Berlin – Für die Vornamensgebung sind die USA das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dort können Kinder Vornamen erhalten wie „Sommerfreude“ (Summer Joy), „Sonntagsrose“ (Sunday Rose), „Fluss“ (River), ja sogar „Gott“ (God). Allerdings mit Spätfolgen. Ein „God Gazarov“ musste als Erwachsener die Erfahrung machen, dass er keinen Kredit bekam: Der Computer der Bank verweigerte nach der Namenseingabe eine Auskunft über die Bonität des Kunden. „Gott“ ist nicht kreditfähig, zumindest als Vorname.
Die 709 Abgeordneten des 19. Bundestags müssen nicht befürchten, dass ihr Vorname ein Alarmsignal bei einem Bankcomputer auslöst: Kein „Adolf“ oder „Osama“ ist unter ihnen, keine „Miracle“. Man findet zwar einzelne exquisite Namen wie „Tabea“ (von hebräisch tabja „Gazelle“) oder „Tankred“ (von germanisch dank „denken“ und rad „Rat“), aber die meisten der insgesamt 322 verschiedenen Erst- oder Rufnamen der Abgeordneten fallen nicht auf. Es sind Namen, die abgesehen von den ausländischen allgemeine Tendenzen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegeln, vor allem den Trend zur Individualisierung.
Seit den 50ern ist die Vornamensgebung in Deutschland kaum mehr durch die Tradition der „Nachbenennung“ bestimmt, bei der das Kind den Namen des Vaters oder der Mutter erhält, des Taufpaten, eines Verwandten, speziellen Heiligen oder des Herrschers. Vor hundert Jahren, 1915, genügten in München fünf Namen, um rund 30 Prozent der Neugeborenen zu benennen: Jedes dritte Mädchen bekam damals den Namen Maria, Anna, Elisabeth, Therese oder Katharina; jeder dritte Bub wurde ein Johann/Hans, Josef, Karl, Franz oder Wilhelm.
Heute ist diese „Namenskonzentration“ zwar viel schwächer, aber durchaus noch vorhanden, auch im Parlament: Ein Viertel aller Abgeordneten des Jahres 2017 teilen sich zehn männliche beziehungsweise weibliche Vornamen, und 1949 im 1. Bundestag kam noch ein Drittel der 382 Männer mit zehn verschiedenen Vornamen aus. Vergleicht man die Liste der zehn häufigsten männlichen Vornamen von 1949 und 2017, zeigt sich keinerlei Übereinstimmung.
Auch die geschichtliche Herkunft der beliebtesten männlichen Vornamen hat sich zwischen 1949 und 2017 völlig verändert. 1949 sind nur drei biblisch-christliche Namen unter den ersten zehn: Hans (Kurzform von Johannes), Josef und Franz; der Rest ist (west)germanisch-deutsch. Die Spitzenreiter von 2017 sind antiker Herkunft (Alexander) oder christlich, darunter auf Platz 6 der katholische Heiligenname Martin, der zwölfmal im Bundestag vorkommt – allerdings nicht bei Grünen und Linken.
Dass 2017 die germanisch-deutschen oder „altdeutschen“ Vornamen unter den Spitzenreitern fehlen, entspricht einem Trend seit den 60ern, diese Namen zu meiden. Typisch für die germanisch-deutschen Namen ist, dass sie aus zwei Wortstämmen bestehen: Wil-helm (von will „Wille“ und helm „Helm, Schutz“), Diet-lind (diet „Volk“ und lind „sanft, mild“). Bei Kurzformen geht diese Struktur verloren: Bernd (Bern-hard), Hilde (Hilde-gard), Ralf (Rad-ulf).
Ein Viertel der Abgeordneten des neuen Bundestags sind in den 40er- und 50er-Jahren geboren, drei Viertel 1960 bis 1992. Bei diesem Altersaufbau wäre zu erwarten, dass germanisch-deutsche Vornamen nur mäßig vorkommen. Tatsächlich fehlen diese Namen aber nur unter den zehn häufigsten. Ansonsten sind sie durchaus verbreitet, jedoch nur bei männlichen Abgeordneten, wo insgesamt fast 30 Prozent einen altdeutschen Erstvornamen (einschließlich Kurzformen) haben: von Albert, Albrecht, Ansgar über Manfred, Norbert bis zu Wilfried, Wilhelm und Wolfgang. Dieser erstaunlich hohe Anteil lässt sich nur dadurch erklären, dass zahlreiche jüngere Abgeordnete aus einem Elternhaus mit konservativer Vornamensgebung stammen.
Bei den Frauen spielt die altdeutsche Namensschicht kaum eine Rolle: Dietlind, Heidrun, Hilde, Mechthild, Ulrike (zweimal) – gerade einmal sechs Abgeordnete, weniger als drei Prozent der Parlamentarierinnen, tragen einen germanisch-deutschen Vornamen. Die Abneigung gegen solche Namen seit den 60ern schlägt hier voll durch. Hinzu kommt, dass sie geschichtlich gesehen nur bei Jungen dominierten, nie bei Mädchen (auch nicht in der NS-Zeit). Ihr harter, konsonantischer Klang entspricht nicht der herrschenden Vorstellung von der weichen Melodie weiblicher Vornamen: Ein Name wie Mechthild hat zwei Vokale und sechs Konsonanten und ist wenig sangbar; Ma-ri-a oder Ma-nu-e-la hingegen sind volltönend.
Die Vornamensgebung ist für Mädchen differenzierter: Auf 100 Mädchen entfallen mehr verschiedene Vornamen als auf 100 Jungen. Dieser Unterschied zeigt sich auch bei den Abgeordneten: Bei den Männern hat ein Erstvorname durchschnittlich 2,5 Träger (1949 sogar 4,0), bei den Frauen nur 1,7. Umgekehrt kommen die zehn beliebtesten Vornamen bei den Frauen weniger häufig vor als bei Männern. Die weiblichen Spitzenreiter gehören durchweg zu den Top 10 der Geburtenjahrgänge 1965 bis 1985: Drei (Claudia, Katharina, Nicole) waren sogar einige Jahre lang Nummer eins.
Bei den Männern ergibt sich ein ähnliches Bild: Thomas führte fast die gesamten 60er-Jahre die Rangliste der Babynamen an und lief dann um 1985 aus – ebenso wie Michael und Christian, die um 1970 die Szene beherrschten. Am längsten dauert die Namenskarriere von Alexander. Sie begann 1967 und reicht bis heute: 2016 stand Alexander auf Platz 2 (nach Elias).
Die Abgeordneten des Bundestags 2017 gehören sechs politischen Parteien an, die jeweils eine Fraktion bilden: AfD, CDU/CSU, FDP, Grüne, Linke, SPD. Gibt es parteispezifische Vornamen? Nein, Vornamen sind im Deutschen kein politisches Abzeichen. Bei den Abgeordneten fällt zwar auf, dass die beiden Friedrich zu AfD und Grünen gehören, die bayrischen Klassiker Josef und Maria ausgerechnet bei der CSU nicht (mehr) vorkommen oder der einzige Sepp (Müller, CDU) aus dem Wahlkreis Dessau-Wittenberg (Sachsen-Anhalt) stammt. Aber das sind zufällige Ergebnisse. Grundsätzlich könnte jeder Name bei jeder Fraktion auftreten.
Nicht zufällig sind dagegen die Vornamensstrukturen. Hier weichen AfD und Grüne bei den weiblichen beziehungsweise männlichen Vornamen von den anderen Parteien ab. Die zehn AfD-Frauen haben zur Hälfte seltene, ja literarische Vornamen: Alice, Beatrix, Corinna, Mariana, Verena. Von den 28 Männern der Grünen tragen nur sechs (21 Prozent) einen der zehn häufigsten Vornamen. Der gemeinsame Nenner der weiblichen AfD- und männlichen Grünen-Vornamen ist die „Distinktion“: Ihre Vornamen sind „gewählter“ als im Durchschnitt.
Der starke Anteil germanisch-deutscher Vornamen im Bundestag geht übrigens nicht auf die AfD zurück. Die Verteilung ist über alle Fraktionen gleichmäßig. Ebenfalls in allen Fraktionen kommen „ausländische“ Vornamen vor: polnisch Agniesca „Agnes“ (Koseform), arabisch Amira „Prinzessin“, niederländisch Kees „Cornelius“ (Kurzform), türkisch Aydal oder Cem. Es handelt sich um fremdsprachige Namen, die aber – im Unterschied zu Lehnnamen wie französisch René und Nicole oder schwedisch Sven und Karin – (noch) nicht unter Deutschen üblich sind. Diese Namen verraten eine binationale Biografie ihres Trägers: Er kam in jungen Jahren nach Deutschland, stammt aus einer binationalen Familie oder wurde als Kind ausländischer Eltern hier geboren. Insgesamt tragen 28 Abgeordnete (4 Prozent), die Mehrzahl Linke und Grüne, einen ausländischen Erstvornamen.
Die Zahl würde sich erhöhen, wenn man auch Zweitvornamen berücksichtigt: So hat der oberbayerische CSU-Abgeordnete Alexander Radwan als Sohn eines Ägypters und einer Deutschen einen zweiten, arabischen Vornamen: Gamal „Schönheit“.
Nach der Bundestagswahl führten CDU/CSU, FDP und Grüne „Sondierungsgespräche“ über ein Regierungsbündnis („Jamaika“), die scheiterten. Namenkundlich überrascht das nicht; denn die Abgeordneten der drei Fraktionen haben nur zehn gemeinsame Vornamen, jeweils fünf bei den Frauen (Bettina, Daniela, Katharina, Katja, Katrin) und bei den Männern (Markus, Matthias, Oliver, Stefan, Wolfgang). Die übrigen Vornamen kommen bei zwei der Partner vor oder – wie „Angela“ – bei einem.
„Angela“ ist die weibliche Entsprechung zu lateinisch angelus „Engel“ und erstmals 1343 in Deutschland belegt. Eine große Karriere hat der Name nie gemacht, in München kam er 1891 bis 1991, also im Lauf eines Jahrhunderts, auf Platz 65. Im letzten Jahrzehnt wurde „Angela“ in Deutschland nur selten vergeben – aber immer noch häufiger als der Mädchenname „Jamaika“, der bis jetzt überhaupt nicht gewählt wurde.
Wie stehen die Chancen für eine „Große Koalition“? Gut. Die 399 Abgeordneten von CDU/CSU und SPD haben 35 gemeinsame Vornamen mit insgesamt 160 Namensträgern. „Angela“ wäre übrigens auch hier allein, es gibt aber bei der SPD eine namensverwandte „Angelika“ (die Engelsgleiche).