Nicht eine längere oder ein kürzere Arbeitszeit macht glücklich, sondern eine selbstbestimmte. Das sagt Enzo Weber, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg. Weber muss es wissen, er ist nicht nur Uni-Professor: Am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) analysiert der Ökonom die großen Trends am Arbeitsmarkt.
-In ihren Sondierungen haben die Spitzen von CDU, CSU und SPD ein „Recht auf befristete Teilzeit“ vereinbart. Ist das sinnvoll?
Zumindest geht der Vorschlag in die richtige Richtung. Heute gibt es kaum noch Alleinverdienerhaushalte. Normalerweise arbeiten beide Partner und Väter haben einen deutlich gestiegenen Wunsch, sich an der Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen. Trotz dieses Wunsches gehen die Väter weiterhin Vollzeit arbeiten. Man darf aber eines nicht vergessen: Das Recht auf befristete Teilzeit muss auch wieder von jemandem aufgefangen werden.
-Sie meinen vom Arbeitgeber?
Ja. Die Flexibilität des Arbeitnehmers muss von den Betrieben gewährleistet werden. Das ist nicht ohne Einschränkungen zu haben. Der Gesetzgeber muss aufpassen, wie er das genau macht. Durch eine befristete Teilzeit entstehen Lücken im Arbeitsablauf, die irgendwie wieder gefüllt werden. Damit entsteht die Gefahr, dass die Betriebe am Ende verstärkt auf Minijobs, Befristungen, Leiharbeit oder Überstunden zurückgreifen werden. Und das wäre sicher nicht im Sinne des Erfinders. Die Politik muss aufpassen, dass das Ergebnis am Ende nicht eine stärkere Spaltung des Arbeitsmarkts ist.
-In Deutschland sind fast genauso viele Frauen wie Männer beschäftigt. Im Detail gibt es massive Unterschiede: Frauen arbeiten viel öfter in Teilzeit als Männer.
Wenn man es positiv beurteilen will, lässt sich sagen: Viele Frauen, die heute in Teilzeit arbeiten, waren früher gar nicht am Arbeitsmarkt beteiligt. Heute haben sie durch ihre Arbeitsplätze eine deutlich bessere Altersabsicherung und viel bessere Entwicklungsmöglichkeiten im Job.
-Und wie sieht die weniger positive Bewertung aus?
Sehr viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit, sobald sie Kinder haben. Die meisten Mütter bleiben dann in Teilzeit. Es kommt relativ selten vor, dass Mütter, sobald ihre Kinder größer geworden sind, wieder in Vollzeit arbeiten gehen. Da verschenkt man Potenziale. Junge Frauen haben heute im Schnitt eine bessere Ausbildung als Männer. Das wird systematisch nicht genutzt. Hier sehe ich Verbesserungsbedarf.
-Welche Trends lassen sich noch beobachten?
Deutlich geändert hat sich in den vergangenen Jahren das Verhältnis von Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten. Dadurch, dass so viele Frauen neu in den Arbeitsmarkt hineinkamen, ist die Zahl der Teilzeitkräfte in den vergangenen Jahren schneller gestiegen als die Zahl der Vollzeitbeschäftigten. Das ist der große Trend. Daher sollte man jetzt nicht so sehr darüber diskutieren, ob man die Arbeitszeit für alle verkürzen oder verlängern sollte. Es geht um Flexibilität. Es geht darum, dass Arbeitnehmer vorübergehend ihre Arbeitszeit ändern können. Das steigert die Arbeitszufriedenheit. Nicht eine längere oder ein kürzere Arbeitszeit macht glücklich, sondern eine selbstbestimmte.
-Woher wollen Sie wissen, ob die Arbeitnehmer das überhaupt wollen?
Aus Erhebungen wissen wir: Die meisten Menschen sind mit ihrer Arbeitszeit halbwegs zufrieden. Es ist nicht so, dass die Mehrheit der Vollzeitbeschäftigten weniger arbeiten will. Und es ist gleichzeitig auch nicht so, dass die Mehrheit der Teilzeitbeschäftigten mehr arbeiten will.
-Was sagt der Rest?
Wie viele Unzufriedene es gibt, kann man nicht genau sagen. Bedauerlicherweise hängt es von der Art der Befragung in einer Studie ab, wie hoch die Zahl der Unzufriedenen ist. Grundsätzlich kann man aber sagen: Es gibt eine starke Minderheit sowohl bei Teilzeit- als auch bei Vollzeitbeschäftigten, bei denen Änderungswünsche der Arbeitszeit besonders deutlich sind. Die Minijobber haben zum Beispiel die meisten Änderungswünsche.
-Weil sie gerne mehr arbeiten würden?
Ja. Befragt man Männer, warum sie in Teilzeit arbeiten, ist die häufigste Antwort: Sie finden momentan keine Vollzeitstelle. Die häufigste Antwort bei Frauen ist dagegen die Familie. Da gibt es klare Unterschiede.
-Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den vorliegenden Daten?
Am Ende geht es nicht um mehr oder weniger Arbeit. Daher finde ich Debatten um eine generelle Verlängerung oder Verkürzung der Arbeitszeit auch fehl am Platz. Es geht darum, in verschiedenen Situationen die richtige Arbeitszeit zu finden. Und zwar mit den Möglichkeiten, die der jeweilige Betrieb bieten kann.
Interview: Sebastian Hölzle