Das Geheimnis einer langen Liebe

von Redaktion

„Motzen tut beiden nicht gut“: Paartherapeutin Astrid Riehl-Emde über Marotten, Humor und warum Freiheiten enorm wichtig sind

In jede Beziehung schleichen sich früher oder später Probleme hinein. Paartherapeutin Prof. Astrid Riehl-Emde vom Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universitätsklinik Heidelberg erklärt, wie man damit umgeht und warum man mit Humor auch leichter durch eine langjährige Partnerschaft kommt. Seit über 15 Jahren bietet sie Sprechstunden speziell für ältere Paare an, was in Deutschland sehr selten ist. Ein kleiner Ratgeber pünktlich zum Valentinstag, wie Sie die Liebe bewahren trotz kleiner und großer Widrigkeiten.

-Warum geben viele Paare nach der Silberhochzeit auf und lassen sich scheiden?

Die Silberhochzeit fällt oft mit der Zeit vor oder nach dem Eintritt in den Ruhestand zusammen. Es ist die Phase, in der Bilanz gezogen wird: „Soll das alles gewesen sein?“ Menschen wird bewusst, dass sie noch 25 bis 30 Jahre vor sich haben. Sie könnten also noch mal ein anderes Leben führen. Manch einer hat ausgeharrt, bis die Kinder außer Haus waren, und fragt sich: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

-Trennen sich später noch ähnlich viele Paare?

Die Scheidungsstatistik wird zwar nach Ehedauer aufgeschlüsselt, nach 25 Jahren Ehe gibt es aber nur noch eine Kategorie „26 Jahre Ehedauer und mehr“. Seit zehn bis 15 Jahren haben die Scheidungen ab 26 Jahren Ehedauer zwar zugenommen, bei Männern und Frauen unter 60 ist die Scheidungsrate aber deutlich höher. Die Zunahme an Scheidungen nach der Silberhochzeit lässt sich noch nicht eindeutig erklären.

-Aber es suchen auch immer mehr Senioren eine Paartherapie auf, oder?

Ja, das stimmt. Es gibt auch mehr Angebote. Es ist belegt, dass Psychotherapie im höheren Lebensalter möglich, wirksam und langfristig erfolgreich ist. Viele der heute über 60-Jährigen haben schon gute Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht und beanspruchen diese auch im Alter.

-Was ändert sich im Alter in einer Beziehung?

Stillstand gibt es nicht, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Jeder Einzelne verändert sich mit dem Älterwerden. Wünsche, Bedürfnisse und Interessen ändern sich, auch von außen kommen immer neue Anforderungen auf die Einzelnen und die Beziehung zu. Dass es zwei Menschen gelingt, sich trotzdem auf verträgliche Art immer wieder zusammenzuraufen, ist eigentlich das größere Wunder, als dass Paare sich trennen!

-Mit welchen Problemen haben ältere Paare zu kämpfen?

Es gibt nicht nur Probleme, viele ältere Paare meistern ihren Alltag gut zusammen! Aber um auf die Veränderungen zurückzukommen: Das Bedürfnis nach Unterstützung und Trost wächst, wenn Einschränkungen und Krankheiten zunehmen und die Mobilität abnimmt. Entwicklungen verlaufen häufig asynchron: Ein Partner ist noch vital, der andere hilfsbedürftig. Das erschwert den Alltag, damit nehmen die Gereiztheiten zu. Außerdem wird vielen klar, dass die Zukunft kürzer ist als die Vergangenheit. Das verändert die Wünsche und Ansprüche aneinander. Auch die Konfrontation mit weiteren Verlusten wie Todesfällen im Freundes- und Familienkreis ist ein Thema.

-Wie geht man mit all den Themen um?

Es empfiehlt sich, miteinander im Austausch zu bleiben und auch mit Dritten das Gespräch zu suchen. Nicht alles lässt sich ändern, manches muss ertragen werden. Wichtig ist, nicht davon auszugehen, dass der Partner einem nur Böses will. Man sollte ihm also immer wieder eine gute Absicht unterstellen – so wie man das in der ersten Verliebtheit wie selbstverständlich getan hat.

-Woran sollte man sich im Alltag orientieren?

Den Respekt voreinander pflegen, höflich miteinander umgehen. Es ist fatal, in einem Streit bis zum Äußersten zu gehen und den anderen abzuwerten, zu beschimpfen oder sogar handgreiflich zu werden. Man muss sich darin üben, Eskalationen rechtzeitig zu stoppen. Es muss einen Raum für Meinungsverschiedenheiten und strittige Themen geben, doch entscheidend ist das Wie und das Ausmaß. Alles unter den Teppich zu kehren ist gefährlich.

-Was ist in einer Beziehung noch wichtig?

Wenn Paare Humor haben, auch mal über sich lachen können und bei Schwierigkeiten den Humor behalten, ist das ein wichtiger Pluspunkt. Jeder ist für sich verantwortlich und sollte dies nicht dem Partner zuschieben. Wichtig ist, einen zuträglichen Umgang mit der jeweiligen Unterschiedlichkeit zu finden. Auch mal etwas alleine tun, wenn der andere nicht mitmacht. Oder mal großzügig über Marotten hinwegsehen. Und vor allem natürlich Zuneigung, Zärtlichkeit, Liebe. Die Liebe vereinfacht eine schwierige Beziehung.

-Manche Paare ziehen sich aber zurück.

Das Risiko, dass Paare sich sozial isolieren, nimmt im Ruhestand zu. Damit steigt in der Regel die Spannung zwischen beiden, Gereiztheiten und Aggressionen nehmen zu – wie bei zwei Igeln, die ihre Stacheln aufstellen, wenn’s zu nah wird.

-Wie kann man dem vorbeugen?

Möglichst lange eigene Interessen pflegen und den Kontakt zur Außenwelt erhalten – sei es über moderne Medien oder dass man andere zu sich einlädt. Viele ältere Menschen sind gern mal alleine zu Hause ohne den anderen und wagen das nicht zu sagen.

-Oft wollen die Herren ihre Ruhe haben und die Frauen etwas unternehmen…

Das ist die Chance, mal allein zu Hause zu sein oder etwas getrennt zu unternehmen. Manchen Paaren gelingt es, sich gegenseitig zu den eigenen Liebhabereien zu verführen! (Lacht.) Gerade Frauen in traditionellen Ehen sparen gerne ihre Wünsche auf, bis der Mann in den Ruhestand geht und sind dann enttäuscht, wenn sie nicht erfüllt werden. Es lohnt sich, einen Kompromiss zu suchen. Gibt’s nur faule, könnte man es spielerisch versuchen: Eine Woche darf der Mann bestimmen, was gemacht wird, die nächste Woche die Frau.

-Wie ist es, wenn der Partner – meistens ist es die Frau – ohne Punkt und Komma motzt?

Das tut beiden nicht gut! Ich kenne Männer, die hören dann weg. Ich möchte sie ermuntern, der Frau gegenüberzutreten und ihr zu sagen, was das bei ihnen auslöst. Und die Frau möge sich überlegen, ob ihr Motzen überhaupt etwas bringt außer schlechte Laune. Entscheidend ist, warum die Frau motzt. Irgendetwas läuft ja offensichtlich schief. Vielleicht liegt es am Mann. Vielleicht ist sie aber auch mit sich unzufrieden, und er kriegt das ab, weil er der Nächste ist.

-Wie bekommt man solche festgefahrenen Verhaltensweisen wieder weg?

Das setzt voraus, dass mindestens eine Person merkt: „Ich oder wir sind festgefahren.“ Die Veränderung braucht Geduld, ist aber nicht unmöglich. Manchmal braucht es einen Anstoß von außen, manchmal gelingt es, an frühere Bewältigungsformen anzuknüpfen. Viele Paare sprechen zu wenig miteinander aus Angst vor Konflikten, statt diese auch als Chance und Zeichen von Lebendigkeit zu sehen.

-Miteinander sprechen ist leichter gesagt als getan. Wie geht man vor?

Es ist enorm wichtig, den anderen nicht mit Vorwürfen zu bombardieren und sich im Ton zu mäßigen. Mit Sätzen wie „Ich finde es unerträglich, dass du …“ kommt man nicht weit. Besser ist es „Ich-Botschaften“ zu geben: Wie erlebe ich etwas? Was stört mich? Womit habe ich Mühe? Was wünsche ich mir anders und wie? Was wollen wir versuchen zu ändern und was soll so bleiben, wie es ist?

Das Gespräch führte Angelika Mayr

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