Kampf um die Arbeitszeit

28-Stunden-Woche: Traum oder Albtraum?

von Redaktion

Von Stefan Sessler

München – Man kann ja wahnsinnig viel Schlechtes über Zigaretten sagen. Der Gestank, die Krebsgefahr. Aber man muss auch sagen: Die deutsche Zigarettenindustrie hat gigantische Verdienste, was die Arbeitszeitenregelung betrifft – sie hat als erste Branche die 40-Stunden-Woche eingeführt. Eine Riesensache damals. Das war im Jahr 1959, als das deutsche Wirtschaftswunder die Arbeiter 48 Stunden pro Woche in den Fabriken hielt. Und auch der Samstag war selbstverständlich ein Arbeitstag. Heute undenkbar. Der Slogan der Gewerkschaften hieß damals: „Samstags gehört Vati mir.“

Knapp 60 Jahre später planen die Gewerkschaften einen neuen Arbeitszeit-Coup: das Recht auf eine zeitlich befristete 28-Stunden-Woche. Vorreiter ist diesmal die mächtige IG Metall mit ihren rund 3,9 Millionen Beschäftigten in den deutschen Kern-Industriezweigen Metall und Elektro. Land auf, Land ab sind die organisierten Arbeiter mit ihren Trillerpfeifen und den roten Warnstreik-Leibchen unterwegs. Eine kleine Auswahl aus dieser Woche: 6000 Demonstranten am Opel-Stammwerk in Rüsselsheim, 8000 warnstreikende Metaller in Bayern, Streikaufrufe bei MAN Truck & Bus in München, bei Bosch Hausgeräte in Dillingen, bei Siemens in Erlangen oder bei Airbus Helicopters in Donauwörth.

Die IG Metall kämpft für sechs Prozent mehr Gehalt und das Recht, die Wochenarbeitszeit für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren von 35 auf 28 Stunden reduzieren zu können. „Die zweite Warnstreikwelle wird noch stärker, länger und intensiver als die erste“, sagt Bayerns IG-Metall-Bezirkschef Jürgen Wechsler. Eine glasklare Drohung.

28 Wochenstunden, das wäre eine kleine Revolution. Manche Beschäftigte wie Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und Beschäftigte, die zu Hause Angehörige pflegen, sollen sogar einen Lohnausgleich bekommen, wenn sie weniger arbeiten. Für Bertram Brossardt, den Chef des Verbands der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie, sind die Ideen der Gewerkschaft absurd. „Wenn Beschäftigte dafür entschädigt werden, wenn sie ihre Arbeitszeit reduzieren, schafft das in den Betrieben Menschen verschiedener Klassen“, sagte er zuletzt im Interview mit unserer Zeitung. „Sollte jemand seine Wochenarbeitszeit um dreineinhalb oder sieben Stunden reduzieren, bleibt einem Unternehmen nichts anderes übrig, als jemand anderen für diese Zeit einzustellen. Wir würden prekäre Miniarbeitsplätze schaffen, das ist vollkommen widersinnig.“

Auch Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger sagte, der Lohnausgleich sei ungerecht, diskriminierend und rechtswidrig. „Wir haben eine feste Regel: Wer mehr arbeitet, bekommt mehr. Und wer weniger arbeitet, bekommt eben weniger.“ Es werden schon die schlimmsten Szenarien entworfen. Von einem plötzlichen Fachkräftemangel von 200 000 Menschen ist die Rede, wenn die Beschäftigten das Recht erhielten, die Arbeitszeit auf 28 Stunden zu verringern.

Aber die Diskussion ist in der Welt – und die Arbeitgeber könnten schon bald noch mehr Gegenwind bekommen. Und zwar von einer möglichen neuen Regierung. Im Sondierungspapier von Union und SPD steht folgender, weitreichender Passus: „Wir wollen Familien in ihrem Anliegen unterstützen, mehr Zeit füreinander zu haben und die Partnerschaftlichkeit zu stärken. Wir werden dazu Modelle entwickeln, mit denen mehr Spielraum für Familienzeit geschaffen werden kann.“

Das hört sich nicht viel anders als bei der IG Metall an. Im Sondierungspapier wird sogar noch konkretisiert, wer ein „Recht auf befristete Teilzeit“ haben soll. Es soll für Betriebe mit mehr als 45 Mitarbeitern gelten – mit der Einschränkung: Der Arbeitgeber kann eine befristete Teilzeit ablehnen, wenn diese ein Jahr unter- oder fünf Jahre überschreitet. In der vergangenen Legislaturperiode hat sich die Union noch vehement gegen ähnliche Pläne gewehrt, heuer könnte es schnell gehen. Falls die SPD die neuerliche Koalition nicht doch noch platzen lässt.

Die Arbeitszeit ist die eine Seite, die Erreichbarkeit die andere. Auch hier ist die Metall- industrie Vorreiter. Der Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück hat zuletzt gefordert, dass Mailkonten von Mitarbeitern zwischen 19 und 6 Uhr sowie am Wochenende und im Urlaub gesperrt werden sollen. E-Mails, die in dieser Zeit kommen, sollen automatisch an den Absender zurückgeschickt werden. Alles damit der Chef nicht auch in der Freizeit auf seine Mitarbeiter zugreifen kann. „Populismus pur“, heißt es dazu bei Gesamtmetall, völlig unsinnig im Arbeitsalltag. Nun ja, die Zeiten ändern sich. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass jemals über die 28-Stunden-Woche diskutiert wird? Zum Vergleich: Anno 1825 arbeiteten die Deutschen Arbeiter im Schnitt 82 Stunden pro Woche. Selbst die Zigarrenmacher.

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