4 Fragen aN

„Ihre Arbeit ist einzigartig“

von Redaktion

Bettina Eckhardt (56) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und hat eine Praxis in München. Sie schätzt die Soziotherapie, obwohl sie manchmal dadurch mehr Arbeit hat.

Wie groß ist der Bedarf an Soziotherapie?

Er ist auf jeden Fall groß. Es wäre gut, wenn es mehr frei tätige Soziotherapeuten wie Frau Coen gäbe. Ich würde gerne mehr Patienten vermitteln und könnte sie dann auch früher auf die Option ansprechen. Aber ich habe immer im Kopf, dass es nur Frau Coen gibt in München. Deshalb zögere ich immer etwas.

Was ist das Besondere an freien Soziotherapeuten?

Ihre Arbeit ist einzigartig, sie können individueller arbeiten und bedarfsorientierter als solche, die einen Arbeitgeber haben. Außerdem gibt es größere Vorbehalte bei Menschen, die schwer psychisch krank sind, Soziotherapie über die Sozialhilfe zu nutzen. Dafür müssten im Notfall auch Verwandte finanziell einspringen. Aber diese Patienten haben oft ohnehin das Gefühl, dass sie ihrer Familie psychisch zur Last fallen und wollen das nicht zusätzlich auch noch finanziell tun.

Taugt Soziotherapie aus Ihrer Erfahrung etwas?

Ich empfinde es als sehr bereichernd, sowohl für den Patienten als auch für mich. Ich erlebe meine Patienten ja nur in der Praxis, aber die Soziotherapeutin kann bei ihnen zu Hause schauen, was sie brauchen. Ich kann von der Praxis aus nicht steuern, dass sie eine Tagesstruktur bekommen oder motiviert werden. Aber dieser Baustein ist mindestens genauso wichtig wie Medikamente und Psychotherapie. Die Dreier-Gespräche mit den Patienten und der Soziotherapeutin sind zwar etwas zeitaufwändiger. Aber ich lerne die Patienten auch besser kennen – und kann so bessere Entscheidungen treffen.

Ein offizieller Bericht zur Soziotherapie zeigte, dass viele Ihrer Kollegen von Soziotherapie nichts wissen und deshalb viele Patienten nicht davon profitieren können. Wie kann das sein?

Ich denke, dass den jüngeren Kollegen das schon ein Begriff ist. Jeder Psychiater muss im Krankenhaus gearbeitet haben und kann dort der Soziotherapie eigentlich nicht entkommen. Aber sie wurde erst 2000 eingeführt. Deshalb sind Ältere ihr vielleicht nicht begegnet. Außerdem muss man, um sie verordnen zu können, eine Genehmigung haben. Das ist kein großer Aufwand, aber man darf sie auch nicht vergessen.

Interview: Sophie Rohrmeier

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