Kim Wünschmann ist Historikerin und Koordinatorin zwischen dem Lehrstuhl für Zeitgeschichte der LMU München und dem Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte. Historiker bauen auf die Berichte von Zeitzeugen.
Frau Wünschmann, wie bekannt sind die Schwestern Mazzetti bei Historikern?
Der Fall hat in der Szene für Aufsehen gesorgt. Ich habe mir den Trailer zum Film angesehen, sehr bewegend. Ihre Erinnerung liegt 70 Jahre zurück, aber wirkt heute noch traumatisch. Ich habe großen Respekt, dass sie sich dem stellen.
Sind Zeitzeugen ein Glücksfall für die historische Aufarbeitung?
Auf jeden Fall. Zeitzeugenberichte sind unerlässliche Quellen, gerade für die Aufarbeitung der NS-Geschichte nicht wegzudenken. Heute arbeiten Historiker mit diesen Quellen – aber das Verhältnis zwischen Historikern und Zeitzeugen war nicht immer einfach. Gerade Berichte von Verfolgten wurden oft als unzuverlässige Quellen angesehen.
Was war das Problem?
Die Fragen nach individuellem Leid waren zunächst nicht so sehr von Interesse, man hat sich mehr auf die Akten der Täter fokussiert. Dabei müssen auch die Akten quellenkritisch betrachtet werden. Teilweise wurden darin Ermordungen als natürliche Tode verschleiert. Erst im Laufe der Achtziger- und Neunzigerjahre hat man Berichte von Zeitzeugen schätzen gelernt. Für manche historische Ereignisse haben wir gar keine anderen Quellen.
Nach und nach sterben diese Quellen aber aus.
Man hat zum Glück relativ früh angefangen, Interviews mit Zeitzeugen aufzuzeichnen. Die Shoah Foundation von Steven Spielberg hat über 50 000 Zeitzeugen interviewt. Das erlaubt uns, diese Zeugnisse auf Dauer zu sichern – auch wenn persönliche Begegnungen etwas ganz Besonderes sind.
Welche Erfahrungen haben Sie bei solchen Begegnungen gemacht?
Ich habe mit Holocaust-Überlebenden und mit Kindern von Überlebenden gesprochen. Das sind sehr besondere Momente, das motiviert für die eigene Arbeit. Historiker gehen immer aus subjektiven Motiven an ihre Arbeit heran.
Was ist Ihr Motiv?
Mit 18 Jahren habe ich in Israel in einer ländlichen Siedlung mit Überlebenden des Holocaust gearbeitet. Die Gespräche haben mich geprägt.
Interview: Sebastian Raviol