70. Todestag von Karl Valentin

„Ich bin als Vorstadtpflanze aufgewachsen“

von Redaktion

Humorist, Genie, Münchens Stolz: Vor 70 Jahren starb Karl Valentin – wir haben ihn trotzdem zum Interview eingeladen

Karl Valentin gilt als das Genie unter den Humoristen – verehrt von unzähligen Menschen und sogar von so unterschiedlichen literarischen Größen wie Samuel Beckett und Bertolt Brecht. Wirklich zu fassen ist seine Kunst des komischen Philosophierens, des surrealen Blödelns und der grotesken Realitätsbeschreibung kaum. Geboren wurde Valentin Ludwig Fey am 4. Juni 1882 in München, heute vor 70 Jahren starb er in Planegg. Wir unterhielten uns mit Valentin über einst und jetzt.

-Es ist auffallend, dass der Bayerische Rundfunk und das Fernsehen im Gegensatz zu früher kaum mehr Sketche und Filme von Ihnen bringen. Gab’s da Ärger?

Schon 1947 habe ich an den Rundfunkredakteur Hans Seidl geschrieben: „Sie ersehen…, daß im Rundfunk-München mehrere Schallplatten zur Verwendung bereit liegen. Die Sendungen stellt leider die Sendeleitung selbst zusammen. Seit 3 Jahren wurden von mir schon 500 Schallplatten gesendet, dafür müßte ich Vertragsgemäß (1930) pro Platte 20 M erhalten – ich bekäme also bis heute schon 10 000 M vom Münchner Rundfunk, habe aber bis heute noch keine einzige Mark bekommen. Und für Alles das, muß man sich eigentlich noch ,dableka‘ lassen. Aber ich bin trotzdem nicht beleidigt.“

– Sie sind eine Berühmtheit, aber Ihr erster Versuch als Unterhalter ist krachend gescheitert.

„Angefangen habe ich nicht als Schauspieler, ich wollt’ ja gar nicht auf die Bühne, sondern trat als Musicalclown mit einem von mir in dreijähriger Arbeit selbst konstruierten Orchestrion, auf welchem ich 30 Instrumente imitierte, in München vors Publikum. Ich spielte ein Schlachtenpotpourri mit Händen, Füßen, mit dem Mund, mit der großen Zeh, mit dem Gesäß; der Apparat verlangte nämlich die Ausnutzung sämtlicher Körperteile. Er wog acht Zentner und hatte nur einen großen Nachteil: Das Publikum war entsetzt darüber, sonst war er gut. In einem Anfall von Bierrausch, wie er sich in meiner Jugendzeit öfters ereignet hat – heute trinke ich ja kein Bier mehr (höchstens Münchener) – zerschmetterte ich die Klamotte mit einer Axt.“

-Aber die Bühne hat Sie  dennoch nicht losgelassen.

„Plötzlich bin ich Schauspieler geworden, warum, weiß ich selbst nit, und von dem Moment an begann auch das Lampenfieber. Ich habe nämlich immer Angst, ob ich steckenbleiben werde. Die Ursache liegt nicht darin, daß ich Angst vor dem Erfolg habe, sondern daß ich nie einen Text lerne. Ich mache mir meine Sachen immer erst auf den Proben zurecht. Die ersten acht Aufführungen ginge es ja noch ganz gut. Da ist mir die Sache neu. Dann aber, wenn es in die höheren Aufführungsziffern geht, wird’s mir wurscht (Weißwurscht, Blutwurscht oder Leberwurscht, je nachdem), dann ist mir alles egal, und ich fang’ an zu ,improvisieren‘, das ist viel lustiger. Wenn ich nicht die brave Liesl hätt’, die auf alles eingeht, was sie noch weiß (die Karlstadt, seine Partnerin, hatte alle Texte akribisch notiert; Anm. d. Red.), könnte jeden Tag das größte Malheur auf der Bühne passieren.“

-Sie klingen etwas depressiv, obwohl Sie unglaublich erfolgreich waren. Allein die „Orchesterprobe“ respektive „Theater in der Vorstadt“ haben Sie 1502 Mal aufgeführt. Und Verfilmungen gab es dafür sogar zwei.

„Vielleicht würden die Leute weniger über mich lachen, wenn sie wüßten, wie mies ich meist beieinander bin, teils durch mein Asthma, das mich quält, teils durch meine Zwangsvorstellungen; es ist eben die ewige G’schicht’ vom ,Lache, Bajazzo!‘, die sich in meinem Leben abspielt.“

-Na ja, Ihre großartige Partnerin Liesl Karlstadt hatte wirklich eine massive Depression. Das Valentin Karlstadt Musäum zeigt bis 10. April dazu die Ausstellung „Schwere Jahre 1935 bis 1945“. Konnten Sie der Liesl wenigstens helfen?

Auf ihre Bitte hin habe ich dem Nervenarzt Leonhard Seif im Sommer 1935 sogar einen ausführlichen Brief geschrieben: „Fräulein Karlstadt befindet sich immer noch in der Nervenklinik. Die Depression ist nun am ausklingen, aber sie hat viel Schweres noch mitgemacht. Sie sagt alle Tage, schuld an meiner ganzen Leidenszeit ist nur Herr Dr. Seif, wenn ich sofort im Dezember in die Nervenklinik gegangen wäre, wäre es niemals so weit gekommen… Immer und immer habe ich ihm gesagt, ich habe solche kolossale Schmerzen und Angstzustände, die ich nicht mehr ertragen kann, aber er hat, scheint es, noch nie etwas von Opium gehört. Nach Aussage von vielen Kranken, ist die Individual Psychologie nicht der Weg zur Heilung, sondern der Weg zur vollständigen Verwirrung seelisch Leidender.“

– Sie haben Liesl Karlstadt allerdings selbst unter Druck gesetzt, als sie sich von Ihnen abwandte.

„Ich habe ihr bloß gesagt, „Liebe Lisi! Dir muß eines klar sein, wenn Du auch schon hie u da allein Theater gespielt hast, oder Film. Die richtige Lisl Karlstadt bist Du nur an meiner Seite. Ich bin gerne auch der Valentin ohne Dir, aber der richtige Valentin bin ich nur zu zweit und zwar nur mit Dir – Daher Valentin–Karlstadt. Und das ist der Hauptpunkt in der Sache. In Zukunft heißt es, wir zusammen, oder gar nicht. Wenn Dir aber die Nase höher steht, dann kannst Du auch allein filmen, ich kenn ja Deine jetzige Einstellung nicht mehr so genau ,als einst‘.“

-Sie waren verheiratet, hatten eine Liebesbeziehung zur Karlstadt und daneben noch weitere Affären. Wie steht’s denn nun mit der wahren Liebe bei Ihnen?

„Ich bin ein Mensch, der allen Liebesklamauk, wie Eifersucht, bocken, Liebesschwüre u.s.w… nicht verträgt, weder bei der Frau, noch bei der Freundin. Ich bin als Vorstadtpflanze aufgewachsen und als Gentleman den Frauen gegenüber in der hintersten Reihe gestanden. Ich habe auch nie Bildung mit dem Löffel gegessen, nur mit der Messerspitze. Ich bin kein direkter Rüpel, aber die Brennnessel unter den Liebesblumen.“

-Wir kennen die Filme, die Stücke wie Ihren „Firmling“ zeigen. Sie haben aber auch in Spielfilmen wie „Die verkaufte Braut“ (1932) mitgespielt. Ihre Beziehung zum Kino ist indes noch intensiver.

„Die Münchner haben es wahrscheinlich längst vergessen, dass ich in ihren Mauern der erste Filmunternehmer Bayerns war. Denn das erste Filmatelier mit künstlichem Licht habe ich schon 1912 in München eingerichtet. Ich ließ mir aus Frankfurt die soeben neu erfundenen Jupiter-Filmscheinwerfer kommen, fünf Stück an der Zahl. Sie kosteten ein paar tausend Mark. Fünfhundert Mark mußte ich anzahlen, den Rest in Wechseln, die jeden Monat fällig wurden. In einem Käselager des Kaufmanns Bernbichler in der Pfisterstraße im Rückgebäude direkt am Platzl neben dem Hofbräuhaus entstand also Münchens erstes Filmatelier. All mein sauer erspartes Geld steckte ich hinein, um ein Film-Großindustrieller zu werden. Aber nach sechs Monaten war ich schon rettungslos verkracht.“

-In Ihren Anekdoten kommt ein Wort wie „googeln“ vor. Das gab’s doch damals gar nicht.

„Im Kapitel vom Feuerwerk habe ich schon erzählt, wie gerne ich ,gegogelt‘ habe, wie meine Mutter in ihrem heimatlichen Sächsisch das Spielen mit dem Feuer nannte. Diese Vorliebe habe ich auch später behalten. Das Gasthaus ,zum Feuerhaus‘ war das Stammlokal der freiwilligen Feuerwehr. Und als dort eines Sommers im August noch die Faschingsgirlanden von der Zimmerdecke hingen, meinte der Wirt Ludwig Greiner: ,Vale, da hast morgen glei a Arbeit. De tuast morgen alle oba und tuast das verbrenna!‘ ,Warum oba doa, des Zeug kemma doch glei drob’n verbrenna.‘ Damit nahm ich ein Streichholz, stieg auf den Tisch und zündete die dünnen Papiergirlanden an. Im Nu stand die ganze Zimmerdecke in Flammen. Die in der Wirtschaft anwesenden Feuerwehrleute hatten gleichfalls an dem Feuerzauber ihre helle Freude. Nach fünf Minuten war die Gefahr vorüber.“

-Jetzt ist ja gerade Faschingszeit. Wollen Sie unsere Leser nicht noch kurz zum Lachen bringen? Neben Ihren Dramoletten, Couplets, Szenen und Filmen haben Sie sich ja sogar komische Anzeigen ausgedacht; was ist Ihre Lieblingsannonce?

„Alleinstehende Frau, welche sich endlich einmal niedersetzen  will,  sucht  Sessel oder  Stuhl zu kaufen. Foto erwünscht! Niedelgeigenstraße 1/8.“

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

unter Zuhilfenahme von:

„Karl Valentin.

Sämtliche Werke in acht Bänden“, herausgegeben von Helmut Bachmaier und Manfred Faust. Piper Verlag, München, Zürich. Valentins Rechtschreibung haben wir im Original beibehalten.

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