Garmisch-Partenkirchen – Im Erdgeschoss sieht man, dass schon Winter und bald Weihnachten ist. Schlitten, Zipfelbobs, Geschenkideen. Für jeden Geschmack etwas. Eine Treppe höher wird alles verkauft, was das Kinderherz begehrt. Puppenküchen, Kinderwagen, Lego, Plüschtiere, Technik, aber auch Zubehör für Modelleisenbahnen. Ein Service für Junggebliebene, die wie Ministerpräsident Horst Seehofer eine Anlage im Keller stehen haben. „Wir sind ein Vollsortimenter in Sachen Spielzeug, der einzige zwischen Innsbruck und München“, sagt Max Zitzmann, 58. Hier bedient der Chef noch selbst. Doch der schöne Schein trügt.
Im Reich der Kinderträume herrscht gedrückte Stimmung. Die Unsicherheit zehrt an Zitzmann. Denn für ihn geht es gerade um alles – oder nichts. Man kann es auch so sagen: Max Zitzmann kämpft um seine Existenz. Und das seit mehr als zwei Jahren. Der Geschäftsmann hat Verantwortung – für seine Familie, seine Mitarbeiter und sein Lebenswerk, das Zitzmann Spielzeugland am Richard-Strauss-Platz von Garmisch-Partenkirchen.
Das Gebäude, das der Gemeinde gehört, ist begehrt. Neben Zitzmann residiert die Touristen-Information. Und es ist geplant, dass die beengt arbeitenden Touristiker in ferner Zukunft, wenn das Kongresshaus umgebaut wird, in den Zitzmann-Räumen ein neues Domizil finden. „Es macht Sinn, die Tourismus-Verwaltung unter einem Dach zu haben“, sagt Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer (SPD). „Wir müssen doch in der Lage sein, uns zu entwickeln.“ Deswegen hat der Markt Eigenbedarf angemeldet – Zitzmann soll ausziehen. Der Mietvertrag endet am 31. Dezember 2017. Dann ist das Traditionshaus, das seit 70 Jahren besteht, Geschichte.
Außer in der Marktgemeinde passiert ein kleines vorweihnachtliches Wunder. Die, die das Wunder, wenn es passiert, möglich gemacht hat, heißt Amanda Stork, 36. Eine kleine, quirlige Person, voll Leidenschaft für ihren Arbeitsplatz. Sie arbeitet als Verkäuferin in dem Spielzeugladen – und sie hat ein Bürgerbegehren initiiert, das in einen Bürgerentscheid mündete. Am 17. Dezember sollen die wahlberechtigten Garmisch-Partenkirchner darüber bestimmen, ob das Zitzmann Spielzeugland für die mindestens nächsten vier Jahre, so lange wäre der Mietvertrag, dort bleiben kann, wo es ist und immer war. Amanda Stork hat etwas geschafft, das es in Bayern noch nie gab. Ein Bürgerentscheid, der einen Spielzeugladen retten soll. „Wir sind ein Präzedenzfall“, sagt sie.
Eigentlich ist Amanda Stork neu in dem Geschäft. Andere sind schon viel länger dabei. Manche bereits 30 oder gar 40 Jahre. Sie haben ihr gesamtes Berufsleben bei Spielzeugland Zitzmann in dem rot-braunen Funktionsbau verbracht, der so gar nicht zu dem Jodelstil passt, der in Garmisch-Partenkirchen weitverbreitet ist. „Für die Mitarbeiter lohnt es sich zu kämpfen“, sagt Stork. Vor fünf Jahren verdiente sie ihr Geld noch in einem Fotoladen in Mittenwald, jetzt verkauft sie Spielzeug und bringt Kinderaugen zum Leuchten. „Wenn ich das sehe, bin ich glücklich.“
Und man erhält Gelegenheit, einen Promi wie Jörg Pilawa zu bedienen. Der TV-Moderator kommt immer wieder einmal nach Garmisch-Partenkirchen, wenn sich seine Tochter als Patientin in der Kinder-Rheumaklinik aufhält. Und dann zieht es ihn ins Spielzeugland Zitzmann. Geschenke besorgen für das kranke Kind. Pilawa hatte sich auch im Februar 2016 in die Unterschriftenlisten eingetragen. Er war einer von über 2300, die sich dafür einsetzten, dass der Laden weiter in dem Haus fortbestehen kann. „Das hat damals keinen interessiert“, sagt Stork, „vor allem unsere Bürgermeisterin nicht.“
Das Desinteresse stachelte Storks Kampfgeist nur noch mehr an. Sie holte sich juristischen Rat bei Ulrich Rommelfanger, Spezialist für Verwaltungsrecht, einst Bürgermeister von Kornwestheim und ehemaliger thüringischer Verfassungsrichter. Und Stork hatte Erfolg, weil Rommelfanger den richtigen Vorschlag machte. „Er hat mir den Tipp für das Bürgerbegehren gegeben“, sagt Stork.
In der Marktgemeinde ist der Laden längst Ortsgespräch. Die Fronten sind maximal verhärtet. „Die vernichten uns“, sagt Zitzmann. „Unsere Familie, unser Geschäft, alles wird vernichtet.“ Mit „die“ bezeichnet der Einzelhändler, der in zweiter Generation Spielwaren verkauft – mit Sohn Markus steht der Nachfolger bereit –, die Verwaltung des Rathauses mit der Bürgermeisterin an der Spitze und Teile der Kommunalpolitik.
Zweimal erklärte der Gemeinderat das Bürgerbegehren für unzulässig. Erst als das Bayerische Verwaltungsgericht München in einem Urteil die Kommunalpolitiker zur Zustimmung verdonnerte, schwenkten sie um. Man beuge sich dem Druck, erklärte Florian Hilleprandt, Fraktionsvorsitzender des Christlich Sozialen Bündnisses (CSB). Dessen Gruppierung fordert die Bürger jetzt per Anzeige auf, zur Wahl zu gehen und mit „Nein“ zu stimmen. Hilleprandt wird auch nicht müde, in fast jeder Gemeinderatssitzung, die Zitzmann zum Thema hat, zu erzählen, dieser zahle „eine subventionierte Miete“. Eine Aussage , die der Ladenbesitzer die „Unwahrheit und eine Unverschämtheit“ nennt.
Dass sich für Zitzmann in der Politik kaum eine Hand rührt, hat vor allem mit seinem Verhalten zu tun, das nicht gerade von diplomatischem Geschick geprägt ist. Er überzog die Bürgermeisterin mit Rechtsaufsichtsbeschwerden, schaltete eine halbe Anzeigenseite im Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt unter der Überschrift „Die alternativen Fakten des Rathauses im Fall Zitzmann“, um auf seine Situation aufmerksam zu machen. Und sorgte für verbrannte Erde im Verhältnis zur Gemeinde. Damit, sagte Meierhofer, sei eine rote Linie überschritten worden. Selbst das Landratsamt sah sich zu einer Reaktion veranlasst, da er einen Bescheid falsch und in seinem Sinne auslegte. Wie groß sein Rückhalt in der Bevölkerung ist, lässt sich schwer beziffern. Die, die nah dran an den Stammtischen in Garmisch und Partenkirchen sind, sagen, die Stimmung sei nicht gerade pro Zitzmann.
Um die Immobilie in Bestlage wird schon lange gerungen. Bevor der Markt das Haus für sich und seine Zwecke entdeckte, hatte ein Investor ein Auge darauf geworfen. Das ist zumindest die Vermutung von Zitzmann, die die Bürgermeisterin, damit konfrontiert, mit einem Schulterzucken quittiert. „Ich kann dazu nichts sagen.“ Sie bestätigt aber, dass es einen weiteren Bewerber neben Zitzmann gebe, dessen Anfrage „derzeit ruht“. Die Miete, die der Markt erzielen könne, sagt Meierhofer, liege „deutlich höher“ als das, was Zitzmann bezahle.
Kämpfen will Zitzmann, um sein Geschäft – 2014 hat er eine Filiale in Starnberg eröffnet – und für seine Angestellten. Seit mehr als drei Jahren leben die in der permanenten Angst, bald auf der Straße zu stehen. Max Zitzmann musste ihnen schon zweimal kündigen. 17 Mitarbeiter, für die eigentlich am 31. Dezember Ende gewesen wäre, hoffen jetzt wieder. „Optimistisch bin ich nicht, Zuversicht habe ich schon“, sagt Stork. Ihr Engagement hat „Nerven gekostet und ist an die Substanz gegangen“. Auch weil sie in den Sozialen Medien Hohn und Spott erfahren hat. „Ich wurde als die Verrückte vom Richard-Strauss-Platz bezeichnet“, erzählt sie. Und als Zitzmanns Marionette, die sich vor seinen Wagen spannen lasse. Aber sie hat auch Zuspruch erfahren. Von Geschäftsleuten, bei denen die Unterschriftenlisten auslagen.
Zum Dank erhielten die von ihr einen kleinen Teddybären, der ein Schild mit der Aufschrift „Vergelt’s Gott“ um den Hals trägt. Der Teddy ist begehrt. „Ich habe noch einmal 20 nachbestellt“, sagt Stork. „Die Nachfrage ist groß. Jetzt muss es nur noch mit dem Bürgerentscheid klappen. Dann können wir ein schönes Weihnachtsfest feiern.“