Hinterglemm – Goaßstall, Après-Ski-Hütte Hinterglemm. Hier gibt’s die „Hoaße Goaß“ ab 24,50 Euro. Zartes Filetsteak, Lady Cut. Nach einer Runde „Bauernroulette“ (10 Schnäpse, einen elften gratis) leicht zu verwechseln mit der blonden Lady, die besagtes Fleisch mit süßem Lächeln serviert. Wie oft der Satz „Einmal die hoaße Goaß bitte – zum Essen nichts“ hier wohl schon gefallen ist? Aber mei, beim Après-Ski gehört’s derbe Anbandeln dazu wie der Jagertee, das Schnitzel und Hits von DJ Ötzi, dessen „A Mann für Amore“ aus den Lautsprechern schallt. Auf der Alm, da gibt’s koa #MeToo.
Der echte DJ sitzt derweil in Going, Tirol. Statt Elektrobeats tönen alpenländische Volksmusikklänge durch die Stubn. Gerhard Friedle hat Geburtstag. Und den feiert er als Gerry, nicht als DJ Ötzi. Eine Handvoll Journalisten hat er eingeladen, mit ihm seinen 46. zu zelebrieren. Beim gemeinsamen Abendessen an diesem verschneiten Sonntag im „Stanglwirt“.
Die Wahl des Ortes macht deutlich, was Friedle für ein Mensch ist. Ein Fünfsterne-Hotel, beliebte Oase auch für Promis von Arnold Schwarzenegger bis Sky du Mont – und so erfolgreich wie der Musiker selbst. DJ Ötzi, Österreichs Exportschlager, bedeutet: diverse Gold- und Platin-Auszeichnungen und über 16 Millionen verkaufte CDs. Kaum jemand, der nicht mitgrölen kann, wenn sein „Anton aus Tirol“ gespielt wird.
Aber so wie der „Stanglwirt“ ein Luxushotel ist, das auf bäuerliche Gemütlichkeit setzt, ist auch Friedle privat einer, der die Ruhe liebt. „Ich bin ein Gefühlsmensch, und ich spüre das energetisch, wenn ein Ort mir Kraft gibt oder wenn er mir Kraft entzieht“, sagt er und schaut sich in der holzgetäfelten Zirbenstube des Hotelrestaurants um. An der Wand ein Kruzifix, in der Ecke ein Kachelofen, der Raum in Kerzenlicht getaucht. Behaglichkeit statt Krawall. „Das lieb’ ich.“ Friedle nimmt einen Schluck von seiner Cola. Pur. Kein Alkohol, nur ein paar Eiswürfel schwimmen in dem Glas, das er an diesem Abend immer wieder nachfüllen lässt, während alle anderen Wein, Bier, ein Schnapserl ihm zu Ehren trinken.
Das Geburtstagskind selbst bleibt nüchtern. Schon seit 25 Jahren. „Früher habe ich ein bissel was getrunken, ein Bier oder – weil Janis Joplin ein großes Vorbild von mir war – auch schon mal einen Southern Comfort. Aber weitaus weniger, als wenn man jetzt sagen würde: ,Der sauft‘“, betont er.
Im Goaßstall geht’s anders zu. Die Schneebar öffnet um 10 in der Früh – das „après“ im „Après-Ski“ nimmt man hier nicht so genau – wer mag, gönnt sich zum Mittagstisch ein Maxi-Glas Aperol Spritz, 1,5 Liter, 27 Euro, orangefarbenes Stirnband samt Werbebanner inklusive. Es ist Dienstag, zwei Tage nach dem Geburtstag von Friedle, der heute wieder zum DJ Ötzi wird. Am Nachmittag geht es für ihn auf die Bühne, zum Auftakt seiner „Gipfeltour“. Hier auf der Hinterglemmer Hütte hatte er einen seiner ersten Auftritte mit dem „Anton“-Hit.
Privat der nichttrinkende Ruhesuchende, beruflich der Gute-Laune-Bär für mitunter betrunkene Feierwütige – wie geht das zusammen? Eine Frage, die Friedle nicht zu gefallen scheint. „Erst einmal darf man sich das nicht so vorstellen, dass auf meinen Konzerten alle betrunken sind“, betont er und mustert sein Gegenüber aufmerksam, wie um zu überprüfen, ob man ihm das auch glaubt. „Mein Publikum ist bunt gemischt. Du siehst da Kinder mit ihren Omas, die tanzen, ganze Familien.“ Wenn da auch Betrunkene seien, mache das für ihn keinen Unterschied. Jeder habe das Recht, so zu sein, wie er ist. Nur eine Einschränkung macht er: „Wenn jemand vom Trinken aggressiv wird, mag ich das gar nicht. Aggressionen will ich nicht in meinem Umfeld haben.“
Im vergangenen Jahr ist Friedle den Jakobsweg gelaufen, 240 Kilometer, von Porto bis Santiago de Compostela. Viel hat er in den 16 Tagen darüber nachgedacht, was der Sinn seines – oft gar nicht einfachen (siehe Randspalte) – Lebens sein könnte. Er hat für sich eine Antwort gefunden, die er im Gespräch gern wiederholt, wie um sie sich selbst immer wieder vor Augen zu führen, wenn die Zweifel kommen, die Sorge, nicht zu genügen. „Ich betrachte es als meine Aufgabe im Leben, dass es den Menschen gutgeht. Dass ich Momente schaffe, in denen sie nicht an Druck, Schulden oder Trennung denken, sondern dass sie einfach da sind bei mir und sich wohlfühlen. Weinen, lachen, tanzen, feiern, was auch immer.“
Und was, wenn er mal selbst jemanden bräuchte, der ihm einheizt, statt die anderen zu unterhalten? Friedle grinst. „Dann höre ich ,The Number of the Beast‘ von Iron Maiden. Oder AC/DC.“ Musik als Kraftort? „Und wie! Dieser Rhythmus, diese Schwingung, das reißt mich total mit.“
Im Goaßstall reißt’s schon mittags auch so manchen mit. Wenn DJ Happy die Bühne betritt, als Vorgeschmack auf den Star mit Häkelmütze, auf den sie hier alle warten. Dessen Publikumsbeschreibung passt: Trotz Kälte und grauem Himmel stehen da Kinder und Alte, verliebte Pärchen, gerade zurück von der Piste, und dazwischen so mancher im Skioutfit, der aber – das orangefarbene Stirnband verrät’s – den Berg an diesem Tag nur vom Pisten-Ende, genauer: dem Tresen in der Hütte aus gesehen hat. Sie alle hoffen, dass sich der Schneeregen bald verzieht und die Sause mit „Hey Baby“ und „Ein Stern (…der deinen Namen trägt)“ losgehen kann.
Wie wird ein Lied zum Hit? Noch so eine Frage, mit der sich Friedle schwertut. „Wenn man darüber nachdenken würde, wäre das eine Berechnung und das mag ich gar nicht. Alles, was Berechnung ist, ist nicht gut für mich. Alles, was konstruiert ist, ist nicht meins.“ Er, dessen größte Erfolge Cover-Versionen oder von Textern für ihn geschriebene Songs sind, setzt bei Veröffentlichungen lieber aufs Bauchgefühl. „Alles, was ich mit dem Kopf entschieden habe, war nicht erfolgreich. Ein Hit entsteht nicht dadurch, dass man einen Hit landen will.“ Entscheidend sei, was ihn selbst berührt. Und überhaupt – die Hits, die machten ja nicht die Musiker, die Hits, die mache das Publikum.
Und Orte wie der Goaßstall. Was beim Après-Ski funktioniert, das funktioniert auch auf Junggesellenabschieden, im Fasching, bei Frühlingsfesten und – na klar – im Wiesnzelt. Im Schnee erwacht der Hit zum Leben und trällert fröhlich durchs Jahr, von Party zu Party. Wie jetzt am Wochenende in Kitzbühel, wenn nach der großen Abfahrt am Hahnenkamm die mutigen Athleten gefeiert werden.
Und dann sind da ja noch die anderen Lieder. Die, die etwas ruhiger daherkommen. „Leb deinen Traum“ zum Beispiel oder „Ewige Liebe“. Sie wird er am 7. Oktober im Circus Krone singen, wenn er das erste Mal mit eigener Show nach München kommt. Das hat er sich zuvor nie getraut. Obwohl ihm „der Florian“ – Schlagerkumpel Silbereisen – ständig vorgeschwärmt habe von der Stadt. Aber Friedle dachte nur: „München, brauchen die mi? Wollen die mi?“ Oder sind die nicht alle völlig genervt, grad die Anwohner der Theresienwiese, die die DJ-Ötzi-Gesänge von Oktoberfestbesuchern des Nachts ertragen müssen. Doch nun: ist der Krone schon fast ausverkauft, Monate vorm Konzert. Da will er sie überraschen, die Jungen, die Alten, die Familien, und auch die, die sich ein paar Glaserl im Foyer gegönnt haben. „Wenn ich München schaff’, dann schaff’ ich alles“, sagt er. Und läuft, angeheizt von lauter Musik und erhobenen Handykameras der Wartenden auf die Goaßstall-Bühne. Die Moderatorin ruft: „Nun begrüßen wir ihn mit einem lauten, kräftigen Määäääääääähhhhhhh!“ Lachen, Grölen, Jubel. Die Goaß is hoaß. Und ein bisschen Spaß muss eben sein. Ob mit oder ohne Ski.