Zum Tod von Gregor Dorfmeister

Lieber Bad Tölz als Hollywood

von Redaktion

von Christoph Schnitzer

Bad Tölz – Er gehörte als Journalist nach 1945 zur Aufbaugeneration des neu zugelassenen Münchner Merkur und bedeutete doch so viel mehr für eine junge deutsche Nachkriegsgeneration, die Schreckliches erlebt und zu verarbeiten hatte: Gregor Dorfmeister tat dies mit einem literarischen Paukenschlag. Sein Buch „Die Brücke“ wurde zum Bestseller. Nun ist der Buchautor, Journalist und Menschenfreund mit 88 Jahren in seiner Heimatstadt Bad Tölz gestorben.

Rückblende: Es ist Mai 1945, der Krieg ist aus, die Amerikaner haben Bayern besetzt. An einem Vormittag marschiert der blutjunge Gregor Dorfmeister die Tölzer Marktstraße hinunter. An der Isarbrücke angekommen sieht der gerade mal 16-Jährige, der zum letzten militärischen Aufgebot des zusammenbrechenden Dritten Reichs gehörte, zwei tote deutsche Soldaten liegen. „Unterm Stahlhelmrand Kindergesichter, in denen fassungsloses Erstaunen geschrieben stand“, erinnerte er sich später an diese Szene. Zum Schlüsselerlebnis seines Lebens wurde sie, als eine ältere, einfach gekleidete Frau dazu trat und im Angesicht zweier lässig ans Brückengeländer lehnender amerikanischer GI’s demonstrativ auf die Toten spuckte.

Nach „Jahren des Brütens“ hat er als Redakteur dieses Erlebnis mit seiner eigenen Lebensgeschichte verwoben und, wie er oft erzählte, „in 14 Nächten herausgekotzt“. Ergebnis: das Brücke-Manuskript. Das autobiografische Element daran war, dass er – welch wahnwitziger Auftrag – mit einigen Gleichaltrigen eine völlig unbedeutende Brücke an der Loisach bei Bad Heilbrunn gegen die heranrückenden Amerikaner verteidigen sollte. Mit Panzerfäusten stoppten sie einen Ami-Panzer, dann brachen Artilleriefeuer und die Hölle über sie herein. Viele seiner Kameraden starben. „Damals wurde ich Pazifist“, hat der Überlebende später immer wieder gesagt.

Dorfmeister begann seine journalistische Karriere Anfang der 1950er-Jahre mit Harry Valerien und Herbert Schneider beim Münchner Merkur. Nach mehreren Verlagsabsagen reichte er sein Manuskript bei einem Wettbewerb des Münchner Desch- Verlags ein, an dem sich 400 Autoren beteiligten.

Der Verlag erkannte sofort das Potenzial des Stoffs, griff zu und veröffentlichte 1958 unter dem Pseudonym Manfred Gregor das Buch „Die Brücke“. Es ist, so der Klappentext, „der Roman einer missbrauchten Jugend, die in den letzten Kriegstagen in einem sinnlosen Opfergang verheizt wurde“. Das Buch diente 1959 dem bekannten Schweizer Regisseur Bernhard Wicki als Vorlage für den gleichnamigen Film, der auf einer zum Abriss bestimmten Brücke bei Cham gedreht wurde. Spätere Schauspielergrößen wie Günter Pfitzmann, Volker Lechtenbrink, Cordula Trantow und Fritz Wepper starteten mit dem aufrüttelnden Antikriegsdrama ihre Karriere. Sogar Vicco von Bülow (Loriot) ist in einer kleinen Rolle zu sehen. Am Drehbuch hatte der Tölzer Buchautor mitgewirkt, wenngleich das Verhältnis zum etablierten Filmregisseur Wicki nicht ungetrübt war, wie Dorfmeister später berichtete.

Der Film wurde ein Sensationserfolg und kurbelte den Buchverkauf erneut an. Bis heute wurde es gut eine Million Mal verkauft und weltweit in über 20 Sprachen übersetzt. Nach einer Rezension des großen russischen Schriftstellers Lew Kopelew in der Sowjetunion 1962 war die Auflage von 200 000 im Nu vergriffen. Der Buchinhalt traf den Nerv der Zeit und der überlebenden Kriegsgeneration. Noch viele Jahrzehnte später griff Bundeskanzler Helmut Kohl bei einer Buchmesse, wie Medien berichteten, sofort zur Neuauflage des Buches.

Außer an die Grauen des Krieges erinnerte sich Dorfmeister noch als alter Mann kopfschüttelnd an aberwitziggroteske Szenen der Kriegszeit. Bei einem Ausbildungs- lehrgang im vom Nazideutschland besetzten Prag sei denselben jungen Soldaten, die kurz darauf bedenkenlos an die Front und in den Tod geschickt wurden, der Zutritt zu einer Kinovorführung von „Die Frau im Bade“ verweigert worden.

„Die Brücke“ blieb nicht der einzige Bestseller des jungen Autors. Schon 1959 erschien „Das Urteil“, das den Fall einer von US-Besatzungstruppen vergewaltigten jungen Frau in einer deutschen Kleinstadt thematisierte. Das Mädchen bringt sich wegen des Tratsches schließlich um. Es habe sich nicht um Tölz gehandelt, sagte Dorfmeister dazu. Die Verhältnisse in einer Besatzungsstadt schilderte das Buch dennoch fast zeitdokumentarisch genau. Nicht umsonst wurde es mit Topbesetzung (unter anderem Kirk Douglas und Christine Kaufmann) als „Stadt ohne Mitleid“ kongenial verfilmt. Das dritte Buch Dorfmeisters („Die Straße“) erschien 1961.

Anfang der 1960er-Jahre hätte der Tölzer Autor auch in die große Journaille oder gar zum Film wechseln können. Das deutsche Hollywood, die UFA, lockte. „Es gab gute Angebote“, meinte er einmal. Der junge Familienvater entschied sich aber dazu, seiner Heimatstadt treu zu bleiben. Fast vier Jahrzehnte, die meiste Zeit davon als Redaktionsleiter, lenkte er den Tölzer Kurier und brachte ganzen Journalistengenerationen das Handwerk bei.

Dorfmeister widmete außerdem zeitlebens den Ausgegrenzten und Benachteiligten seine Aufmerksamkeit. Ob er nun Hilfsaktionen für die notleidenden Südtiroler Bauern oder die Erdbebenopfer in Friaul organisierte oder Geld für gemeinnützige Organisationen in seiner Heimat sammelte.

Kurz vor seinem Tod hat Gregor Dorfmeister einmal zurückgeblickt und ohne Zögern erklärt: „Ich war zwar viel schriftstellerisch aktiv, aber mein Lebensinhalt war die Arbeit für die Behinderten.“

Artikel 6 von 6