sein. Noch ist der Eingang, durch den die Spieler 2022 den Rasen betreten werden, mit Holzpaletten, losen Haufen von Betonblöcken, Ziegeln und Schutt verdeckt. Aber auch hier spürt man, wie eine Vision Gestalt annimmt.
Am Ende der WM-Ausstellung im Al Bidda Tower läuft ein zehn Minuten langes Video. Hochmodern werden die Pläne des Emirats illustriert. Schlusssatz: „Die WM wird das Land verändern – und am Ende die Welt.“ Ein großer Gedanke. Der sicher nicht in einen kleinen Umschlag passt.