München – Monatelang wurde diskutiert über sexuelle Belästigungen von Männern an Frauen, über Ferkeleien in Film und Fernsehen, über das Ober-Ferkel Harvey Weinstein, über den Begriff #MeToo, der zum allerschärfsten Schwert der Frauenbewegungen wurde. Millionen von Frauen haben im Namen dieses Begriffs über Erniedrigungen gesprochen und über enthemmte Männlichkeit im Beruf, im Privatleben und in der S-Bahn. „Mir ist es auch so ergangen“ – das war die ohrenbetäubende Botschaft der Gedemütigten, die um die Welt ging.
Doch jetzt gibt es eine Gegenbewegung, die Wellen schlägt. Die Gegenbewegung, das ist das Überraschende – sie ist weiblich. 100 Frauen haben gestern in der französischen Zeitung „Le Monde“ einen Gastbeitrag veröffentlicht, in dem sie den Verlauf der #MeToo-Debatte scharf kritisieren. Prominenteste Unterzeichnerin des offenen Briefs ist die französische Film-Ikone Catherine Deneuve, 74. Zusammen mit ihren Mitstreiterinnen – darunter Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen – schreibt sie: „Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt, und eine Galanterie auch keine chauvinistische Aggression.“
Die Frauen warnen vor einem „Klima einer totalitären Gesellschaft“ (siehe Kasten). Für sie ist die aktuelle #MeToo-Debatte eine „Denunziations-Kampagne“ gegen Männer, die nur Moralaposteln und religiösen Extremisten in die Hände spiele. Die Veröffentlichung von Männernamen führe dazu, dass viele auf eine Stufe mit Sexualstraftätern gestellt würden.
Es sind Sätze, die Sprengkraft haben. Die #MeToo-Debatte um Sexismus und sexuelle Übergriffe war ins Rollen gekommen, als im Oktober Vorwürfe gegen Hollywood-Mogul Weinstein bekannt wurden. Gerade rollt die Debatte mit aller Macht nach Deutschland. Im „Zeit-Magazin“ haben zuletzt mehrere Schauspielerinnen schwere Vorwürfe gegen Regisseur Dieter Wedel, 75, erhoben, die bis hin zum erzwungenen Sex reichten. Der Regisseur („Der große Bellheim“) widersprach den Anschuldigungen zu gewalttätigen und sexuellen Übergriffen in den 1990er-Jahren bei Privat-Castings in Hotelzimmern per eidesstattlicher Erklärung. Seitdem kocht das Thema auch hierzulande hoch. Die Münchner Schauspielerin Jutta Speidel, 63, sprang Dieter Wedel in einem SZ-Interview beiseite. „Racheakte 20 Jahre später, wie jetzt bei Dieter Wedel, finde ich auch grenzwertig“, sagte sie. Und weiter: „Bei einer Vergewaltigung ist die Sache klar, da muss ich sofort zur Polizei. Aber wenn ich vom Arbeitgeber belästigt oder angetatscht werde, da kann ich doch gehen und das Gegenüber anbrüllen.“
Kabarettistin Lisa Fitz, 66, sagte im Interview mit unserer Zeitung gerade erst: „Das ganze Buhei hat auch viel mit der verkümmerten oder sagen wir, bei Weitem nicht voll und frei entfalteten Sexualität der Frau zu tun. Mädels ziehen sich an, als würden sie gern zehn Kerle auf einmal bedienen und sagen dann: ,Nee, sorry, Anfassen is’ nich.‘ Ich muss doch wissen, was ich mit meinem Outfit auslöse, und vor allem, was ich auslösen will.“
Die Frontlinien drehen sich plötzlich: Frauen attackieren Frauen. In Frankreich hat der Brief von Deneuve und Co. jedenfalls innerhalb von Stunden einen Sturm der Entrüstung entfacht. Die frühere Ministerin und Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal, 64, bezeichnete es auf Twitter als „schade, dass unsere große Catherine Deneuve sich diesem bestürzenden Text anschließt“.
Die französische Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, erklärte, sie kenne keinen einzigen Mann, der abgesetzt worden sei, weil er ein Knie berührt habe. Es ist eine Retourkutsche. Im Brief der 100 Französinnen heißt es: „Männer wurden zum Rücktritt gezwungen, obwohl ihr einziges Vergehen darin bestand, ein Knie berührt zu haben, versucht zu haben, einen Kuss zu ergattern.“
In Frankreich hat die Bewegung gegen sexuelle Belästigungen einen eigenen Kampfnamen: balance ton porc – „verpfeif dein Schwein“. Feministinnen werfen den 100 Unterstützerinnen des Zeitungsbeitrags vor, bewusst die Grenzen zwischen Verführung und Übergriffen zu verwischen und „die Millionen von Frauen zu verachten, die Gewalt erleiden“. Die französische Aktivistin Caroline De Haas, 37, sagte: „Dieser Gastbeitrag ist ein bisschen der lästige Kollege oder der anstrengende Onkel, der nicht versteht, was gerade passiert.“ Fortsetzung folgt. Garantiert. Diese Debatte ist noch längst nicht vorbei. mit dpa