München – Wolfgang Huber, 79, Sohn des Widerstandskämpfers Kurt Huber, sitzt auf einem Stuhl in der Denkstätte Weiße Rose, Hauptgebäude Uni München, und erzählt vom Tag des Wasserrohrbruchs. Es ist eine der wenigen Erinnerungen, die er an seinen Vater hat. Wolfgang Huber ist vier, als der Papa stirbt. 13. Juli 1943, Gefängnis Stadelheim, Mord auf dem Schafott. „Mit einem geköpften Vater ist man nicht so glücklich“, sagt Wolfgang Huber. „Es ist ein Schatten, auch wenn der Vater ein Held ist.“
Die Hubers leben damals in Gräfelfing, Kurt Huber ist Professor für Ton- und Musikpsychologie, Volksliedkunde und experimentelle Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Und er ist ein sehr akkurater Mann. „Er hat immer mit dem Taschentuch seine Schuhe geputzt. Das hat meine Mutter wahnsinnig gemacht, weil wir natürlich auch eine Schuhbürste hatten“, erzählt der Sohn. Als eines Tages ein Wasserrohrbruch die Familie Huber heimsucht, warten alle auf den Papa, der das Wasser stoppen soll: „Komme gleich“, ruft er. Aber er kommt nicht. Es dauert. Und dauert. „Er musste sich erst seine Krawatte binden, sonst hätte er nicht helfen können“, sagt Wolfgang Huber und lacht.
So war er: jederzeit stilvoll. Und er war Mitglied der berühmten Weißen Rose. Das sechste Flugblatt entwirft er allein. Hans und Sophie Scholl schmeißen es vor 75 Jahren, am 18. Februar 1943, in den Lichthof der Münchner Uni. Die Nazis lassen die Geschwister verhaften, wenig später holt die Gestapo auch Huber. Kurz vor seiner Hinrichtung schreibt er seiner Familie einen Abschiedsbrief: „Du liebes Kind, dein blondes Haupt hab ich als letztes sacht geküsst“, schreibt Kurt Huber an seine Tochter Birgit, 13. An seine Frau gerichtet schreibt er: „Dem Jungen aber, wenn er groß wird, sag, Ich sei gestorben, Euch in Liebe segnend.“
Der Junge, den alle nur „Wolfi“ nennen, spürt ihn schon bald, diesen Schatten des Vaters. Nach dem Krieg, am allerersten Schultag in der Volksschule, fragt ihn sein Sitznachbar: „Bist du der von dem Geköpften?“ Ein Albtraum für den Buben. Die Volksschulzeit hat er sowieso in keiner schönen Erinnerung. Und auch zu Hause hatten sie ein merkwürdiges Verhältnis zum toten Vater. „Wir haben am Anfang nicht über ihn gesprochen“, sagt Wolfgang Huber, „und wenn, dann in den höchsten Tönen.“
Kurt Huber, der Professor, der durch das Nazi-Beil starb, war plötzlich ein Über-Vater, eine kaum zu erreichende, unendlich mutige, unendlich intelligente Lichtgestalt. Das kann natürlich stolz machen, aber es kann auch eine Bürde sein. Vor allem wenn man der Sohn ist. Wolfgang Huber wird später selbst Professor, er lehrt Sprachwissenschaften an der Katholischen Uni Eichstätt.
Erst als er um die 50 ist, beschäftigt er sich ernsthaft mit dem Leben seines Vaters. Weil seine Ehefrau immer wieder nachfragt. Weil sie wissen will, was damals alles passiert ist. Wie das war mit den sieben hingerichteten Mitgliedern der Weißen Rose: mit Willi Graf, Hans Leipelt, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Hans Scholl, Sophie Scholl und eben mit Kurt Huber, der schon knapp 50 ist, als er sich der studentischen Widerstandsgruppe anschließt, obwohl er 1940 in die NSDAP eingetreten war. „Sie hat mir irgendwie meine Seele gelockert“, sagt Sohn Wolfgang Huber in einem BR-Interview über seine zuverlässig nachbohrende Frau. Er schreibt später sogar ein Buch über seinen Vater. Titel: „Kurt Huber vor dem Volksgerichtshof“. Er forscht in den Texten seines Vaters, in der Habilitationsschrift und natürlich in der brillanten Verteidigungsrede des bereits zum Tode verurteilten Professors. Eine Passage daraus lautet: „Es gibt kein furchtbareres Urteil über eine Volksgemeinschaft als das Eingeständnis, das wir uns alle machen müssen, dass keiner sich vor seinem Nachbarn, der Vater nicht mehr vor seinen Söhnen, sicher fühlt.“ Der Sohn erliest sich seinen Vater. Er kommt ihm unendlich nahe, obwohl der Papa schon lange tot ist. Das ist das Schöne an dieser ansonsten todtraurigen Geschichte.
Neben Wolfgang Huber sitzt Markus Schmorell. Er ist der Neffe von Alexander Schmorell, der als Mitglied der Weißen Rose ebenfalls ermordet wurde. Markus Schmorell wurde erst nach dem Krieg geboren, er ist Jahrgang 1951. Er lebt in Hohenfurch im Kreis Weilheim-Schongau. Seit einem Jahr ist er in Pension, davor war er Leiter des Amtes Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Weilheim. Auch er hat ganz ähnliche Erfahrungen wie Wolfgang Huber gemacht. Schon als kleiner Bub hat er gemerkt, dass er in eine besondere Familie hineingeboren wurde. „Man spürt“, sagt er, „dass da etwas ist.“ Aber er konnte es nicht benennen.
Markus Schmorell wächst in München auf. Als er in die Volksschule geht, kommt er jeden Tag am Schmorellplatz in Harlaching vorbei. „Ich dachte, das ist ganz normal – und jeder in der Klasse hat einen eigenen Platz irgendwo in München.“ Erst später erfährt er von der Oma, da ist er vielleicht sieben, wer sein Onkel ist: Mitbegründer der Weißen Rose, Jahrgang 1917, geboren in Russland, 1921 mit dem Vater nach München gekommen, Mutter früh gestorben, im Jahr 1940 als Sanitäter an die Westfront beordert, dann Widerstandskämpfer. Er ist 25, als er durch das Fallbeil stirbt. 2012 spricht ihn die russisch-orthodoxe Kirche heilig. Auch das: ein Gigant des deutschen Widerstands.
„Es ist eine Frage der Selbstreflexion, sich mit ihm zu beschäftigen“, sagt sein Neffe. Und: „Was ich an meinem Onkel besonders bewundere, ist die Wahrheit sich selbst und seiner Zeit gegenüber.“ Markus Schmorell liest immer wieder in den Briefen der Weißen Rose – er liest sie immer wieder neu. „Ich bin überrascht, wie aktuell sie sind. Kurt Huber fordert zum Beispiel die Freiheit der Religionen – aller Religionen.“ Ein Thema, findet Schmorell, das unsere Zeit beherrscht wie kein anderes.
Nur eines stört ihn: „Die Weiße Rose wurde schnell auf die Geschwister Scholl reduziert.“
Wolfgang Huber neben ihm sagt: „Vor allem Sophie Scholl hatte eigentlich eine eher untergeordnete Rolle. Aber in unserer Zeit braucht man immer eine starke Frau.“
Das kann man jetzt merkwürdig finden, dass die Familien der Ermordeten heute noch streiten, wer wichtiger war. Aber vielleicht, wenn man es von einer ganz anderen Seite betrachtet, dann ist es ein Glücksfall. Die Geschichte der Weißen Rose, ihr Andenken ist längst nicht auserzählt. Sie ist kein museales Erinnerungsstück, kein verblassendes Gedenkritual. Es wird gestritten. Die Weiße Rose rührt noch immer die Herzen und strengt den Geist an. Ein würdigeres Vermächtnis ist kaum möglich. Oder in den Worten von Wolfgang Huber: „Das alles“, sagt er, „bin ich meinem Vater fast ein wenig schuldig.“ So hat er es vorgelebt, jener Vater, den er verlor, als sein eigenes Leben begann.