Oberstdorf/Garmisch-Partenkirchen – Pünktlich zum Start der 66. Vierschanzentournee zeigte der Winter in Oberstdorf sein unerbittliches Gesicht. Seit Mittwochnachmittag schneit es unaufhörlich im Allgäu. So intensiv auch die Schneefräsen ihre Runden drehen, die Marktgemeinde versinkt immer tiefer im Weiß. Beschweren will sich darüber niemand. Im Gegenteil, die strahlende Winterlandschaft kommt den Machern der Tournee gerade Recht.
Man will sich bestens präsentieren. Gerade in diesem Jahr, in dem das wichtigste Turnier der Springerwelt noch ein wenig stärker im Fokus stehen dürfte als zuletzt. Mit Richard Freitag und dem Neu-Münchner Andreas Wellinger schickt der Deutsche Skiverband die beiden derzeit besten Skispringer der Welt ins Rennen. So gut standen die Aktien für den Co-Gastgeber der Vierschanzentournee seit den Tagen von Martin Schmitt und Sven Hannawald nicht mehr. Turnierchef Michael Maurer, ein Beamter aus Garmisch-Partenkirchen, reibt sich entsprechende zufrieden die Hände: „Das ist eine tolle Sache für uns.“
Die ersten Auswirkungen bekommt man vor Ort schon zu spüren. Der erste Wettbewerbstag am Samstag in Oberstdorf ist schon seit Tagen ausverkauft. Inklusive der heutigen Qualifikation wechselten insgesamt 40 000 Tickets den Besitzer. „Das hatten wir noch nie“, schwärmt Peter Kruijer, Chef des gastgebenden Skiclubs Oberstdorf.
Auch in Garmisch-Partenkirchen dürfte es ähnlich kommen. Wenn dem deutschen Team in Oberstdorf ein entsprechend vielversprechender Auftakt gelingt. Die Macher können auf kurzentschlossene Touristen setzen, die rund 10 000 Gästebetten in der Gemeinde sind zum Jahreswechsel traditionell weitgehend ausgebucht. „Wir haben wahrscheinlich noch rund 2000 Karten an der Tageskasse“, sagt Michael Maurer, als Präsident des SC Partenkirchen auch der Chef der zweiten Tourneestation. „Wenn es in Oberstdorf gut läuft, dann sind die weg.“ Klar ist allerdings: Anders als in den dürren deutschen Jahren werden die Abnehmer wohl weitestgehend aus Deutschland kommen. Gerade zwischen 2008 und 2015 war das anders. Seinerzeit stellte Mitgastgeber Österreich siebenmal in Folge den Sieger. „Da haben wir uns mitanschauen müssen, wie in Innsbruck und Bischofshofen alles aus den Nähten geplatzt ist, jetzt dreht es sich wieder um“, sagt Maurer.
Egal, was die nächsten Tage tatsächlich bringen: Der 46-Jährige kann entspannt über die Dinge sprechen. Das Garmisch-Partenkirchner Organisationsteam hat über die Jahre ein System entwickelt, das auch für den größten Ansturm gewappnet ist. Rund 350 Helfer sorgen für den reibungslosen Ablauf an der Olympiaschanze selbst. Der Rest wird über eine enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde, mit Polizei und Feuerwehr geregelt. In diesem Jahr ist den Garmisch-Partenkirchnern eine Parkfläche verloren gegangen. Für sie wurden Ausgleichsplätze am Hauptzubringer Olympiastraße gefunden. Was schon so ziemlich das spektakulärste Thema war, dem sich Maurer und Kollegen in diesem Jahr stellen mussten. „Wir sind gerüstet, weil wir ein System haben, das einfach passt“, sagt das Urgestein. „Viele sagen, dass wir eine Veranstaltung sind, die Maßstäbe setzt.“
Wobei der derzeitige Höhenflug der deutschen Adler eigentlich nur die Spitze einer Entwicklung ist, die vor knapp vier Jahren in Gang gekommen ist. „Der Team-Olympiasieg in Sotschi 2014 war eine Art Türöffner“, sagt Horst Hüttel, der als Sportdirektor in Diensten des Deutschen Skiverbands auch für die Skisprungsparte zuständig ist. Seinerzeit sei bei Geldgebern und Kommunen das Interesse spürbar gewachsen. „Heute ist es so, dass sich Sponsoren melden und Gemeinden Kinderschanzen bauen“, sagt er. Für den Mann, der mit Bundestrainer Werner Schuster als der Architekt des neuen deutschen Springer-Erfolgs gilt, ist das ein essenzieller Punkt. Anders als nach den goldenen Jahren von Martin Schmitt und Sven Hannawald setzen Hüttel und Schuster auf Nachhaltigkeit.
Der Verband beginnt seine Talentakquise im Kindergarten. Das klingt früh, aber das muss so sein. Die Erfolge von Severin Freund und nun Richard Freitag sowie Andreas Wellinger haben den Nachwuchs zwar für den Traum vom Fliegen wieder spürbar empfänglicher gemacht. „Und trotzdem musst du sie abholen“, sagt Hüttel. Glücksfälle wie die Seitenwechsler Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler, die beide von der Nordischen Kombination kamen, sind fast undenkbar.
Für den Weg vom Kindergartenkind zum neuen Freitag haben Horst Hüttel und Schuster in einem Jahrzehnt in der Verantwortung ein System etabliert, in der die Rädchen zunehmend besser ineinander greifen. Andreas Wellinger sagt, der Schmierstoff für diese Räder ist Werner Schuster. „Es ist sicher eine seiner großen Stärken, diese unterschiedlichen Teams zusammenzuführen. Jeder Sportler kann sich in diesem System aufs Wesentliche konzentrieren.“
Michael Maurer hätte nichts dagegen, wenn das System auch in Garmisch-Partenkirchen wieder einmal Früchte tragen würde. Einen „Wellinger-Effekt“ hat der Garmisch-Partenkirchner Klubchef zwar schon registriert. Drei einstige Wegbegleiter des deutschen Stars wurden von dessen Erfolgen zu einer Rückkehr motiviert. Auf einen Athleten im Weltcup allerdings wartet man im Traditionsstandort unter der Zugspitze schon länger. Der letzte, der sich auf der Bühne Tournee kurz präsentieren durfte, war Felix Schoft. In der Saison 2008/09, dem Premierenjahr von Werner Schuster beim Deutschen Skiverband, durfte er sogar alle vier Stationen mitmachen. Was in der Gesamtwertung heraussprang war allerdings überschaubar: Schoft wurde letztlich Fünfundzwanzigster.