München – Bewegungsunfähig sitzt sie an ihrem Computer, Sarah Bopp kann sich nicht rühren. Sie starrt nur auf den Bildschirm. Drei Stunden lang. Als sie es endlich schafft, sich aufzuraffen, zu sagen: „Mir geht’s nicht gut, ich geh’ jetzt“, da ist ihr der Tod näher als das Leben. Sarah Bopp hat schwere Depressionen, und als sie damals, vor zehn Jahren, zum ersten Mal in eine Klinik geht, hängt die Verzweiflung schon lange über ihr. „Man ist zwar, aber man lebt nicht“, sagt sie heute. „Dann könnte man auch einfach gar nicht leben.“ Zwei Mal versucht sie, sich umzubringen. Heute geht es ihr besser. Denn zu ihr kommt eine Soziotherapeutin – ein Glück, das psychisch Kranke in Deutschland nur selten haben.
„Sie tritt mir halt in den Arsch, und das brauch ich auch“, sagt Sarah Bopp über Claudia Coen, ihre Soziotherapeutin. Die einzige freiberufliche in München, die sich diese Arbeit noch antut. Obwohl sie schon 65 Jahre alt ist und eigentlich in Rente. Aber sie traut sich nicht, ganz in Ruhestand zu gehen. Sonst besucht niemand mehr ihre vielen Patienten in ihren Wohnungen und hilft. Briefe zu öffnen, nicht alles liegen zu lassen, aus dem Haus zu gehen, zu Terminen beim Psychiater oder Ergotherapeuten. Leben zu können. Dinge, die Sarah Bopp, 49 Jahre alt, sehr schwer fallen.
Ihre Mutter erkrankt an Schizophrenie, da ist Sarah Bopp noch ein Kind. Plötzlich muss sie aufhören, Kind zu sein. Aber die Krankheit ihrer Mutter ist in der Familie ein Tabu, und Sarah Bopp bleibt allein damit. Mit den Erfahrungen und den Irritationen, die die Schizophrenie der Mutter mit sich bringt. „Mein Vater konnte das auch nicht auffangen, und ich war immer mehr so die dritte Erwachsene in der Familie“, sagt Sarah Bopp. Später studiert sie Germanistik und Sozialpsychologie, Worte und Menschen, aber für sich selbst hat sie lange keine Worte.
Sie verbringt Jahre damit, im Job zu funktionieren, in einem Verlag, aber irgendwann kann sie nur noch liegen, und es wird immer schlimmer. Bis sie nichts mehr tun kann. Unordnung sammelt sich in der Wohnung, die Hoffnungslosigkeit wächst. Die Aussicht, dass etwas davon weniger wird, schwindet und der Job ist weg. Der nächste Klinikaufenthalt rückt näher.
Wie viele Patienten mit schweren psychischen Krankheiten wie Depressionen, bipolarer Störung oder Schizophrenie steckte Sarah Bopp lange fest in diesem Kreislauf. Der Bedarf an ambulanter Betreuung für psychisch Kranke ist groß. Doch selbstständige Soziotherapeuten stecken selbst in Schwierigkeiten. „Ich muss nicht leben von dieser Arbeit, aber jeder andere müsste“, sagt Claudia Coen. Sie weiß von einigen Kollegen, die krank geworden seien, durch den Druck, sich mit dem Beruf finanzieren zu müssen.
Die Krankenkassen übernehmen zwar die Kosten. Die Vergütungen aber sind so niedrig und die Anforderungen für die Zulassung so hoch, dass sich kaum jemand an diesen Beruf heranwagt, klagt der bundesweit tätige Berufsverband der Soziotherapeuten. Psychiater und neuerdings auch Psychotherapeuten können Fachkräfte wie Claudia Coen verordnen. „Doch wer soll die Verordnungen ausführen?“, fragt Verbandschef Hansgeorg Ließem. Früher arbeiteten rund 400 Soziotherapeuten in Bayern, heute sind es 13, in Schleswig-Holstein zum Beispiel listet der Verband nur zwei Kollegen. Es herrsche Notstand in vielen Regionen, sagt Ließem. „Die Situation ist so katastrophal, dass man sie kaum für möglich hält.“ Um die psychiatrischen Patienten in der ganzen Republik angemessen ambulant zu versorgen, brauche es keine Gesetzesänderung. „Es braucht allein den Willen der Krankenkassen, die Gesetze anzuwenden.“
Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen GKV äußert sich dazu nicht, verhandelt werde auf Länderebene. Die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern (ARGE) hält die aktuelle Vergütung für ausreichend und spielt den Ball zurück. Wären die Vergütungssätze nicht angemessen oder betriebswirtschaftlich ohne Deckung der anfallenden Kosten, wäre auch keine Einigung in den Verhandlungen zustande gekommen, wie ein Sprecher schreibt. Freiberufler allerdings waren zu den bisherigen Verhandlungen in Bayern gar nicht erst zugelassen. Das erkämpfte Ließem erst kürzlich. Die Vertragspartner der Kassen sind die Wohlfahrtsverbände.
Etwa ein Viertel aller Soziotherapeuten in Deutschland ist freiberuflich tätig, der Rest ist angestellt bei den Sozialpsychiatrischen Diensten, getragen von den Wohlfahrtsverbänden. Doch die Dienste haben ihr soziotherapeutisches Angebot zurückgefahren, weil es sich auch für sie nicht lohnt – im Gegensatz zu Sozialhilfeleistungen wie betreutes Einzelwohnen. Das funktioniert ähnlich wie Soziotherapie. Nur: Was über die Sozialhilfe läuft, hat Nachteile für die Patienten.
Denn sie müssen nachweisen, dass sie arm genug sind. Sonst müssen sie die Betreuung selbst bezahlen. Oder ihre Verwandten. Und dafür ihr Vermögen offenlegen, das eigene und das von Angehörigen. Das belaste auch die Beziehungen, und allein das halte viele davon ab, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sagt Ließem. Wer will schon Geld von der Familie nehmen müssen dafür, und gerade für psychisch Kranke ist es eine große Hürde, darum zu bitten. Und manchmal sind die Verwandten Teil des Problems.
Bei Studenten zum Beispiel, die psychisch erkranken, Prüfungsschwierigkeiten bekommen und deren Eltern dann sagen, komm, reiß dich zusammen. Deshalb wären für die Patienten gerade selbstständige Soziotherapeuten oft der einzige Weg, nicht wieder in einer Klinik zu landen. Wenn die Kasse bezahlt, spielt das Vermögen keine Rolle.
Außerdem dürfen sich Soziotherapeuten – anders als Betreuer der Eingliederungshilfe – mit den Fachärzten der Patienten austauschen, sie sind in die Behandlung eingebunden. Der Arzt kann das abrechnen. Solche Gespräche aber – die Fahrzeit und die Vorbereitung auf Termine gehören eben auch zur Arbeit der Freiberufler – werden nicht bezahlt. In Bayern bekommen Soziotherapeuten derzeit eine Kilometerpauschale und pro Einsatz 46,34 Euro. Aber nicht, wenn ein Patient absagt.
Bei Patienten wie Sarah Bopp kommt das schon mal vor. „Wenn die unpässlich sind“, sagt Claudia Coen. Sie stigmatisiert ihre Patienten nicht. Wenn sie ihre Anträge schreibt, muss sie ja begründen, warum diese Menschen dringend ihre Hilfe brauchen. „Aber der Mensch ist ja nicht nur Patient“, sagt sie. „Zu 99 Prozent merkt man gar keinen Unterschied.“ Hat ja auch jeder seine Macken, der eine von uns allen weniger, der andere mehr, und von außen ist auch nicht immer zu sehen, ob jemand seine Umzugskartons nicht auspackt, und zwar über Jahre hinweg nicht. Zwischen den Kisten weiterlebt und jeden Tag trifft ihn die Aufgabe, die da herumsteht, wie ein K.o.-Schlag.
Ihr Berufsverband verlangt 65 Euro und eine neue Zulassungsvereinbarung. Wer als Soziotherapeut arbeiten will, muss viel nachweisen. Zu viel, sagen Ließem und auch die Wohlfahrtsverbände. Zum Beispiel ein Jahr Erfahrung im psychiatrischen Krankenhaus – obwohl die Arbeit dort nicht vorbereitet auf das, was auf die Soziotherapeuten in den Wohnungen ihrer Patienten zukommt.
Claudia Coen muss sich manchmal den Weg von der Eingangstür zur Küche bahnen. Manchmal findet sie in der ganzen Wohnung keinen Platz zum Sitzen. Für jeden ihrer Patienten ist ein anderer Berg unüberwindlich. Für Sarah Bopp war es die Ablage. Claudia Coen ordnete mit ihr die eingegangenen Briefe, brachte den Balkon auf Vordermann, und als ihr Vater starb, sortierten sie zusammen seine Kleidung aus. Wenn bald die Stunden mit Coen um sind, die Sarah Bopp verordnet bekommen hat, muss sie wieder alleine klarkommen. Aber in der Zeit mit ihrer Soziotherapeutin hat sie wieder Arbeit gefunden. Sie kann wieder etwas tun.