60 Jahre Dorfhelferinnen

Die Frauen für alle Fälle und Ställe

von Redaktion

Von Magdalena Höcherl

Bad Aibling – Mit ihren Kolleginnen steht Anna Baumann, 21, in Gummistiefeln und Kettenschürze in dem weiß gefliesten Schlachtraum. Das ist jetzt ungefähr eineinhalb Jahre her, aber diesen Moment wird sie ihr Leben lang nicht vergessen. Als die Tür aufgeht, kommt ihr Ausbilder rein. Unter dem linken Arm trägt er ein weißes Mastgockerl. Mit der rechten Hand streichelt er das Tier, das sich neugierig umschaut. Dann geht es schnell: Er nimmt einen Stock, schlägt dem Gockerl auf den Hinterkopf und steckt es kopfüber in einen Trichter. Dann schneidet er ihm mit einem kleinen Messer die Halsschlagader durch. „So schlachtet man ein Gockerl“, sagt der Ausbilder. „Und jetzt seid ihr dran.“

Ein paar der jungen Kolleginnen schreien hysterisch, so erzählt es die angehende Dorfhelferin, und rennen aus dem Raum. Anna nicht. Sie nimmt ihr Gockerl entgegen. Sie macht es genauso, wie es der Ausbilder gezeigt hat. Als sie den Stock ansetzt, schluckt sie kurz. Ein Hieb, der Trichter, ein Schnitt, fertig.

So hat Anna ihr erstes Gockerl geschlachtet. Die junge Frau mit der braunen Flechtfrisur ist nicht zimperlich. Anders würde sie sich in ihrem zukünftigen Beruf auch schwertun: Anna macht eine Ausbildung zur Dorfhelferin. „Da gibt es natürlich viel schönere Sachen als Gockerl-Schlachten“, sagt sie. „Aber das gehört dazu.“ Ihre Großtante Barbara Baumann nickt. Sie sitzt neben ihr am Esstisch und sagt: „Des is halt so.“

Die 88-Jährige aus Bad Aibling im Kreis Rosenheim weiß, wovon Anna redet. Vor 60 Jahren war sie selbst eine Dorfhelferin – eine der ersten in Bayern. So wie an diesem Tag sitzt die „Tante Betty“, wie ihre Großnichte sie liebevoll nennt, oft auf der Eckbank unter dem Herrgottswinkel in Annas Elternhaus in Mietraching. Die beiden blättern in Baumanns rotem Fotoalbum. Auf einem der vielen Schwarz-Weiß-Bilder steht eine junge Frau mit hochgesteckten Haaren auf der Treppe vor einem Haus in Zorneding im Kreis Ebersberg, umringt von drei Mädchen mit hellen Zöpfen. „Das bin ich mit den Töchtern eines Staatsanwalts“, erzählt Barbara Baumann. „Die erste Familie, bei der ich war.“

Mehr Details verrät die Frau mit den kurzen weißen Haaren nicht. Noch heute nimmt sie die Schweigepflicht ernst. Im Ort sei es zwar meist ein offenes Geheimnis, wenn eine Dorfhelferin in einem Haus ein und aus geht. Aber offiziell wird nicht darüber gesprochen. „Das gehört sich nicht“, betont Barbara Baumann. Diesmal ist es Anna, die nickt. „Wir kommen ins Innerste der Familien“, sagt sie. „Die Verhältnisse sind da oft nicht einfach.“

Trotzdem oder gerade deswegen ist Dorfhelferin Annas Traumberuf – ohne das Zutun ihrer Großtante. „Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass Tante Betty eine war.“ Als Anna 13 war, arbeitete eine Dorfhelferin auf dem Hof ihres Onkels. „Sie hat mit uns Kindern immer Plätzchen gebacken – das hat mir gut gefallen.“

Die Faszination hält an: Anna absolviert momentan ihr erstes Einsatzpraktikum in einer Landwirtschaft im Kreis Rosenheim. Gerufen wurde sie – wie es meist der Fall ist, weil die Mutter krank ist. „Ich bin sozusagen die Ersatz-Mama“, sagt Anna, während sie die Torte, eine Altbayerische, anschneidet. Klar, als Dorfhelferin muss man natürlich mehr können als Kochen und Backen. Neben Hauswirtschaft und Ernährungslehre haben die angehenden Alleskönnerinnen Unterricht in Pädagogik, Gartenbau, Unternehmensgründung und sogar Management.

Barbara Baumann schüttelt den Kopf. „Das war bei uns noch einfacher.“ Nach nur einem Jahr in der Dorfhelferinnen-Schule in Schlehdorf bei Kochel am See hatte sie im Spätherbst 1957 ihren ersten Einsatz. Die Schule hatte der Landvolkpfarrer Emmeran Scharl kurz davor gegründet. „Doch der Einsatz hätte bald nicht funktioniert“, sagt sie. An einem Novembermorgen radelte die damals 28-Jährige die gut 25 Kilometer von Mietraching nach Grafing. Ihr Bruder Vitus begleitete sie. „Da habe ich mich beim Pfarrer vorgestellt, der mich vermitteln sollte.“ Der sagte nur: „Soviel ich weiß, wird des nix.“ Es gab doch keine Stelle für sie in der Gemeinde.

Barbara Baumann war den Tränen nah. Doch ein anderer Pfarrer aus der Gegend setzte sich für sie ein – der aus Zorneding. Ein paar Tage später erhielt sie die Nachricht, dass er sie in seiner Gemeinde braucht. Also stieg sie wieder aufs Rad. „Und zum Glück“, sagt sie, „hat es geklappt.“

Anna schenkt Kaffee nach und fragt, wie viele Familien ihre Tante Betty in den sieben Berufsjahren als Dorfhelferin unterstützt hat, bevor sie Pfarrhaushälterin wurde. „Mei, das kann ich nicht zählen. Aber 30 reichen nicht.“ An ein paar erinnert sie sich gut: zum Beispiel die Staatsanwalt-Familie von dem Foto, die sie sofort ins Herz schloss. Wochenlang fuhr Baumann in ihrem selbst genähten Baumwollkleid und der blauen Schwesternschürze nach Zorneding, um für die Familie zu kochen, zu putzen und mit den Mädchen zu spielen.

Mobil zu sein war damals genauso wichtig wie heute – aber beschwerlicher. Erst war Barbara Baumann mit dem Radl unterwegs, dann mit dem Moped. Bei jedem Wetter: „Einmal kam ich so durchnässt an, dass mir das Wasser aus den Schuhen lief.“ Annas braune Augen werden groß, aber ihre Großtante lacht. „Des war halt so.“ Ohne diese pragmatische Art hätte sie sich wohl überall schwergetan. Feste Arbeitszeiten kannten die Dorfhelferinnen damals nicht. „Manchmal von der Früh um fünf bis spät in die Nacht, zur Not auch am Sonntag – ich half, solange ich gebraucht wurde.“

Seite für Seite blättern die Frauen, die fast 70 Jahre trennen, durch das Album. Die junge Barbara, wie sie an einer Puppe das Wickeln übt, einen Verband anlegt, Teig anrührt – das alles zeigen Fotos. Oder wie ihr der Heimatminister Hundhammer zur bestandenen Prüfung gratuliert. „Mei, wie lange ist das schon her“, sagt Barbara Baumann. In ihrer Stimme schwingt ein bisschen Wehmut mit. „Es war eine schöne Zeit.“

Als Dorfhelferin hat sie viel erlebt, war rund um Ebersberg, Erding und im Landkreis München unterwegs. „Zum Glück hatte ich viele Einsätze ohne Landwirtschaft“, sagt sie. „Denn mit dem Melken habe ich mich schwergetan.“ Dafür fiel ihr die Arbeit mit Kindern umso leichter. „Auf einem Hof wollten sie immer Märchen hören, wenn ich gebügelt habe“, erinnert sie sich. „Hänsel und Gretel habe ich bestimmt 100 Mal erzählt.“

Anna macht die Stallarbeit Spaß. „Aber kleine Kinder sind schon etwas Besonderes.“ Ein Erlebnis hat sie geprägt: Sie stand in der Küche des Bauernhauses und knetete Teig für einen Apfelweinkuchen. „Daneben stand die Kleine in ihrem Hochstuhl und hat mir geholfen.“ Während Anna Äpfel schnitt, klaute das Mädel immer wieder ein Stück und steckte es sich in den Mund. Da fühlte sich Anna zum ersten Mal als Ersatz-Mama.

Obwohl sich in 60 Jahren viel verändert hat – Anna ist mit dem Auto unterwegs, trägt Jeans und hat geregelte Arbeitszeiten –, ist die Arbeit der Dorfhelferinnen im Grunde gleich geblieben. „Wenn ich komme, sind die Menschen in einer schwierigen Situation“, sagt Anna. „Besonders die Kinder, denen die Mama fehlt.“ Deshalb erfüllt sie die Aufgaben der Hausfrau, Mutter und Bäuerin. Und noch mehr: Sie nimmt sich Zeit, hört den Leuten zu. „Eine Tasse Kaffee ist oft wichtiger als geputzte Fenster“, sagt Anna. Sie schaut auf die Uhr im Esszimmer, in einer halben Stunde muss sie wieder in den Stall. Barbara Baumann klappt ihr rotes Album zu und lächelt. Mehr kann sie ihrer Großnichte gar nicht mehr beibringen.

Artikel 5 von 5