Goslar – Eine Frau fährt bei Göttingen auf dem Überholstreifen der A7. Von hinten rast ein Sport-Kombi heran und fährt dicht auf. Der Fahrer hupt und blendet auf. Die Frau erschrickt und verliert die Kontrolle. Ihr Kleinwagen schleudert, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Die Fahrerin ist schwer verletzt. Fälle wie diesen haben Experten vor Augen, wenn sie die zunehmende Aggressivität auf Deutschlands Straßen kritisieren. Die Bußgelder müssten erhöht werden, fordern Teilnehmer des 56. Verkehrsgerichtstages (VGT), der diese Woche in Goslar zusammenkommt.
„Es gibt aggressives Verhalten vor allem auf den Autobahnen“, sagt VGT-Präsident Kay Nehm. „Behindern, Linksfahren, in der Mitte Fahren – das hat sich bedauerlicherweise breitgemacht“, sagt der frühere Generalbundesanwalt. Dabei werde die Schädigung anderer zumindest billigend in Kauf genommen.
„Die Toleranz von Verkehrsteilnehmern nimmt ab“, hat auch der Verkehrsjurist Jörg Elsner beobachtet. „Das Phänomen wird jeden Tag deutlich an Verengungen von zwei Fahrspuren auf eine.“ Auch wenn es nur um einen Raumgewinn von einer Fahrzeuglänge gehe, seien viele nicht bereit, andere Fahrer einfädeln zu lassen. Auch bei Unfällen spiele die fehlende Disziplin der Verkehrseilnehmer eine Rolle, sagt Elsner.
Über die Gründe für die steigende Aggressivität lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise spielen erhöhte Arbeitsbelastung, Leistungs- und Zeitdruck eine Rolle, vermutet Wolfgang Schönwald von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Obwohl es keine wissenschaftlichen Daten gebe, bestehe auch bei seiner Gewerkschaft der Eindruck, dass dichtes Auffahren oder Drängeln um sich griffen.
Helfen könne vor allem Gelassenheit, glaubt Kay Nehm. „Man muss sich darauf einstellen, dass die Straßen immer voller werden. Der heutige Verkehr funktioniert nur mit Rücksichtnahme“, sagt der VGT-Präsident. Der Verkehrsgerichtstag in Goslar berät darüber, ob eine Erhöhung der Bußgelder eine Möglichkeit wäre, Autofahrer zu disziplinieren. dpa