Weltwirtschaftsforum in Davos

Der Gipfel der Elite

von Redaktion

von Marcus Mäckler

München – Grandhotel Belvédère, ein Abend im Januar. Draußen liegt der Schnee meterhoch, trotzdem stehen die Leute Schlange, um ihre Schuhe zu wechseln. Kein Matsch im Foyer, das ist die Regel. Unter den Wartenden ist Markus Blume, heute stellvertretender CSU-Generalsekretär, damals Vertreter eines international tätigen Unternehmens. Als er im Trockenen ist, kurzzeitig nur die Socken an den Füßen, fragt ihn ein etwas verhuschter Typ, wo es hier zur Abendveranstaltung geht. „Ist schon verrückt“, sagt Blume heute, „du stehst da – und neben dir stolpert Bill Gates rein.“

Um Leute wie Bill Gates zu treffen, muss man entweder so reich sein wie Bill Gates. Oder man reist zum Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Dort trifft man außerdem Staats- und Regierungschefs aller couleur, Wirtschaftsbosse, Wissenschaftler, Künstler. Man kann sogar den Präsidenten der Welttoilettenorganisation treffen. Blume und er haben damals Visitenkarten ausgetauscht. Man weiß ja nie.

Einmal im Jahr kommt in dem kleinen Schweizer Skiort Davos die Welt zusammen, oder eher: die Weltelite. Die Teilnehmer schätzen den Gipfel als Möglichkeit, auch mal ganz informell über die wichtigen Themen von Gegenwart und Zukunft zu sprechen. Kritiker schmähen ihn als elitäres Stelldichein von Globalisierungsgläubigen. Und wer zu Verschwörungstheorien tendiert, sieht Davos gar als Zentrum einer geheimen Weltregierung und ihrer dunklen Machenschaften. Letzteres ist natürlich Unsinn. Trotzdem drängen sich Fragen auf. Wer steckt hinter dem Gipfel? Über was wird dort gesprochen?

Der Anfang

Alles beginnt mit einem Wirtschaftsprofessor aus Schwaben: Klaus Schwab. 1971 lädt er zum ersten Mal Führungskräfte westeuropäischer Unternehmen zum „European Management Symposium“ ins neue Kongresszentrum nach Davos ein. Ziel ist es, die Firmenbosse mit modernen – das heißt: US-amerikanischen – Management-Konzepten in Kontakt zu bringen.

Bald weitet sich der Fokus auf soziale und politische Themen. Unter anderem befördert durch den Jom-Kippur-Krieg nehmen 1974 erstmals führende Politiker teil. 1987 benennt sich das Treffen in „World Economic Forum“ um. Das Ziel lautet ganz unbescheiden: Weltverbesserung. Das Motto des diesjährigen Gipfels, der von Dienstag bis Freitag stattfindet, schwankt zwischen maximal floskelig und maximal ambitioniert: „Für eine gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt.“

Die Teilnehmer

Der US-Politologe Samuel Huntington hat für den typischen WEF-Teilnehmer den leicht spöttischen Begriff „Davos-Man“ geprägt und meinte damit ein Mitglied der Elite, das sich um nationale Loyalitäten nicht schert. Noch klarer formuliert es Jürgen Dunsch: „In Davos treffen sich die Propagandisten des Freihandels“, sagt der Wirtschaftsjournalist, der aus der Schweiz unter anderem für die FAZ und für unsere Zeitung berichtet. Über den Gipfel hat er vor einem Jahr das Buch „Gastgeber der Mächtigen“ veröffentlicht.

Längst sind auch Globalisierungskritiker, etwa von Amnesty International oder Oxfam, eingeladen. Aber der „Davos-Man“ ist klar in der Überzahl. Unter den 3000 Gipfelteilnehmern sind in diesem Jahr rund 900 Spitzenmanager internationaler Konzerne, etwa Google-Mann Eric Schmidt; die Masse ist kein Wunder, denn das Treffen wird von den Mitgliedern des WEF finanziert, die aus 1000 der weltgrößten Unternehmen bestehen.

Geladen sind auch etwa 70 Staats- und Regierungschefs – darunter jede Menge Prominenz: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Emmanuel Macron (Frankreich) und Theresa May (Großbritannien) haben ebenso zugesagt wie Justin Trudeau (Kanada). Russlands Präsident Wladimir Putin kommt diesmal nicht. Dafür der Musiker Elton John und die Schauspieler Cate Blanchett und Shah Rukh Khan, die für ihr soziales Engagement geehrt werden – und dem Gipfel etwas Glamour verleihen.

Der Anti-Davos-Mann

Der umstrittenste Teilnehmer des diesjährigen Treffens ist US-Präsident Donald Trump. Er reist mit einer vergleichsweise großen Delegation an, zu der Außenminister Rex Tillerson, Finanzminister Steve Mnuchin und Handelsminister Wilbur Ross gehören. Am Freitag soll Trump sogar die Abschlussrede halten. Skeptiker ahnen nichts Gutes.

Denn der Präsident hat angekündigt, für seine „America first“-Strategie zu werben, die so gar nicht zum globalisierungsfreundlichen Geist des Forums passt. Trump ist quasi der Anti-„Davos-Man“ – und die Veranstalter haben im Vorfeld kaum einen Hehl daraus gemacht, wen sie für die „zersplitterte Welt“ verantwortlich machen. WEF-Gründer Klaus Schwab äußert sich einigermaßen kühl: im Jahr 2018 sei die „globale Zusammenarbeit entscheidend, deshalb ist es essenziell, dass wir Trump bei uns haben“.

Auch für die Protestbewegung ist Trump nicht ganz leicht zu handhaben. Einerseits wird er ihr wohl Auftrieb geben, weil schon seine Person beispiellos polarisiert. Andererseits ist der Protektionist Trump im Grunde nichts anderes als ein Globalisierungsgegner. „Bislang demonstrierten die Anti-Globalisierer vor den Mauern des WEF“, sagte Oliver Classen, Sprecher der Organisation „Public Eye“, kürzlich. „Nun spricht der wirkungsmächtigste Vertreter des Protektionismus drinnen.“

Die Themen

CSU-Mann Markus Blume war mehrmals in Davos. Blume spricht von einem großen Austausch mit „unheimlich visionärer Kraft“. Aber es gibt auch die eher spontanen Treffen, er nennt es Speed-Dating für Politiker und Unternehmer. Neben 400 offiziellen Veranstaltungen gibt es unzählige bilaterale Gespräche. „Jede Besenkammer wird zum Besprechungsraum umfunktioniert, jeder Kuhstall zur Unterkunft“, sagt Blume. Mit anderen Worten: Der kleine Skiort wird zur Diskussionsblase aufgepumpt.

Was von all den Gesprächen nach außen dringt, ist aber nur die Spitze des Eisbergs. „Es gibt keine Veröffentlichungspflicht, sondern die Möglichkeit informeller Absprachen“, sagt Buchautor Dunsch. „Darin liegt ja der Charme der Sache.“ Zumindest für die eine Seite. Kritiker wie NGO-Mann Classen stören sich am Klüngel-Klima, das durch die Nähe von Politik und Wirtschaft entstehe. Es sei die Lebenslüge dieses Forums, Lösungen finden zu können, sagte er in einem Interview. Die Elite sei aber im Gegenteil Teil des Problems.

Die offiziellen Themen klingen immerhin nach großem Aufschlag: Es soll um den Klimawandel und das Artensterben gehen. Um politische Krisen wie den Syrien-Konflikt und die steigende Gefahr von Cyber-Attacken.

Macht und Ohnmacht

Dieser Predigt-Sound gefällt den einen, weil er ambitioniert klingt, aber unkonkret ist. Die anderen kritisieren genau das. Beobachter schreiben seit Jahren, dass der Gipfel vor allem eines produziert: heiße Luft. „Die Erwartungen an Davos sind immer viel zu hoch“, sagt Jürgen Dunsch. „Es kann seinen eigenen Anspruch nur sehr begrenzt einlösen.“

Was auch daran liegt, dass das Forum kein Mandat für irgendetwas hat. Es ist, genau genommen, nur eine Privatparty des Herrn Schwab. Vom Schweizer Soziologen Jean Ziegler ist überliefert, dass er Davos einen „Ball der Vampire“ nannte. Es wird getrunken, getanzt, diskutiert. Aber eben nicht viel mehr.

Mag der direkte Einfluss begrenzt sein, ganz ohnmächtig ist er nicht. 1990 trafen zum Beispiel der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der letzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow aufeinander. „Die beiden haben damals viel zur deutschen Einheit vorgedacht“, sagt Dunsch. Griechen und Türken einigten sich 1988 in der „Davos Declaration“, auf Krieg zu verzichten. Israelis und Palästinenser kamen in Davos ins Gespräch. Dieser Gipfel sei nicht mehr, aber eben auch nicht weniger, sagt Dunsch. „Die Verschwörungstheoretiker überschätzen die Leute in Davos.“

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